Wenn Papa dir Pfefferspray anbietet

Warum manche Menschen Gradmesser dafür sind, wo die Welt gerade steht. Und warum sie so wichtig sind.
Von Nadja Schlüter

Ich schau, was du machst, und dann weiß ich, wie es grade um die Welt steht.

Illustration: Daniela Rudolf

Mein Freund L. hat neulich beim Mittagessen geniest und ganz rote Augen hatte er auch. Er habe Allergie, sagte er. „Was, jetzt schon?“, fragte ich. Und dann dachte ich, dass ich es ja neulich auch schon gespürt habe: Die Sonne scheint schon ein bisschen wärmer. Es riecht schon etwas milder. Und unterm Baum wachsen Schneeglöckchen. Aber erst jetzt, durch L.s Allergie, konnte ich mir ganz sicher sein: Der Frühling kommt. Der niesende L. ist der zuverlässigste Frühlingsbote in meinem Freundes- und Bekanntenkreis.

Durch L. weiß ich also, wann der Winter geht. Aber es gibt noch mehr Menschen, die mir helfen einzuordnen, wo die Welt gerade steht. Nicht nur, was ihre Jahreszeiten angeht, sondern auch ihre Trends, ihre politischen Themen und Stimmungen oder ihre Witze. Und ich meine jetzt nicht die altbekannten Trendsetter, die Menschen, die plötzlich so eine Brille tragen, von der man dann weiß, dass sie in einem halben Jahr alle tragen werden, weil Trendsetter sowas eben immer vorher erspüren. Nein, ich meine die Menschen, an denen man ablesen kann, wenn etwas wirklich angekommen ist, in dem, was man wohl „Mitte der Gesellschaft“ nennt. Die einen Mainstream, ein Grundgefühl abbilden, und manchmal auch das, was nach dem Mainstream kommt – wenn etwas durch und damit langweilig ist oder wenn es ins Extreme kippt.

Da ist zum Beispiel mein Vater, der immer zuverlässig anzeigt, was gerade die größte Sorge der breiten Mittelschicht ist – und der mich fragt, ob ich ein Pfefferspray brauchen könne. Meiner Schwester habe er schon eines gegeben. Heißt: Eine diffuse Angst vor Übergriffen ist gerade wirklich weit verbreitet. Da ist der Bekannte, der immer zuverlässig als Letzter Internet-Trends erkennt – und der damals irgendwann das Julia-Engelmann-Video gepostet hat. Heißt: Jetzt kennt es wirklich jeder. Da ist die ehemalige Klassenkameradin, die jede Facebook-Funktion ausprobiert – und die zum Beispiel diese seltsamen Widerrufs-Posts geteilt hat und bei ihren Statusmeldungen immer die „How are you feeling“-Einstellung nutzt. Heißt: Das machen Heavy-Facebook-Nutzer ohne kritische Grundhaltung eben so. Da ist die Freundin, die das Internet kaum nutzt – und die vieles, was in meinem Leben eine Rolle spielt, einfach nicht mitkriegt oder unwichtig findet. Heißt: So sieht die Welt für Menschen ohne Internet aus. 

 

Fast jeder Mensch, den man um sich hat, ist für irgendetwas ein Gradmesser, mal ein zuverlässiger, mal einer, der nur ganz leicht ausschlägt. Genauso bin ich für meine Freunde und Familie sicher auch ein Gradmesser für etwas. So helfen wir uns gegenseitig, unseren eigenen Platz in der Welt zu finden und diese Welt zu verstehen. Darum sind diese Gradmesser-Menschen auch viel wichtiger als die Trendsetter und Early Adopter. Die sind eigentlich bloß Konsumforscher und kurbeln den Kapitalismus an, weil dann irgendjemand was kauft oder runterlädt oder ausprobiert, nur weil sie es machen. Trendsetter bauen zum einen also Druck auf, weil sie nur anzeigen, was sein wird. Und zum anderen sind sie, wenn man’s genau nimmt, langweilig und bemüht. Die Gradmesser zeigen hingegen an, was ist. Sie sind wichtige Bojen im großen Meer der Informationen, Ereignisse, Meinungen und Handlungsmöglichkeiten, an denen man sich orientieren kann. Nicht in dem Sinne, dass man ihnen nacheifert, wie den Trendsettern, sondern weil sie uns helfen, den Überblick zu bewahren. Sie leben in einem System, lassen sich von bestimmte Strömungen in diesem System mitreißen, man kann ihnen zuschauen, wie sie darin treiben, und daran erkennen: So läuft in diesem Bereich also gerade der Hase beziehungsweise fließt der Strom. Interessant!

 

Anschließend kann man sich dann dazu irgendwie verhalten. Zum Beispiel beschließen, dass man lauter werden muss gegen die Angst da draußen. Beschließen, dass jetzt der Punkt gekommen ist, an dem man besser nicht mehr über Julia Engelmann redet, weil es langweilig oder anstrengend wird – oder dass man jetzt wirklich mal rausfinden muss, warum dieses Video sogar noch den letzten Menschen auf Planet Erde zu interessieren scheint. Beschließen, die Facebook-Funktionen verstehen zu wollen, auch wenn man sie selbst nicht nutzt. Beschließen, auch immer die zu bedenken, die das Internet nicht nutzen, oder selbst manchmal eine Pause davon zu machen, um den Blickwinkel zu ändern.

 

Das ist am Ende vielleicht sowieso das Wichtigste: Dass die Gradmesser Menschen sind, die nicht unbedingt genauso ticken wie man selbst. Dass man sich am besten mit möglichst vielen verschiedenen Menschen umgibt, die in ihrem Leben verschiedene Schwerpunkte haben. Eine Anti-Bubble. Denn in der eigenen Bubble messen alle Gradmesser nur, was man selbst misst.

 

Zugegeben, das Eingangs-Beispiel mit dem niesenden Freund, das passt nicht so ganz in diese Theorie. Aber erstens habe ich selbst keine Allergie (Anti-Bubble!) und zweitens ist es einfach ein schönes Beispiel (Frühling!). Ansonsten kann man den Frühling auch mit dem einfachsten Gradmesser der Welt messen: mit dem Thermometer.

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