Studienbeginn ist die Hölle

Aber das ist gut. Denn nur so knüpfen wir Freundschaften.
Von Veruschka Haas
Illustration: Lucia Götz

Die erste Zeit an der Uni war für mich die Hölle. Ich musste meinen Stundenplan erstellen und wurde dabei mit Hunderten von Kursen konfrontiert, von denen ich nicht sicher war, ob ich sie überhaupt belegen kann, muss oder sollte. Teilweise überschnitten sich die Kurse, vier waren zur gleichen Zeit, manche sogar samstags. Beim ersten Mal Stundenplan-Erstellen saß ich dementsprechend ewig vor dem PC. Es flimmerte langsam vor meinen Augen, ich hatte zu lange auf den Bildschirm gestarrt und durch die Kurse gescrolled. Dann kam die Panik. Was würde passieren, wenn ich in keinen Kurs reinkäme? Würde ich mein Studium dann nie fertig bekommen? Auf ewig an der Uni festhängen? Also belegte ich mal alle Kurse – oder zumindest so viele wie möglich. Sicher ist sicher.

Nachdem ich in ein paar Kurse reingekommen war, gab es aber direkt das nächste Problem. Wo zur Hölle war denn der dumme Raum? Ich lief schon verzweifelt seit 20 Minuten durch das Gebäude, hatte nur noch zehn Minuten, bis die Vorlesung anfing. Aber der Raum B 120 war nirgendwo zu finden. Ich hatte nicht erwartet, dass das so schwierig sein würde. Ich war im ersten Stock in dem Teil des Gebäudes, der als A bezeichnet wurde. Da durfte doch B 120 nicht weit entfernt sein? Theoretisch sollte der Raum direkt vor mir sein, aber dort war nur eine Wand. Nervös schaute ich mich um, suchte nach einer Tür. Und da sah ich ihn – einen ähnlich verzweifelt wirkenden Mitstudenten, der den Gebäudeplan an der Wand ein paar Meter weiter betrachtete. Ich nahm allen Mut zusammen und beschloss, ihn anzusprechen.

So wie wir fühlt sich jeder am Anfang

„Hi, bist du zufälligerweise auch in der Literaturvorlesung über das 19. Jahrhundert?“, fragte ich ihn. Er nickte und ich fühlte mich erleichtert. Ein Leidensgenosse. Nach fünf Minuten fanden wir zusammen heraus, dass man zu dem Raum nur aus dem tiefergelegenen Stockwerk kam. Zu spät kamen wir trotzdem.

Die Tür quietschte leicht als ich sie öffnete, vor mir lag ein voller Hörsaal – und ich stand leider unten in der Türschwelle, direkt neben Tafel und Professor. Dutzende von Köpfen drehten sich in meine Richtung, schauten mich interessiert an. Ich wäre am liebsten im Boden versunken. Aber halt – ich war ja nicht alleine, mein Mitstudent war ja mit mir zu spät gekommen. Das Hereinplatzen und die Verspätung waren ihm offensichtlich ähnlich unangenehm wie mir, das sah man ihm an. Und den nächsten drei Leuten, die nach uns zu spät kamen, auch. So wie wir fühlt sich jeder am Anfang.

Denn die Uni ist am Anfang die Hölle. Man blickt noch nicht so richtig durch und vieles ist verwirrend. Und trotzdem brauchen wir diese Hölle. Weil sie zusammenschweißt. Sie lässt uns neue Freundschaften knüpfen. Sorgt für Gesprächsstoff, wenn man sonst keine Gemeinsamkeiten gefunden hat. Von allen Ängsten, die man während des Studiums hat, ist die Angst alleine zu sein und keinen Anschluss zu finden, die Größte.

Meist ist man in einer neuen Stadt oder die alten Freunde studieren andere Fächer. Freunde im eigenen Studienfach zu haben ist also überlebenswichtig. Außerdem ist auf die Dozenten bei vorlesungstechnischen Fragen nicht immer Verlass und man will auch nicht jedes Mal zu ihnen rennen, wenn man ein kleines Problem hat. Man braucht also andere Ansprechpartner – und wer ist da besser geeignet als die Kommilitonen?

In meinem Studiengang kann man ganz anschaulich sehen, wie Angst Menschen verbindet: Wir haben zum Beispiel alle Angst vor unserer Studiengangskoordinatorin. Die ist meist so unfreundlich, dass sie selbst die schüchternsten Leute dazu bringt, lieber einen fremden Mitstudenten anzusprechen oder –zuschreiben, als ihr eine Mail zu schicken. Manchmal hat der Kommilitone dann die Antwort auf die Frage, was das Problem löst. Andere Male hat er selber keine Ahnung – was trotzdem hilft, da man sich dann zusammen gegen den gemeinsamen Feind verbünden kann und man merkt, dass man nicht der Einzige mit diesem Problem ist. Ich bin mir sicher, dass durch die gemeinsamen Probleme mit Dingen wie Zitierregeln und Abgabeterminen schon so einige Freundschaften entstanden sind. Und auch den Raum nicht zu finden, Panik vor den Klausuren zu schieben oder beim Zitieren den Kopf zu verlieren, ist nur noch halb so schlimm, wenn man dabei nicht alleine ist.

 

Als mein ebenfalls verspäteter Mistudent und ich versuchten, uns so leise wie möglich einen Platz hinten im Hörsaal zu suchen – wobei uns immer noch viele neugierige Augen folgten – setzten wir uns am Ende nebeneinander. Daraufhin saßen wir jede Woche wieder nebeneinander, genau am gleichen Platz. Nur das Zuspätkommen ließen wir bleiben. Zuerst unterhielten wir uns darüber, wie peinlich die ganze Situation gewesen war, später kamen noch andere Themen hinzu. Und mittlerweile sind wir echt gute Freunde geworden. Und das alles nur, weil wir einmal zusammen durch die Hölle gegangen sind.

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