Jedes Paar hat seine eigenen Beziehungs-Emojis

So wird eine Schildkröte zu einer geheimen Botschaft, die niemand sonst versteht.
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Seit Kurzem kommt öfter die Schildkröte auf mein Handy. Ich freue mich dann jedes Mal, denn die Emoji-Schildkröte bei Whatsapp ist ja wirklich besonders niedlich. Sie sieht aus, als würde sie gerade von rechts nach links durchs Chat-Fenster laufen, sehr aufrecht, aber natürlich auch sehr langsam.

 Der Mensch, der mir die Schildkröte auf mein Handy schickt, ist mein Freund. Sie wird gerade eines unserer „Beziehungs-Emojis“, also eines, das wir uns regelmäßig gegenseitig schicken, und gesellt sich damit zu dem gelben Halbmond, den wir uns vorm Einschlafen senden, wenn wir an unterschiedlichen Orten sind. Eine kleine (nicht repräsentative Umfrage) hat ergeben: Viele, die eine Beziehung (einige) und ein Smartphone (alle) haben, haben ebenfalls solche Beziehungs-Emojis. Es gibt da zum Beispiel:

  • die umeinander kreisenden rosa Herzchen, weil zwei Herzchen = zwei Menschen (und umeinander kreisen tun sie ja irgendwie auch). 
  • den Wal und den Frosch, wobei das eine Tier für den einen, das andere für den anderen Partner steht. 
  • den kleinen grauen und den kleinen gelben Vogel, wobei da auch wieder je ein Emoji für einen Partner steht – und wenn einer „seinen“ Vogel schickt, antwortet der andere mit dem anderen.
  • die Rakete im Facebook-Messenger. 
  • die Kombination „liebendes Paar – Mond – Pfeil nach rechts – Erde“, die für „I love you to the moon and back“ steht.
  • die Kombination „roter Punkt – Fuchs – Pfeil nach oben – Pfeil nach unten – Katze“, die für „Rotfuchsspringkätzchen“ steht, einen Namen, den das Paar mal gemeinsam für niedliche Rote Pandas erfunden hat.

Die Umfrage hat mich sehr glücklich gemacht. Weil die Beziehungs-Emojis die Smartphone-Kommunikation, die ja angeblich gegen persönliche Gespräche abstinkt, so viel herzlicher und romantischer machen. Und das gleich aus mehreren Gründen. 

Zum einen haben alle Beziehungs-Emojis eine universelle und unter Partnern wichtige Botschaft: „Ich denke gerade an dich.“ Das mitzuteilen ist immer gut. Zum anderen sind sie dabei aber auch Geheim-Botschaften, weil jemand, der nicht in der Wal-Frosch- oder der Umeinander-kreisende-Herzchen-Beziehung ist, diese Botschaft aus dem jeweiligen Emoji ja gar nicht herauslesen würde. Die Emojis, die auf jedem Smartphone gleich sind, werden also von jedem, der sie benutzt, und vor allem von Paaren, die ja ohnehin zu Insider-Kommunikation neigen, unterschiedlich interpretiert und mit Leben gefüllt. 

Das Beziehungs-Emoji ist wie ein Kosename, nur viel weniger kitschig

Ein kleiner gelber Vogel ist dann mehr als ein kleiner gelber Vogel. Er ist so etwas wie ein Kosename, übertragen auf ein kleines Bild, übertragen ins Digitale. Dabei aber viel weniger kitschig, als wenn jemand wirklich „mein Vögelchen“ sagen würde, weil die Übertragung des Kosenamen-Prinzips auf ein Emoji Distanz zu dieser Verniedlichung erzeugt – zum einen, weil man sie nicht ausspricht, zum anderen, weil das kleine gelbe Vogel-Emoji ja nicht als Kosename erfunden wurde. Trotzdem denkt der eine Partner beim Anblick des Emojis dann eben ganz konkret an den anderen. Und das vermutlich sogar auf eine zärtlichere, positivere Art, als wenn der andere zum Beispiel ein Selfie schicken würde, aufgenommen bei schlechtem Licht und aus einer gar nicht mal so schmeichelhaften Perspektive.

Wenn jetzt doch wieder jemand kommt, der das als völlig unromantisch und unsozial verteufelt und fordert, dass die Menschen doch bitte wieder mehr persönlich miteinander sprechen sollen, dann kann man ihm entgegen halten: Die Auswahl der Emojis ist ja nicht zufällig, dahinter steckt oft eine gemeinsame, persönliche Geschichte. Etwas, das einer von beiden sehr mag. Wale zum Beispiel. Etwas, bei dem man beieinander war, das man sich zusammen ausgedacht oder zusammen erlebt hat, über das man gemeinsam lachen musste. Kleine Rote Pandas zum Beispiel.

Mit das schönste an den Beziehungs-Eomjis ist aber, dass sie sich immer wieder verändern. Sie sind nicht statisch, nicht für immer festgeschrieben. Sie können, wenn man sie regelmäßig nutzt, wie ein kleines Beziehungs-Archiv sein. Die Schildkröte zum Beispiel gibt es in meinem Paar-Chat erst, seit wir im letzten Urlaub sehr große Schildkröten erst gesucht, und dann gefunden und bewundert haben. Darum ist das kleine Emoji eine neue geheime Botschaft, die nur wir beide verstehen, und die Schildkröte trägt nicht nur eine „Ich denke gerade an dich“-Botschaft auf ihrem Rücken, sondern auch eine gemeinsam Erinnerung. Etwas, das uns verbindet. 

In ein paar Monaten gibt es vielleicht wieder ein neues Emoji, weil es eine neue Geschichte gibt, die wir uns damit erzählen können. Vielleicht ist es der Baum mit der runden Krone oder der Kuchen mit den Kerzen drauf oder eine Kombination, aus der sich ein bestimmter Begriff ergibt. Ich weiß es noch nicht. Aber ich freue mich drauf.

*Damit die Geheim-Botschaften weiterhin geheim sind, möchte die Autorin dieses Textes anonym bleiben.

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