Acht Thesen, warum wir nicht von Zuhause ausziehen wollen

Die Zahlen aus einer Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach* sind frappierend: Von den heute 18- bis 19-Jährigen leben 89 Prozent bei den Eltern - in der Vorgängergeneration waren es nur 71 Prozent. Bei den 24- bis 25-Jährigen sieht es noch ärger aus: 34 Prozent der Leute in diesem Alter leben bei den Eltern - in der Vorgängergeneration waren es nur 16 Prozent. Wie kommt´s, dass wir so gern Zuhause bleiben? Acht Erklärungsversuche
yvonne-gamringer

1. Unsere Eltern sind uns ähnlich Butter bei die Fische: Wir wollen von unseren Eltern nicht mehr weg, weil die so sind wie wir. Nicht, weil sie sich auch jedem Trend hinterherschmeissen, hat damit nix zu tun. Die Eltern, wie wir sie heutzutage kennen, haben sich aus dem Gedankengebäude gestohlen, in dem die verschiedenen menschlichen Lebensalter voneinander getrennt sind. Hier die jungen Erwachsenen, da die Elterngeneration, da die Seniorenmannschaft, diese Trennung behagt unseren Eltern (es sind viele solide 68er unter ihnen), sie behagt ihnen nicht mehr. Unsere Elterngeneration ist die erste, die so etwas wie altersmäßigen unisex für sich beansprucht. Ein Alter für alle Leute, eine Verständnisebene mit allen Generationen. So können sie uns ähnlich sein, deshalb verstehen sie uns. Unsere Eltern haben durch ihr Verhalten die Kluft zwischen der Eltern- und der Kind-Generation aufgehoben. Brauchen Sie sich nun also nicht beschweren, wenn die Steppkes ein bisschen länger im Haus bleiben. 2. Wir haben einfach Schiss Das Haus, diese Metapher des Schutzes, der Behaglichkeit! Wir brauchen es, weil wir Schiss vor der Zukunft haben. Das Elternhaus ist das Synonym für Rückzug, für Sicherheit, für Sozialstaatlichkeit. Eltern, das sind die Menschen, die Geld in die Rentenkasse zahlten und aus jener Kasse auch noch Geld erwarten können. Sie hatten 16 Jahre Helmut Kohl vor der Nase, den fleischgewordenen Garanten des „Alles-bleibt-wie-es-ist“-Prinzips. Wir hingegen müssen uns mit der Veränderung als einziger Konstante im Leben anfreunden. Der Job, der Wohnort, die Frau oder der Mann: Nichts davon, so die Prognosen und ersten Erfahrungen, bleibt uns so lange Zeit, wie es dereinst unseren Eltern blieb. Da ist Decke-über-den-Kopf-ziehen nicht die beste aber eine einigermaßen erklärbare Reaktion. 3. Wir sind sowas von bequem Manche unter uns sind bequem. Brutalstmöglich bequem. Ihre Mutter hat ihnen schon immer suggeriert, das Leben sei eine einzige Vollpension. Sie hat ihnen jeden kleinen Tüdelkram hinterhergetragen und Verständnis gezeigt, wo immer es ging (siehe Punkt 1). Dass manche sich dieses Rückgrat namens Komfort nicht willentlich aus dem Leben reißen – nicht gut, aber ebenfalls erklärbar. 4. Wir ziehen nur aus, wenn wir einen Partner haben Ausziehen, um allein zu sein? Nun, warum eigentlich? Ausziehen ist nicht immer die Dokumentation der Abnabelung, Ausziehen ist für viele vor allem ein Beleg dafür, dass man nun den Partner gefunden hat, mit dem man zusammenziehen will. Bei Menschen, die so denken, geht Abnabeln und Andocken miteinander einher. Soll heißen: Ist kein Partner draus in Sicht / verlass ich auch die Eltern nicht! 5. Allein wohnen ist einfach zu teuer 500 Euro haben oder nicht haben sind, einer eher bayerischen Plattitüde folgend, 1000 Euro. Im Angesicht einer solchen Zahl kann man wankelmütig werden: Sich ein selbstständiges Leben in einer netten Einzimmerwohnung in, zum Beispiel, München leisten oder doch lieber eine Stunde täglich in die Stadt pendeln und sich mit der jährlich eingesparten Summe von etwa 5000 Euro** drei Monate Costa Rica gönnen? Für solche Summen, verständlich, verkauft man seinen Abnabelungsdrang schnell.

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Illustration: Julia Schubert

Ausziehen? Wirklich? Ein Panda-Bärchen blickt fragend in die Welt. (Foto: ddp) 6. Wer nimmt uns woanders schon so, wie wir sind? Mitunter ist das Zusammenleben mit den Eltern von stressfreier Natur. Niemand kennt die Gepflogenheiten, die Nachlässigkeiten, die Schrullen eines soliden Mittzwanzigers besser als jene zwei Menschen, die die bewussten Mittzwanziger, klar, zweieinhalb Jahrzehnte ertragen mussten. Ressourcenökonomisch ist es das Klügste, diesen Zustand nicht aufzulösen. Jeder WG werden mit der Integration der Marotten eines neuen Mitbewohners Energien abverlangt, ja abgetrotzt, die durch den Verbleib im elterlichen Haus eingespart werden. 7. Wir brauchen eine gute Homebase Jaja, wir müssen flexibel sein. Studium hie, Praktikum da, Ausland dort, Projekt wieder hie. Ob solch ein Leben ein Jammertal darstellt, sei mal dahingestellt. In jedem Falle fordert es denen, die es leben, ein hohes Maß an logistischer Kompetenz ab, zusätzlich auch eine brauchbare Infrastruktur. Soll heißen: Umzieher brauchen Lagerraum, Kfz´s und Anlaufstellen oder Zwischenstationen, an denen umsortiert und aussortiert wird. Wo geht das besser als im Elternhaus? Die eine Wohnung gekündigt, die andere noch nicht bezugsfertig – tja. Wem ist es da zu verübeln, dass er das Elternhaus zur Homebase macht. 8. In Wahrheit retten wir die Eltern Ja! In Wahrheit lassen uns unsere Eltern nicht mehr los. SIE haben sich an uns gewöhnt. SIE wissen: Dieses Kind schenkt mir Heiterkeit, dieses Kind ist meine Brücke in das moderne Leben dort draußen! Es erhält mich jung und quick! Wenn wir dieses Kind nicht mehr hätten, dieser beste aller Gründe für unsere Ehe – was wäre mit unserer Ehe? Vielleicht sind wir auf diese Art der Kitt, der die Ehen unserer Eltern zusammen hält (so sie noch zusammen sind). Wir sind, auch wenn es fies klingt, eine Form von Aufgabe für unsere Eltern, die sie mitunter auch mit einer gewissen Lust verrichten. Vielleicht sind nicht wir die wahren Nutznießer unseres Bleibens im heimischer Stätte – sondern Mama und Papa. --- *Die Studie entstand im Auftrag des Forums "Familie stark machen e.V." **Hier ist eingerechnet, dass Pendler ja teurere Fahrkarten kaufen müssen.

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