Warum das Lachen der anderen im Kino nervt

Und was wir daraus über Humor lernen können.
Von Mercedes Lauenstein
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Bild dpa; Collage Jessy Asmus

Neulich war ich im Kino. „Zoomania“. Ein lustiger Film. Leider. Ich hatte vergessen, dass es eine heikle Angelegenheit ist, lustige Filme im Kino zu sehen. Man hört die Menschen lachen. Lachen sie an Stellen, an denen man selbst auch lachen muss, ist das gerade noch erträglich. Aber eigentlich natürlich auch das schon nicht mehr. Man möchte Witze ja für sich selbst haben. Für sich und seine Freunde und Familie vielleicht.

Witze vergemeinschaften schließlich. Und man möchte doch nicht mit irgendwelchen Popcorn-Prolls, Ökomuttis und Finanzbeamten, die gestern womöglich noch über Mario Barth gelacht haben, vergemeinschaftet werden und dadurch erkennen: Gefühle sind kalkulierbar, Humor auch. Massen sind manipulierbar und so individuell wie man den eigenen Geist gern einschätzt, ist er nicht. Man hat leider selbst mit den größten Trotteln noch was gemein und zwar etwas ganz Identitäres, nämlich den Humor – der irre viel über die eigene Weltsicht aussagt.

Noch schlimmer aber als wildfremde Menschen, die über dieselben Witze lachen wie man selbst, sind wildfremde Menschen, die über Witze lachen, die man nicht lustig findet. Mir kann das einen ganzen Moment/Tag/Abend ruinieren. Zumindest, wenn es zu oft vorkommt. „Lassen Sie mich in Ruhe mit Ihrem schlechten Humor!“, möchte ich rufen, aufstehen und gehen.

Woher der Hass? Soll doch jeder lachen, worüber er will. Lachen ist etwas Fröhliches, geschieht von selbst, entspannt, macht die Menschen glücklich. Außerdem ist es oft sogar ansteckend. Das kann man gar nicht vermeiden, das passiert im Gehirn. Die Spiegelneuronen machen das. Kann man sehr gut an ein paar Folgen „Aushalten nicht lachen“ von Joko und Klaas austesten. Selbst, wenn man nicht lustig findet, was sie da machen, um sich gegenseitig zum Lachen zu bringen: allein, dass sie lachen, bringt einen selbst zum Lachen. Was, frage ich mich also ständig, kann man daran schlimm finden? Oder konkreter: Was, zum Teufel, finde ich daran so schlimm?!

Und dann muss ich wieder an den Kinosaal denken, der ja ein brutal verdichteter sozialer Raum ist: wenig Platz, viele Menschen, viel Input, wenig eigener Output. Und an dieser Verdichtung kann man den Mechanismus wieder gut erkennen: Man möchte sich doch auch immer ein bisschen allein wähnen – im Kino, aber auch mit seinem Humor. Man will Stille, die komplette Ungestörtheit. Filme sind oft doch eher emotional intime Erlebnisse und sofern man es sich erlaubt, komplett in ihre Atmosphäre abzutauchen, alles zu verdunkeln und nicht nebenbei noch Facebook zu checken, kann man im Kinosaal schon mal vergessen, dass es überhaupt noch etwas anderes als den laufenden Film auf der Welt gibt. Das Kino ist einer der wenigen Orte, an denen man sich diese Illusion noch gönnt. Laptop bleibt zu Hause, Handy schaltet man aus, Umgebung wird schwarz. Man versinkt in der Atmosphäre und wähnt sich als unsichtbare Drohne inmitten der Geschichte, die grad auf der Leinwand läuft. 

Aus dieser Nähe-Illusion will man nicht durch Menschen, die in Chipstüten wühlen und laut „Oha, das hätt’ ich nicht gedacht!“, „Hach, süüüüß!“ oder „Ich wusste es!“ rufen, rausgerissen werden. Und erst recht will man nicht durch Menschen, die hemmungslos laut in den Saal prusten, daran erinnert werden, an welchen Stellen man lachen soll.

Im Kinosaal ist das enthemmte Publikum die autoritäre Lachschleife

Auf den Film, der da gezeigt wird, möchte man sich seinen eigenen Reim machen – wie man sich eben auch seinen eigenen Reim auf die Welt machen möchte. Das ist eigentlich die Schönheit des Kinos in Zeiten der Sitcoms: die Freiheit von Lachschleifen. Diese grausam gewieherten Prusteinspieler, die davon ausgehen, dass die Leute noch nicht einmal so etwas Instinktives wie ihren Humor selbst beherrschen. Das hat immer so etwas von einem totalitären Regime, auch ein bisschen von Karneval: Hier, Volk, ein Witzchen, ein bisschen Platz zum Lachen, bitte alle einmal raus damit, muss ja irgendwohin, aber bitte wirklich nur dann, wenn wir es sagen! 

Im Kinosaal ist das enthemmte Publikum selbst die autoritäre Lachschleife. Denn in diesem lauten Rauslachen von jemandem wird ja immer auch so eine gewisse Lust am Massenrausch in ihm offenbar: Haha, das finden bestimmt alle lustig, ich lach jetzt einfach mal ganz laut, bestimmt lachen alle, hier soll man doch lachen, oder nicht? 

Das geht davon aus, dass alle immer genau dasselbe lustig finden, nur, weil sie zufällig in denselben Film gegangen sind. Und genau das ist mir zuwider. Es kickt mich aus der unmittelbaren Rezeption des Films (oder sonst eben des Lebens) heraus und eröffnet eine soziale Metaebene, auf der ich plötzlich nur noch darüber nachdenken kann, wer jetzt wohl warum an welcher Stelle lacht. Auch: Mit welcher Lache – und was wiederum diese Lache über diese Person und die soziale Aussage ihrer Lache verrät. Der Film selbst macht mit dann längst keinen Spaß mehr. Ich stecke dann in einer soziokulturellen Feldstudie, die ich nicht bestellt hatte. Ich hatte für den Film und nicht für das Publikumstheater bezahlt. 

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