Wenn der erste Eindruck auch der letzte ist

Dann ist das ein Riesenproblem. Weil es uns lähmt.
Von Nadja Schlüter
Illustration: Daniela Rudolf

Von außen betrachtet war die Situation extrem unspektakulär: Ich ging in dieses Büro, gab einen Stapel Post bei einem entfernten Bekannten ab, er saß da und sagte „Danke“ und wir machten noch kurz Konversation über den Menschen, über den wir uns kennen. Von innen betrachtet, also aus meinem Kopf heraus, war die Situation aber sehr spektakulär: Ich war extrem angespannt, kaum in der Lage, auf eine einfache Frage zu antworten und fühlte mich wie schockgefroren. Bevor ich in das Gespräch finden konnte, war es auch schon wieder vorbei. Und ich ging aus diesem Büro und dachte mir, dass der Mensch im Büro mich für völlig bescheuert halten musste. 

Ich weiß schon: Man könnte „Ist doch egal“ sagen. Stimmt irgendwie auch, es ging hier ja nicht um einen Vorgesetzten und auch nicht um jemanden, mit dem ich ein persönliches Verhältnis anstrebe, sondern es war einfach nur ein kurzer Moment mit einem freundlichen Menschen am Rande meines Beziehungsfeldes.

Das Problem ist aber: Das Leben besteht aus solchen Momenten. Jeden Tag begegnet man unzähligen Personen für unzählige kurze Augenblicke und hinterlässt unzählige Male einen Eindruck. Beim Kassierer an der Supermarktkasse, wenn man vergessen hat, die Bananen zu wiegen. Bei der Angestellten an der Pfandannahme, wenn der Pfandautomat mal wieder streikt. Beim Sitznachbarn im Flugzeug, wenn man am Fenster sitzt und mal raus muss. Bei der Freundin einer Freundin auf einer Geburtstagsparty, wenn man zu viel getrunken hat. Beim Bruder eines Bekannten auf der nächsten Geburtstagsparty, wenn man müde ist. Immer ist man kurz die Nette oder die Blasse oder die Schlechtgelaunte oder die Müde oder die Plapperhafte. Oderoderoder.

Der erste Eindruck ist ja angeblich besonders wichtig ist. Das ist umso schlimmer, wenn man bedenkt, dass er bei den vielen Kurzbegegnungen gleichzeitig der letzte Eindruck ist. Weil man sich vermutlich nie oder nur selten wiedersehen wird. Es gilt noch immer: Man könnte „Ist doch egal“ sagen. Aber ich finde, es übt einen ungeheuren Druck aus. Zu wissen, dass man das, was man in diesem Moment macht, nicht wird korrigieren können. Wäre ja auch ziemlich komisch, wenn man später noch mal zur Pfandannahme-Frau geht und und fragt, ob sie den Witz, den man in dem kurzen Gespräch gemacht hat, wirklich blöd fand. Damit würde man alles nur noch schlimmer machen.

Weil ich weiß, dass ich mich nicht werde korrigieren können, kommt in solchen Momenten also der Schockfrost. Das Zeitfenster ist zu kurz, um eine weise Entscheidung zu treffen, wie man sich jetzt am besten verhält. Es ist sogar zu kurz, um die Atmosphäre der Situation zu erfassen, um erspüren zu können, ob sie grade eher lustig oder eher ernst ist. Man stolpert rein, man stolpert raus, und hat irgendeinen Stempel auf sich drauf und kann nur spekulieren, welchen. Man wird es vermutlich nie erfahren. 

Je länger man lebt, desto mehr solcher Momente sammelt man an. Grade, wenn man aus der Kuschel-Atmosphäre von Schule oder Uni ins Arbeitsleben fällt, passiert es auf einmal dauernd. Überall neue und flüchtige Bekannte, vor denen man sich blamieren oder vor denen man glänzen kann – aber eben immer nur einen ersten Eindruck lang. Am Ende sind die Momente mit ihnen unfassbar viel mehr als die ersten Momente mit Menschen, bei denen man eine Chance hat, sie später wieder auszubügeln. Oder zu vertiefen. Wenn man anfängt, darüber nachzudenken, wird man wahnsinnig. Oder zumindest sehr verunsichert. Ein Kollege fand heute ein Bild dafür: Das ist, als würde man vor einer Masse von Menschen stehen, die einen beurteilen, und die meisten machen den Daumen nach unten. Daneben stehen zehn Freunde und machen verzweifelte Daumen nach oben, „Der ist echt cool!“, sagen sie. Aber die anderen, die schütteln bloß den Kopf: „Nee, nicht cool.“

 

Man kann nur aufs Vergessen bauen. Jeden Tag hinterlässt und hat man unzählige erste Eindrücke – aber zum Glück sind sie nicht immer bleibend. Solange man bloß die Blasse war und nicht die, die aus der Blässe heraus irgendwo hingekotzt hat, wird der erste Eindruck vielleicht schnell verpuffen und dann bleibt: gar kein Eindruck. Und das ist immer noch besser als nur ein erster. 

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