Im Museum des Internets

Alle wollen raus aus der Filterblase - aber wie sieht so ein jungfräuliches Internet eigentlich aus? Ein Rundgang.
Von Mercedes Lauenstein
Illustration: Lucia Götz

Der eigene Browser ist ein sehr engagierter Portier. Er führt einen Tag und Nacht zuverlässig in die perfekt auf einen zugeschnittene Nische des Internets. Seine Handlanger sind Cookies und Suchhistorien, oder man selbst, wenn mal wieder irgendwo auf Like oder Folgen drückt.

Dem Internet als Nicht-Ort zu begegnen ist fast unmöglich. Ganz selten nur blitzt auf, wie es wäre, wenn. Es passiert, wenn man sich über einen Gastaccount an einem fremden Computer ins Internet begibt, sich einen neuen Browser herunterlädt oder sich auf einer sozialen Plattform umsieht, auf der man nie zuvor Mitglied war. Wo einen noch niemand kennt. Wo einen noch keine Cookies ausspioniert haben. Wo der totale Massengeschmack bzw. Google bzw. keine Ahnung wer regiert. Dann ist man alleinreisender Fremder im Internet. Es kennt einen nicht und man erkennt es selbst kaum wieder.

Als was für ein Ort präsentiert sich das Internet, wenn es nichts über einen weiß? Ich will es mir ansehen. Los geht’s, Gastaccount, neuer Browser, das Internet weiß über mich nicht mehr, als dass ich mit einer IP-Adresse aus München vorbeikomme.

Erste Station Youtube. Tippt man die Youtube-Adresse ins jungfräuliche Firefox-Adressfenster, macht das noch überhaupt keine Vorschläge. Was für ein cleanes Gefühl. Ich klicke kein einziges Video an, damit alles schön unpersonalisiert bleibt. Nichts anfassen. Ich bin im Internet-Museum.

Oben gibt es zwei Optionen: Start und Trends. Ich lasse Start. Weil ich so langsam und gemächlich bin, sehe ich mir in Ruhe die Vodafone-Anzeige an, unten rechts steht: „Der aktuelle Vodafone-Song „No roots“ von Alice Merton“. Nie gehört. Früher kannte man solche Songs aus der Fernsehwerbung. In Zeiten von Ad-Blockern vorbei.

Weiter unten warten schon die Videos auf mich.

 

Das erste Gesicht, das ich erkenne, ist das von Klaas. „Aushalten, nicht lachen - der verbotene Teil“ von Circus Halligalli, 706.686 Aufrufe, vor 1 Tag. Dann Fußball: Real Madrid - Atlético Madrid, Highlights Champions League“, von Sky Sport HD, 610.946 Aufrufe.

Irgendwas mit Animationsfiguren: Clash of Clans: How do we get over there? (Update Teaser) Clash of Clans, 19.522.826 Aufrufe, vor 1 Tag. Irgendwas mit kämpfenden harten Typen, die Schweißperlen im Gesicht haben: „The Dark Tower - Official Trailer (HD)“ von Sony Pictures Entertainment, 7.256.147 Aufrufe, vor 20 Stunden.

 

Ok, ich kann jetzt nicht das Internet abschreiben. Dabei ist es irre meditativ. Gute Übung, wenn man mal durchdreht: Schreiben Sie einfach das Internet ab. Sagen Langeweile-macht-kreativ-Forscher doch gern: Schreiben Sie das Telefonbuch ab! Da kommen Sie auf Ideen! Geht mit dem Internet auch gut. Ich komme total runter. Liegt aber auch daran, dass ich mich hier nicht als klickgeiler Video-Konsument bewege, sondern als interessierter Ausstellungsbesucher.

 

Man sollte ein abstraktes Gedicht aus den Titeln der angezeigten Youtube-Videos kompilieren

 

Aber das ist ja auch allgemein im Leben der Nummer eins Trick für Seelenfrieden: einfach alles als eine Ausstellung betrachten. Musst du nicht verstehen, versteht niemand, alles Betrachtungs- und Interpretationssache. Kunst. A propos Kunst. Man sollte ein abstraktes Gedicht aus den Titeln der mir hier angezeigten Youtube-Videos komplilieren und dann Schulklassen zur Interpretation übergeben.

 

YouTube

 

Aushalten, nicht lachen - der verbotene Teil

Atlético Madrid

Clash of Clans: How do we get over there?

The Dark Tower

Alles geht vorbei

Chill your mind Radio 24/7

deep & tropical

JETZT LIVE

NASA Live Earth from Space

Spongebob in realLife

I’m the one

Shape Of you

6 filme bei denen wir mit CGI ausgetrickst wurden

The Boss Baby

thinking out loud

castle on the hill

happier

perfect

10 Things you did not know what they are

Boyfriends dress their girlfriends

My 5 Minute Ponytail Routine

4 frisuren mit WOW EFFEKT

Welche Kinderserie ist das?

KOMPLETTE GEGNER BASE ÜBERFLUTET

Urknall, Weltall und das Leben

 

Mein Versuch der Interpretation: Große Kampfes- und Ärgermachen- und Triez-Sehnsucht, große Sehnsucht, einfach nur das mind zu chillen und zwar 24/7, am besten deep und da wo Palmen sind und Ananas und türkises Wasser. Große Sehnsucht, was zu überwinden, große Sehnsucht nach dem Universum, nach Kindheit und albernen Comicserien, große Sehnsucht, einzigartiger, glücklicher und perfekter und schöner zu werden, was zu verstehen und nicht verarscht zu werden.

 

Wäre ich nicht so kunstinteressiert und urteilsbefreit drauf, würde ich sagen: ganz schön ätzend hässlich hier

 

Achso und: Wenn ich nicht so kunstinteressiert und urteilsbefreit drauf wäre bei meinem Rundgang durch das Youtube-Mainstream-Museum, würde ich sagen: ganz schön ätzend hässlich hier. Wie wenn die 9. Klasse mal einen Flyer für ein selbstprogrammiertes Horror-Computerspiel in Photoshop-Probeversion von 1998 basteln darf. Keinerlei Ambition erkennbar, irgendetwas professionell oder elegant oder durchdacht aussehen zu lassen, von ernstzunehmenden User-Namen ganz zu schweigen.

 

Besuch bei Twitter. Was gibt’s Neues? fragt Twitter den Besucher.

 

Die Antwort sieht nicht aus wie in meiner Timeline, wenn ich eingeloggt bin, sondern wird mir in kleinen quadratischen Posts über den ganzen Bildschirm angezeigt – ich sehe Twitter sozusagen von außen. Tweets vom FC Bayern München, Circus Halligalli, Borussia Dortmund. Die Berliner Verkehrsbetriebe zitieren irgendeinen Rapper, die AfD wettert irgendwas von Asylverkehr auf dem Mittelmehr „Wenn die Helfer noch näher an der Küste agieren, lesen sie versehentlich Urlauber aus Tunesien auf.“ Die Zeitung Die Welt erzählt, dass das niedersächsische Schulgesetz Mädchen die Vollverschleierung erlaubt. Irgendein weißhaariger sehr junger Halbteenie namens Julian Bam sagt, dass es gleich sechs ist und er immer noch am neuen Video arbeitet. Die Feuerwehr Frankfurt postet ein Bild von Händen, die Schuhe in einen Backofen stellen wollen und streicht das Bild mit rotem Verbotskreuz durch: „Schuhe im Backofen trocknen? Keine gute Idee!“ steht drüber.

Ich erfahre, dass Xing in der Genderfalle steckt und Frauen teilweise nicht in der Ergebnisliste stehen. Die Journalistin Dunja Hayali postet ein Foto mit dem Himmel über Berlin und sagt, der Anblick lasse sie am Tag der Pressefreiheit sehr nachdenklich werden #yücel. Dann noch irgendwas von Andrea Berg („Hallo Ihr Lieben!“), Erika Steinbach, wieder Circus Halligalli.

 

Twitter ist nachrichtlicher und fußballlastiger als Youtube. Und das Wort AfD habe ich mindestens sechs Mal gelesen, der Name einer anderen Partei ist kein einziges Mal gefallen.

 

Ich verlasse diese Ausstellung.

 

tumblr war schon immer die Plattform der depressiven, suizidalen, magersüchtigen Liebeskummergeschädigten

 

Weiter zu tumblr. Da gibt es, wenn man sich nicht anmelden will, die Funktion: „Diese Sachen sind angesagt.“ Die ersten beiden Posts sind auf Türkisch und ich verstehe sie nicht. Ein GIF zeigt eine blonde Frau die ins Telefon heult und „Seni seviyorum“ sagt, Ich liebe dich, dafür reicht es noch. tumblr ist schon auf den ersten Blick internationaler als die anderen Plattformen, vieles ist englischsprachig. Vor allem aber teenie-depressiv. „Will dich nie wieder sehen, deine Nähe nie wieder spüren, nie wieder an deine Augen denken, deine Stimme nie wieder hören.“ postet yx-ncx. Auf einem anderen Post steht nur „Geh raus aus meinem Kopf“. Stimmt, fällt mir bald ein, tumblr war schon immer die Plattform der depressiven, suizidalen, magersüchtigen Liebeskummergeschädigten.

 

Frage, die sich mir die ganze Zeit aufdrängt: Wer oder was regiert hier eigentlich wen oder was? Wer oder was triggert wen oder was? Kriegen hier endlich alle Traurigen mal eine Plattform, oder macht diese Plattform alle traurig?

 

Facebook. Ich melde mich mich mit einer neuen web.de-Adresse an, mein Name: Maria Wohlgemut. Mir wird nichts vorgeschlagen. Weil in meiner Timeline nichts los ist, weil ich mit niemandem befreundet bin, geh ich auf die Rubrik „Gruppen“ links am Rand.

 

Die Rubriken „Identität und Beziehungen“, „Lokale“ und „Lustiges“ stehen ganz oben. „Lokale“ soll nicht Kneipen heißen, sondern wohl eher „Lokale Gruppen“. Da finden sich die Untergruppen „Bergsüchtige Singles ;)“, „Singles in München und Umgebung“ und „Deutsche/Sprache“.

 

Irgendwie macht mich traurig, was ich sehe

 

Bei Identität und Beziehungen werden mir folgende Gruppen angeboten: „Single mit Herz sucht Liebe“ 46.974 Mitglieder, „Jetzt wird sich kennengelernt“ 20.713 Mitglieder und Flirt, Liebe, Single & Friends 14.036.

Die dazugehörigen Bilder sind irgendwelche rosafarbenen Collagen die aussehen wie Poesiealben aus dem Hit-Supermarkt oder Wandtapeten für Frauen, die gern Sendungen mit Inka Bause sehen. Vor meinem inneren Auge Schlagergarten-Publikum, Kostenlos-Postkarten mit Flirtsprüchen und Allerweltsweisheiten. Auch wenn in der Rubrik „Verkauf und Kauf“ erfrischend unerwartbar eine Gruppe namens „Garnelen Auktion“ vorgeschlagen wird und bei Schule und Ausbildung die Gruppe „Schwule Jungs unter sich“ trendet – irgendwie macht mich traurig, was ich sehe.

 

Es kommt mir so billig vor, auf den Mainstream zu schimpfen, so ein bedürftiger Abgrenzungs-Automatismus, ich-will-was-Besonderes-sein-Narzissmus – aber ich kann mir nicht helfen. Es ist alles so überhaupt nicht feinsinnig, differenziert, interessant, was einem im Mainstream-Internet angeboten wird. Es ist immer nur wie Hau den Lukas auf dem Jahrmarkt und danach noch ein Kleiner Feigling hinterher und Junggesellenabschied.

 

Zum Abschluss nochmal kurz auf Instagram, jetzt, da ich schon ein nigelnagelneues nacktes Facebook-Profil habe. Erster Vorschlag: Nike (Jogger auf Straße in blauer Stunde, Aufbruchs- und Sehnsuchtsstimmung, ein Basketballer, und irgendwer hochspringend auf crazy beleuchtetem Dancefloor.)

Zweiter Vorschlag: leomessi. Er hatte wohl Geburtstag. Ein Bild zeigt ihn vor einem Tischfeuerwerk und ein anderes mit silbernen Luftballons die die Zahl 29 anzeigen und der Familie im Arm. Drittens: Justin Timberlake. Auf dem ersten Bild (schwarzweiß) hält er einen älteren Mann im Arm, seinen Vater? Beide lachen. Auf einem zweiten steht: „Imagine the unimaginable“. Mut zum Träumen, damit kriegt man jeden.

 

Ansonsten werden mir vorgeschlagen: Zendaya, ddlovato, katy perry, chrisbrownofficial, vicotriassecret, taylorwift, kevinhart4real. Instagram also, von hier aus gesehen: US-amerikanischer Bubblegum-Pop und Sport.

 

Genug für heute. Kunst muss wirken.

 

Fazit: Eigentlich ist ohne Cookies und Suchhistorie und persönliches Profil ins Internet gehen ein bisschen wie Berlin nicht mit Berlin-Freunden von Neukölln aus erkunden, sondern vom Brandenburger Tor aus. Und dort eine russische Pudelmütze zu kaufen, eine Fahrt in der Bier-Rikscha mitzumachen und ein paar Emo-Kids auf Klassenfahrt und beim Sneakerkauf zu belauschen. Danach Kaffeefahrt im Touribus, sponsored by Neo-Kapitalismus.

 

Man schunkelt so vorbei an allem und wird ein bisschen stumpf im Kopf. Mainstream-Höllenritt. Was dagegen hilft, ist nur das Wissen, dass es noch mehr gibt. Wenn man ein bisschen sucht. Gilt für jede Stadt wie für das Internet. Für das Internet natürlich besonders. Imagine the unimaginable: Im Internet findest du es. Von der Vergessene-Apfelsorten-Community bis zum Pro-Kannibalismus-Forum. Wütende Trollherde, edle Idealisten, grauenhafte und grandiose YouTuber, DarkNet-Terror und Lebensretter-Foren, großartige Dokumentationen und Verschwörungstheorien, News und Fake-News. Die Gehirne der Menschheit in nicht-körperlicher Form, ausgeschüttet und zur anarchischen Suppe vereint. Kostenloses Content-Paradies und verstörendes Gruselkabinett, Paradies und Hölle zugleich. Wer nicht aufpasst, dem beschert sie einen Nervenkollaps. Am besten also, man sucht sich bald eine Nische, in der man es recht gut recht lang aushält. Eigentlich alles wie im echten Leben.

 

Mehr Internet:

  • teilen
  • schließen