"Du, sorry, ich muss kurz aufs Klo"

Über den kritischsten Moment des Party-Gesprächs.
Von Mercedes Lauenstein

Foto: *romy/photocase.de

Sterben müssen wir alle, sagen die Leute lebensklug und tun so, als sei das die einzig tröstliche Gemeinsamkeit der Menschen. Was aber zum Beispiel auch alle müssen: auf die Toilette gehen.

Das Tolle an Dingen, die jeder muss: Sie geben so gute Ausreden und Entschuldigungen ab. Tod, Krankheit, Toilettenbedürfnisse: Dafür hat jeder sofort Verständnis. Das ist tröstlich und wunderschön und menschlich – und man darf es nicht missbrauchen. 

Tut man aber. Wohldosiert und wirklich nur in Notsituationen, aber man tut es. Tod und schwere Krankheit, damit schwindeln nur Kleinkriminelle, aber alles zwischen Ich-muss-aufs-Klo und Ich-hab-Kopfschmerzen ist als Alltagsausrede recht salonfähig. Der Tisch muss abgeräumt werden? Ich muss aufs Klo! Die Referate im Uni-Seminar werden verteilt? Ich muss aufs Klo! Gehst du mit Joggen? Immer, aber grad heut hab ich leider Kopfweh!

Die Klo-Ausrede ist besonders ideal für Partyunterhaltungen der langweiligen bis unbehaglichen Sorte. Du, ich bin sofort wieder bei dir, ich muss nur eben auf die Toilette, - und zack, hat man sich erfolgreich davon gestohlen.

Nun ist aber die traurige Wahrheit, dass man manchmal auch wirklich aufs Klo muss. Und dass es auch Partyunterhaltungen gibt, über die man sehr glücklich ist, in denen man sich herrlich amüsiert oder besonders intensiv über etwas philosophiert. Die man also auf gar keinen Fall beenden will. Wenn man dann aufs Klo muss, wird es kritisch.

Es fängt damit an, dass einem die Notdurft dämmert. Was einem im Schwebezustand des Rauschs ja sowieso ungehörig erscheint. Körperliche Misslichkeiten sind fehl am Platz, wenn man sich göttlich und unbesiegbar fühlt.

Jetzt gilt es, einen Moment zu finden, in dem man fliehen kann. In einer eifrigen Unterhaltung ist das aber nicht leicht. Man möchte ja mit diesem dumpfen, immer auch etwas peinlichen: „Ich muss aufs Klo“-Satz das schöne Gesprächslodern nicht löschen.

Denn das könnte ganz falsch rüberkommen. Immerhin nickt man ja konzentriert den Worten des Gegenübers hinterher, immer schön das eigene Interesse signalisierend, den anderen zum Weitersprechen ermunternd. Im eigenen Hirn sorgsam die Dinge auf dem Schirm haltend, die man ja auch noch sagen wollte, für die aber noch keine Zeit war. Jetzt, ausgerechnet jetzt, mittendrin in diesem intellektuell und emotional hochbrisanten Superpaartanz einfach von einer Sekunde auf die andere abbremsen? Alles fallen lassen und platt aufs Klo rennen? Wer macht sowas?

Das sähe ja aus, als habe man die letzten paar Minuten schon nicht mehr zugehört. Als suche man nur eine Entschuldigung, das Gespräch endlich loszuwerden. Nein, das will man nicht. Also wartet man auf eine natürliche Pause und versucht, den Drang bis dahin zu ignorieren.

Aber diese Pause kommt nicht und irgendwann drückt es nicht mehr nur, es fängt schon an zu stechen. Man muss sich leicht nach vorn beugen, es schmerzt. Jetzt muss er raus, der plumpe Satz, ganz egal, ob das Gegenüber grad mit Tränen in den Augen vom Unfalltod der Mutter erzählt, mühevoll seine komplizierte Theorie von der Notwendigkeit der Monogamie zusammenflicht oder sich nur noch einen halben Meter vor der lustigsten Pointe der Welt befindet - es hilft nichts, es bleibt keine Zeit mehr, man muss den Flow des Gesprächs jetzt sofort killen.

Und: Man muss klar machen, dass man wirklich muss. Dass man nicht fliehen möchte. Dass man ganz im Gegenteil noch so viele Gedanken im Kopf hat, die man unbedingt dazu sagen möchte. Dass dieses Toilettenbedürfnis nicht wie die anderen Toilettenbedürfnisse ist, sondern ein ernstes. Und dass man sofort zurück ist.

Eid geschworen stürmt man schlechten Gewissens davon und möchte sich wirklich arg beeilen. Und dann: Kloschlange. Es dauert. Und dauert. Irgendwann stürmt man zurück zur Unterhaltung - und wenn sie noch da ist, ist alles gut und man kann lachen und sagen: Wirklich, siehst du, hier der Beweis, ich bin wieder da, wo waren wir stehen geblieben? Und hoffen, den Flow wieder ranzuzüchten.

Eine Party ist ein kleines Meer mit Wellengang. Und die Menschen darin sind Treibholz

Aber man ist eben auf einer Party. Die Wahrscheinlichkeit, dass einen in der Zeit, in der man auf dem Klo warten musste, andere Menschen ersetzten und mit der eigenen Unterhaltungsperson eigene Gespräche anfingen, ist groß. Man kommt dann zurück und muss alles, was man sich zu dem tiefen Gespräch noch ausgedacht hatte, einfach runterschlucken. Denn jetzt hingehen und unterbrechen mit den Worten: Wollen wir bitte weiterreden?, - das ist pathetisch und peinlich.

 

Groß ist aber auch andersrum die Wahrscheinlichkeit, dass man selbst nach dem Klogang kurz abgelenkt wird: Dass man beiseite gezogen wird oder von jemandem begrüßt, den man lang nicht gesehen hat. Dass man höflich drei, vier Fragen beantwortet hat, einen Schnaps mittrinken musste und schließlich unbemerkt verloren gegangen und sein Versprechen der Klowiederkehr nie eingelöst hat. Eine Party ist eben ein kleines Meer mit Wellengang und die Menschen darin sind Treibholz oder Plankton, und je mehr sie trinken, desto treibholzplanktonhafter werden sie: ein einziges Schwappen und Schwippen und Driften und Treiben und Blubbern. Man geht einander verloren, obwohl man vereinbart hatte, dass es nicht passieren wird.

 

Am Ende ist es natürlich egal. Geplatzte Partyunterhaltungen sind kein großes Drama. Sie geraten in Vergessenheit. So ein Partymeer ist ja auch ein sehr schleierhaftes Meer, der Sand vom Boden ist aufgewühlt und die Dinge sind undurchsichtig und erscheinen morgen nur mehr wie ein merkwürdiger Traum. 

Aber manchmal, wenn das eigene innere Meer in den Tagen danach wieder klar geworden ist, schimmert da etwas am Grund und man schaut hin und denkt: Oh nein! Da war ja was! Das kleine Missverständnis darüber, wie die Sache mit dem Auf-die-Toilette-müssen denn nun gemeint war. Was denkt die andere Person wohl darüber, falls sie sich erinnert? Glaubt sie, betrogen worden zu sein, stehen gelassen, mit der Klo-Ausrede abgespeist? Oder, auch ein schlimmer Gedanke: War vielleicht andersherum sogar sie froh, dass man endlich auf Toilette musste, und sie einen los war? Oh Rätsel des Partymeeresgrundes, Mythen und Fallstricke der Notdurft!