Das Übergangsjacken-Dilemma

Die Entscheidung für oder gegen die leichte Jacke führt den Menschen an den Kern seiner Existenz.
Von Friedemann Karig
Foto: pixelputze / photocase.de
Jetzt ist wieder ihre Zeit. Oder doch noch nicht?  Die Übergangsjacke ist ein scheues Wesen. Ein schwieriger Fall. Sie bietet sich an, wenn die Sonnenstrahlen am Ende eines Sommers mit den Vögeln verschwinden. Und wenn sie am Ende des Winters wieder auftauchen. Morgens ist es dann noch kalt. Aber wie kalt genau? Schon warm genug, um die Winterjacke wegzulassen?  

Das ist eine dieser winzigen Weichenstellungen, am Lauf der Welt gemessen eine Nichtigkeit, neudeutsch: ein First World Problem. Das einem aber doch seltsam an die Seele geht. Das mit dem Herzen getroffen werden will. Vielleicht, weil diese einzige, eigene, selbstständig gefällte Entscheidung einen ganzen Tag bestimmen kann. Das Leben ist voll von Jas oder Neins. Aber selten merken wir ihre Konsequenzen so nah. Es bräuchte einen radikalen Entschluss: Weg mit der Winterjacke! Einmotten. Kellerhaft! Aber, Angst: Ist man damit zu früh? Verliert nicht der beim Poker, der als erstes zuckt?

"Der Mensch braucht nur zwei Dinge in seinem Leben", sagte mein Oma. "Einen guten Wintermantel und einen guten anderen Menschen. Dann ist ihm nie kalt." So besitzt man einen Mantel, vielleicht zwei. Und unvernünftig viele Übergangsjacken. Oft aus "purer Lust an der Freud´" (Oma) gekauft. Sie können aus Leder, Stoff, Wachs sein. Jede Farbe zeigen. Dick oder Dünn, mit Daunen gefüttert oder gegen Regen imprägniert sein. Zwei Dinge haben sie gemein: Sie sind hübsch. Und eher zu kalt. 

Also steht man morgens in der schwach beleuchteten Diele, dieser Übergangsjacke unter den Räumen, und spürt für einige Momente die Verlockung des Leichtsinns. Und gleichzeitig die Lasten der Welt auf den schmalen Schultern: Riskiert man es? Wie mutig ist man? Will man sein? Heute? Und im Leben? Was gibt es zu gewinnen?

Wir Mitteleuropäer, behauptete mal ein Gelehrter, seien deswegen so weit in der Zivilisation, weil wir Wetter haben.

Man erkennt: Die Entscheidung für oder gegen die Übergangsjacke ist gar kein Ersteweltproblem. Sie führt den Menschen an den Kern seiner Existenz. Es geht ja im Leben immer nur darum, etwas zu wagen oder eben auf Nummer Sicher zu gehen. Und im Zweifelsfall scheuen wir das Risiko. Sind eben doch die Nachfahren der Artgenossen, die vorsichtiger waren, weil die anderen zu tot waren, um sich fortzupflanzen. Apropos Vorfahren: Wie gut diese Bevormundung jetzt tun würde, mit der Papa oder Mama, damals, das Thema erledigte: "Du ziehst besser was Vernünftiges an." Erwachsen sein bedeutet wohl vor allem, das eigene Frieren verantworten zu dürfen. Ein Seufzer. Ein letzter Blick über die textilen Optionen. Ein Griff in die Garderobe.

Wir Mitteleuropäer, behauptete mal ein Gelehrter, seien deswegen so weit in der Zivilisation, weil wir Wetter haben. Jederzeit kann es regnen, stürmen oder schneien. Ständig müssen wir reagieren, vorbauen, nachbessern, schützen. Plötzlich kann es uns die Ernte verhageln. Also brauchen wir Vorräte, Planung, Technik. Die Geschichte der Menschheit, sie ist eine einzige Abwägung zwischen verschiedenen Jacken. Diese Theorie macht ein beiläufiges Hineinschlupfen unmöglich.

Egal was man jetzt also anzieht: Es fühlt sich, drinnen, schon falsch an. Die Winterjacke Michellin-Männchen-artig zu dick. Die Übergangsjacke wie aus Luft. Man zögert. Fragt vielleicht den einen wärmenden Menschen. Schaut in den Spiegel. Sieht schon gut aus. Aber ist es auch warm genug? Zu warm? Wie sehr macht man sich zum Depp, wenn sich nachher der Stern einen Weg durch die Wolken brennt? Oder – andersrum immer schlimmer – es anfängt zu stürmen?

Dann geht man raus. Sieht die anderen Jackenträger. Alle scheinen verunsichert. Die einen im Pulli, die anderen mit Mütze und Schal. Schaute ein Alien von oben auf die Erde an solchen Tagen, es könnte an der Kleidung der Leute nicht mehr das Wetter ablesen, wie noch den ganzen Winter oder Sommer vorher. Ob es im Weltraum auch Übergangsjacken gibt?

Morgen, nimmt man sich vor. Morgen ist man schlauer.

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