staedtespitznamen
Collage: Daniela Rudolf

Ich sage „Stachus“, nicht Karlsplatz. Ich sage auch „im Prinze“, nicht „im Prinzregentenstadion“. Mittlerweile. Denn lange kam es mir völlig falsch vor, Spitznamen für Münchner Orte zu verwenden. Lange habe ich nicht mal die normalste aller Abkürzungen benutzt habe, nämlich den Straßennamen ohne „Straße“ – Läden waren in der Fraunhoferstraße, nicht „in der Fraunhofer“. Bummsaus.

Ich lebe seit mehr als vier Jahren in München. Und seit etwa einem Jahr habe ich das Gefühl, Gebäude, Straßen und Plätze der Stadt mit Spitznamen ansprechen zu dürfen. Wenn ich aber zum Beispiel zu Besuch in Berlin bin, dann sage ich „Kottbusser Tor“, „Boxhagener Platz“ und „Görlitzer Park – und finde alle vermessen, die auch nur zu Besuch sind, aber „Kotti“, „Boxi“ und „Görli“ sagen. Denn ich glaube, dass man eine Stadt nicht einfach so ankumpeln darf. Dass man sich dafür erst gut genug kennen muss.

In einer Stadt leben, das heißt im besten Falle, sich mit ihr anzufreunden. Sie kennenzulernen, Wege zu erkunden und irgendwann im Schlaf zu finden, sie anzusehen und zu denken: „Verrückt, als ich vor drei Jahren ankam, sah diese Stadt noch ganz anders aus für mich“ – kleiner oder größer, hässlicher oder schöner, in jedem Fall aber: fremder. Und darum sprach man sie auch anders an, mit vollem Namen, oder besser gesagt mit vielen vollen Namen. Für liebevolle Abkürzungen und lokal eingefärbte Traditionsnamen war es einfach noch viel zu früh. Das wäre ein unangemessenes Ranwanzen an die Stadt gewesen, man wäre sich viel zu schnell viel zu nah gekommen. 

Eigentlich ist es da mit Städten genau wie mit Menschen: Die spricht man mit ihrem vollen Namen an, wenn man sie kennenlernt (Ausnahme: Sie stellen sich mit ihrem Spitznamen vor). Während andere „Jenny“ und „Flo“ rufen, sagt man brav und förmlich „Jennifer“ und „Florian“. „Flo“, das sagt man erst, wenn man mal zusammen betrunken war, sich gestritten hat oder die schlechte Laune des anderen miterleben musste. Vorher wäre es viel zu kumpelhaft, und zwar einseitig, und damit beinahe schon übergriffig. Wenn ein Typ sich auf der Party als „Florian“ vorstellt, und man sagt „Schön dich kennenzulernen, Flo!“, dann ist das, als hätte er einem die Hand geben wollen und man habe ihn stattdessen richtig fest geherzt. Eine Steigerung wäre noch, wenn man „Flöchen“ sagen würde – das wäre dann wie unvermittelt Knutschen. Spitznamen haben also etwas mit Vertrautheit zu tun. Sie sind ja eine Art Vorstufe der Kosenamen, eine Umarmung als Wort, ein Sich-Nahe-Sein, vielleicht sogar ein kurzes Streicheln.

Berlin-Besucher, die „Boxi“ sagen, stellen sich zu Unrecht als Insider dar

Das Verwenden von Spitznamen ist aber noch dazu ein Distinktionsmerkmal, man drückt damit nicht nur nach Innen, sondern auch nach Außen hin diese Vertrautheit aus. Wer Florian „Flo“ nennt, während Sibylle daneben steht, der sagt damit zu Sibylle: „Ich kenn den. Ich kenn den gut!“ Das ist noch stärker so, wenn der Spitzname nicht nur eine Abkürzung des Namens ist, sondern irgendeine Geschichte hat. Wenn Florians Freunde ihn zum Beispiel „Budi“ nennen, weil er das mit 14 bei icq mal so geschrieben hat, als er jemanden mit „Buddy“ ansprechen wollte. Jemand, der erst mit Mitte zwanzig in Florians Freundes- und Bekanntenkreis aufgenommen wird, wird vielleicht nie das Recht erwerben, „Budi“ zu sagen. 

Wieder zurück zu den Städten: Da ist die Außenwirkung der Spitznamen noch stärker als bei Menschen. Berlin selbst wird sich ja wohl kaum beschweren, wenn man „Boxi“ sagt, obwohl man erst einmal dran vorbeigelaufen ist. Aber jemand, der dort lebt, könnte sich zu Recht beschweren. Er kennt den Platz und er darf das kundtun, indem er ihn namentlich kost. Dann wissen die anderen: „Der sagt ‚Boxi’, der ist von hier.“ Besucher, die „Boxi“ sagen, missbrauchen das, sie stellen sich zu Unrecht als Insider dar. Die gleichen Menschen haben als Touristen immer Angst, als Touristen erkennt zu werden. Und sind sicher auch solche, die anderen Menschen zu schnell zu nah kommen. 

Spitznamen brauchen also Zeit. Auch Städtespitznamen. Vielleicht, um es mal ganz esoterisch auszudrücken, muss man sie fühlen. Man muss das Gefühl haben, angekommen zu sein. Man muss als zugezogener Münchner in sich hinein lauschen und ausprobieren, ob man mit voller Überzeugung „Isar-Highway“ sagen kann, und wirklich weiß, wovon man spricht. Ob man sie vor sich sieht, die Straße am Fluss, auf der Autos brausen und neben der sich Radfahrer schneiden. Wenn ja, dann raus damit. Und sich bewusst sein, dass man diese Straße in diesem Moment umarmt.