10 Jahre Schröder: Der Beginn der Moderne oder wie ich mit dem Land erwachsen wurde

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Die Moderne in Deutschland begann mit einem Umzug, und zwar heute vor zehn Jahren. Ein Mann bezog neue Büroräume in Bonn, und veränderte an jenem 27. Oktober 1998 allein dadurch das Land. Gerhard Schröder hieß der Mann, das Büro war im Kanzleramt. Aus dem schmiss er Helmut Kohl hinaus, und mit Kohl die Rückständigkeit und den Stillstand der Bonner Republik.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Der Beginn der Moderne: Der Ewigkanzler Kohl schüttelt seinem Nachfolger Schröder die Hand. Wurde Deutschland an diesem Tag erwachsen? Foto: AP Am Abend jenes 27. Oktobers kam Helmut Kohl noch einmal in seine alten Büroräume zurück, besuchte Schröder und wünschte ihm viel Glück. Danach ging er, der Immer-Kanzler Helmut Kohl. Ich bin sehr froh darüber. Denn in diesen letzten zehn Jahren wurde Deutschland erwachsen, so wie ich erwachsen geworden bin. 1998 war ich 16 Jahre alt. Genau so lange – 16 Jahre – hatte Helmut Kohl in Bonn regiert. Deshalb nannte man meine Generation damals oft „Generation K“, da wir nie einen anderen Kanzler kennen gelernt hatten als den dicken Alten aus Ludwigshafen. Meistens können junge Leute nichts mit den Etiketten anfangen, die ihnen aufgeklebt werden. Das war bei der „Null-Bock-Generation“ so, das war bei der „Generation X“ so. Eine „Generation K“ wollten wir – zumindest meine Freunde und ich – wirklich nicht sein. Das Land wird schwul Wir mussten auch keine „Generation K“ bleiben. Und aus Deutschland wurde ein Land, in dem ich inzwischen doch gerne lebe. Als wäre eine schwere Last von ihren Schultern genommen worden – das Bild passt im Falle Kohl einfach zu gut – veränderte sich die Republik. Außenpolitik und Wirtschaftspolitik haben sich verändert. Vor allem aber – und das ist das Wichtigste – wurde unsere Gesellschaft moderner. Das alte Deutschland ist Geschichte, existiert mit all seiner Piefigkeit nur noch in den Geschichtsbüchern, eingeklemmt zwischen Mauerbau und 9/11. „Und das ist auch gut so“, finde ich. Denn schon in diesem Satz zeigt sich, was sich geändert hat. Klaus Wowereit sagte ihn 2001, als er Bürgermeister von Berlin werden und sich selbst als schwul outen wollte, bevor die Boulevardpresse das für ihn erledigte. Ein schwuler Bürgermeister? Ach Gottchen. Wo soll hier der Aufreger sein? Heute hat mit Ole van Beust auch die CDU einen, und sogar Bayern kann mithalten: Michael Adam, jung, schwul und auch noch Sozialdemokrat wurde Bürgermeister in Bodenmais. Solche Sachen waren aber einmal Aufreger und wenn ich mir heute die Argumente durchlese, mit denen da gestritten wurde, komme ich mit dem Fremdschämen nicht mehr nach. Als Rot-Grün 2001 die gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaft einzuführen wollte sprach mancher von einer „Bedrohung unserer Kultur“. Wow. Wie ein verheiratetes Schwulenpaar die deutsche Leitkultur bedrohen kann, habe ich nie kapiert. Das einzige verheiratete Schwulenpaar, das ich kenne, lebt in einem Reihenhaus in einem Vorort. Stutzt regelmäßig die Gartenhecke, mäht wöchentlich den Rasen und veranstaltet Grillpartys, die in ihrer Spießigkeit auch nicht von denen übertroffen werden können, die damals ihre Kultur bedroht sahen. Doch vor zehn Jahren konnte ein Outing das Ende einer politischen Karriere bedeuten. Das Land war genauso unreif, wie es damals auf unserem Schulhof zuging. Auch dort outete sich niemand, aus Angst, dass das den sozialen Tod bedeuten könnte. Damals nannte Helmut Kohl die Frau, die heute unsere Kanzlerin ist, „das Mädchen“. Das war gemein, unflätig und unreif. Ich war vor zehn Jahren genauso. Es ist leichter, sich über die Kleider und die Frisur von Angela Merkel lustig zu machen, als sich mit ihr auseinander zu setzen. Lustig gemacht habe ich mich immer gerne. Und wenn ich ganz ehrlich bin, tue ich es auch heute noch ab und zu. Aber gleichzeitig bin ich froh, dass mit Merkel endlich mal eine die bis dahin regierende Liga der ganz gewöhnlichen Gentleman aufgebrochen hat. Die regierten davor das Land. Nebenbei hatten sie vielleicht ein Hobby, meistens eine Affäre und ganz sicher eine Ehefrau, die sie trotzdem auf Termine begleitete. Über die je vier Ehen von Gerhard Schröder und Joschka Fischer habe ich mich deshalb gefreut: Die beiden brachten den Rock’ n Roll-Lifestyle in Ehesachen und auch sonst eine gewisse Lässigkeit mit in die Regierungszentrale. Das fand ich super, obwohl ich eher Techno-Kid als Rock’ n Roller bin. Schröder und Fischer haben nicht nur oft geheiratet. Sie haben dafür gesorgt, dass ich manchmal fast ein wenig stolz bin auf dieses Deutschland. Wenn ich heute mit dem ICE durch das Land fahre, sehe ich ganze Dörfer, deren Dächer mit Solaranlagen gedeckt sind. Und ich sehe Windräder, diese wunderbaren Spargelstangen mit Propellern obendran. Die ich so lieb gewonnen habe, dass ich mich oft schon fast persönlich beleidigt fühle, wenn sich eines nicht dreht. Bis zum 27. Oktober 1998 hieß die herrschende energiepolitische Vision: Atomkraft ist gut, Atomkraft ist sicher, Atomkraft wird immer mit uns sein, wie unser Kanzler Helmut Kohl.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Schröder in Jubelpose: Steinmeier und Müntefering haben bei der SPD (wieder) das Ruder übernommen. Ein Comeback für Schröder? Foto: dpa Auch Kohl ist nicht geblieben. Deutschland und ich sind reifer geworden, zum Beispiel in Umweltsachen. Vor zehn Jahren freute ich mich auf den Tag, an dem ich daheim ausziehen konnte. Das erste, was ich in der neuen Wohnung machen würde – da war ich mir sicher – wäre es, den Kühlschrank anzustecken. Das zweite: Ihn mit Junkfood vollzuladen. Mit Packungskäse, mit Chemiepuddings, mit Fertigpizza. Ich hatte den Ökofraß meiner Mutter gestrichen voll. Wenn ich heute meinen Kühlschrank öffne steht darin: Biomilch neben Biokäse neben Biojoghurt. Nicht nur bei mir. Bio hat sich auf den Weg gemacht, weg von den Ökofreaks und rein in alle Supermärkte. Bio ist nicht nur im Einkaufskorb modern, sondern auch in der Politik: Selbst die CSU bezeichnet sich jetzt als Ökopartei. Da muss ich drüber lachen – auch deshalb, weil das Thema Umweltendlich den Stellenwert hat, den es verdient. Das Land wird bio-kulti Wo ich auch vor Freude lache: Vor kurzem spielte Deutschland gegen Russland, gleichzeitig die Türkei gegen Bosnien. Ich guckte das deutsche Spiel bei einem Freund, gegenüber seiner Wohnung ist ein bei Fußballspielen immer überfülltes türkisches Café. Die Türkei schoss an diesem Abend – wie Deutschland – zwei Tore und gewann – wie Deutschland – mit 2:1. Nach jedem Tor stimmten gegenüber die türkischen Fans den nach „Seven Nations Army“ von den White Stripes zweitschönsten Schlachtruf des Sommers 2008 an: „Deutschlann – Türkye, Deutschlann – Türkye!“ Hätten sie das vor zehn Jahren getan? Ich bin mir sicher: Nein! Denn bevor die Moderne nach Deutschland kam, durfte nur Deutscher sein, wer „deutsches Blut“ in seinen Adern hatte – was genau so schrecklich war, wie sich der Begriff „deutsches Blut“ anhört. Da konnte ein Türke genauso sehr hier geboren sein wie ich. Heute kann er zwei Pässe haben und muss sich bis zu seinem 23. Geburtstag entscheiden, welchen er behalten will. Ich habe nur einen und bin ein wenig neidisch. Ich kann zwar immer noch nicht verstehen, warum er nicht auch danach einfach mit zwei Pässen glücklich werden darf. Ich verstehe aber – jetzt mal egoistisch gedacht – sehr gut, dass junge Fußballtalente wie Ashkan Dejagah, Serdar Tasci und Mesut Özil den deutschen Fußball beleben können. Und sich eher für uns entscheiden, wenn sie dafür ihre Abstammung nicht verneinen müssen. Als die neue Regierung 1998 ihre Büros bezog, gab es in einigen Ministerien nicht einmal einen Internetanschluss. Das fand ich damals schon unglaublich, obwohl ich zu dieser Zeit meine Emails noch offline schrieb und dann schnell ins System einfügte, um Netz und Geldbeutel nicht zu überlasten. Im drahtlosen und flatratigen Jahr 2008 schlicht nicht mehr vorstellbar. An der digitalen Revolution, die unser Leben in den letzten zehn Jahren radikal verändert hat, war die Politik nicht beteiligt, es war auch nicht Kohl, der sie vorher behindert hätte. Aber: Wenn ein Land nur technisch erneuert wird, aber nicht gesellschaftlich, ist nur die Kulisse modern. Das kann man in den Golfstaaten besichtigen, wo man die Städte des 21. Jahrhunderts aus dem Wüstenboden stampft, wo aber hinter den Glas- und Stahlfassaden alles so bleibt, wie es früher war. Bei uns hat sich in den letzten zehn Jahren viel getan. Schröder war bis vor kurzem ebenso Geschichte wie Helmut Kohl. Seit neustem ist er zurück, seine Freunde Frank-Walter Steinmeier und Franz Müntefering haben wieder die SPD übernommen. Schröder hätte auch in seiner gut bezahlten Rente bleiben können. Denn die Modernisierung, die seine Regierung angestoßen hat, geht weiter, sie ist inzwischen in allen Parteien angekommen. Sie geht auch ohne ihn weiter. In manchen Punkten ist Deutschland heute moderner als die USA, das Land, das die Moderne doch eigentlich erfunden hat. Komm noch mal rüber Obama. Schau dich um. Homo-Ehe, Ökosteuer und Atomausstieg. Change is possible. Im alten Europa.

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