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Emojis sind die neue Universal-Sprache? Blödsinn!

Denn in jedem Chat benutzen wir eine eigene Emoji-Sprache, die niemand anders versteht.
Von Nadja Schlüter
  • emoji code
    Illustration: jetzt

Alle sprachlichen Grenzen überwinden! Ein Traum! Der mit Emojis angeblich in Erfüllung gegangen ist. Irgendwie stimmt es ja auch: ein lachendes Gesicht ist ein lachendes Gesicht, das sieht auf Arabisch, auf Deutsch, auf Englisch, auf Chinesisch gleich aus. Darum wurde in Großbritannien vergangenes Jahr ein Emoji zum „Wort des Jahres“ gekürt: das lachende Gesicht mit Tränen in den Augen. Vergeben wurde der Titel von Oxford Dictionaries und begründet wurde er mit schon genanntem Argument: "Emojis sind zu einer wichtigen Form der Kommunikation geworden, die sprachliche Grenzen überwinden kann."

Das klingt gut. Aber eigentlich stimmt es ja nicht. Nicht ganz jedenfalls. Denn sprachliche Grenzen überwinden Emojis nur insofern, als damit Sprache im Sinne von Buchstaben und Worten überwunden wird – man schickt ein lachendes Gesicht, statt in Worten auszudrücken, dass man lachen muss/fröhlich ist/dem anderen wohlgesonnen ist/die letzte Aussage nicht ganz ernst gemeint hat. 

An dieser Aufzählung merkt man schon: Verständigungsgrenzen werden nicht zwingend überwunden. Denn nicht jeder verwendet Emojis gleich. Im Gegenteil: Jeder verwendet sie anders. Ich glaube sogar, dass jeder sie in jeder einzelnen Konversation anders verwendet. Dass wir mit jedem Gesprächspartner eine eigene Bildsprache erfinden. Einen eigenen Emoji-Code.

Beispiel Chat mit meiner Mutter: Ich mache hinter fast jeder Nachricht ein lächelndes Gesicht. Nirgends sonst benutze ich das so oft. Sie macht das auch. Wer damit angefangen hat? Keine Ahnung. Vielleicht sie und ich habe mich angepasst, weil ich das Gefühl hatte, sie versteht mich sonst falsch. Vielleicht ich, weil ich von Anfang an das Gefühl hatte, sie versteht mich sonst falsch, und dann hat sie sich angepasst. Mit den Lachgesichtern geben wir unserem Gespräch einen dauerhaft leichten Ton. Das ist gleichzeitig eine Art Verbot, hier ernst Dinge zu besprechen. Unser Emoji-Code programmiert unsere Konversation auf Smalltalk.

Mit Emojis überwinden wir die Sprache nicht, sondern erfinden neue Sprachen

Manchmal verstehen wir uns aber trotz Emojis auch einfach nicht. Sie verwendet zum Beispiel gerne diese kleinen Frauen, die Sachen mit ihren Händen und Armen machen (über den Kopf, über Kreuz). Einfach so. Ich verstehe dann nicht, was sie mir damit sagen will, vielleicht will sie mir damit auch gar nichts sagen, sondern findet sie einfach lustig. Ich habe nie nachgefragt. „Was meinst du mit diesem Emoji?“ ist eine Frage, die man nicht stellt. Emojis sollen ja schließlich (angeblich!) dazu da sein, sich nicht darüber unterhalten zu müssen, was dies und das jetzt heißen soll. 

Andere Chats haben andere Sitten. Da ist die Freundin, mit der ich Emojis vor allem dafür verwende, zu bebildern, was wir geschrieben haben. „Ich bring das gleich zur Post“ wird ergänzt durch einen kleinen Brief und ein Posthorn, „Gute Besserung“ durch eine Tablette und eine dampfende Tasse. Da ist die Freundin, mit der der Code kompliziert-ironisch ist. Vor allem die verfügbaren Tiere tauchen immer wieder auf, auf ein Froschgesicht von ihr antworte ich mit einem Mäusegesicht, auf eine Schnecke von mir antwortet sie mit einer Schildkröte. Während der Ton mit meiner Mutter immer fröhlich ist, ist er hier immer etwas aufgekratzt und albern – und Lachgesichter verwenden wir nie. Es gibt auch die Menschen, mit denen ich gar keine Emojis verwende (Wer damit angefangen hat? Keine Ahnung). Oder die, bei denen es unerlässlich ist, Zwinker-Smileys einzusetzen, um einen Witz und Ironie zu markieren – weil es schon immer so war (Wer damit angefangen hat? Keine Ahnung) und ein Witz (egal, wer von uns ihn macht) ohne einen Zwinkersmiley automatisch falsch verstanden würde. Und dann gibt es noch die Emojis, die ich niemals verwenden würde, weil sie mir zuwider sind. Zum Beispiel den zwinkernden, der die Zunge rausstreckt. Den finde ich vulgär. Es kommt bei mir auch so rüber, wenn jemand ihn verwendet: vulgär. Als hätte mein Gegenüber, würden wir in echt miteinander sprechen, eine Wortwahl, die ich zu barsch finde, und derentwegen wir uns nicht richtig verstehen können. 

Ich könnte jeden einzelnen Chat auf meinem Telefon durchgehen und würde überall einen eigenen Emoji-Code entdecken. Und ich glaube, jeder könnte das. Das bedeutet nicht, dass es nicht gerechtfertigt ist, ein Emoji zum Wort des Jahres zu machen. Es bedeutet höchstens, dass die Begründung falsch ist. 

Emojis sind nicht universell. Mit Emojis überwinden wir die Sprache nicht, sondern erfinden neue Sprachen. Kleine Einzelsprachen, gesprochen von zwei Personen untereinander. Mit allen Hochs und Tiefs jeder Sprache: gut kommunizieren können oder sich missverstehen, auf der gleichen Wellenlinie sein oder auf verschiedenen. Der Emoji—Code ersetzt die Sprache nicht. Er ergänzt sie.