Alles beim Alten

Wenn wir wegziehen, suchen wir Veränderung. Aber nur bei uns. Zu Hause soll bitte alles bleiben wie es war. Und damit muss Schluss sein.
pia-rauschenberger

Vor Kurzem habe ich es auf Facebook gelesen: Meine Lieblingskneipe muss bald schließen. Der Mietvertrag wird nicht verlängert. Wie grausam, dachte ich und begann sofort, empörte Nachrichten an Freunde zu verschicken. Eigentlich sehr verständlich, um einen Ort zu trauern, in dem die berauschten Stunden mit Freunden einen Raum hatten.

Nur: Seit einem Jahr etwa wohne ich gar nicht mehr in der Stadt mit der besagten Kneipe. Der Rausch hat längst einen neuen Raum. Und eine neue Stadt. Die alte heißt übrigens Leipzig. Und auf- und zumachende Kneipen gehören in ihr zum Tagesgeschäft: der „Fleischtempel“ wird zum „Noch besser Leben“, die „Blaue Perle“ zum „Fleischtempel“ und der „Storch“ zur „Perle“. In größeren Städten ist das nun mal so, und deshalb ist es wohl auch meistens müßig, sich darüber aufzuregen. Vor allem von woanders aus. Meine Freunde in Leipzig reagierten entsprechend auf meine Nachricht. Was heißt: Sie reagierten quasi gar nicht. Die, die antworteten und gleich einen E-Mail-Verteiler gründeten, waren nur Leute, die selbst nicht mehr in Leipzig wohnen. Diejenigen also, die ihre Lieblingsorte längst durch neue Lieblingsorte in neuen Städten ersetzt haben.

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Illustration: Julia Schubert

Wie, zu verkaufen? Da war doch sonst immer die Lieblingskneipe!

Wenn wir mit gepackten Koffern und Rückenwind in ein neues Leben in einer neuen Stadt gestartet sind, wollen wir offenbar, dass hinter uns alles stehenbleibt. Bewahrt und mumifiziert. Wir wollen, dass die alte gammelige Schaukel hängenbleibt, und die Eltern niemals die Wände streichen, an deren Pastellfarbe unsere Kindheitserinnerungen kleben, wie alte Sticker in der Schultoilette. Die alte WG darf sich unter keinen Umständen auflösen und jeder neue Fahrradladen in der alten Stadt wird misstrauisch beäugt. Obwohl sich die wirklichen Bewohner der Stadt vermutlich darüber freuen. 

Vielleicht hat das alles etwas mit Heimat zu tun. Die sollte im Idealfall etwas Ewiges, Beständiges und Unverwüstliches haben. Eine Art Fluchtpunkt. Etwas, das uns beruhigt im globalisiert-mobilen Chaos, das uns umgibt. Ein Ort, wo wir immer noch jede Baustelle kennen und niemals ein neues Gebäude entsteht, das neue, ungewohnte Schatten wirft.

Es ist purer Egoismus - wir degradieren die alten Freunde zu Statisten unserer Biografie


So klingt das anrührend, gell? Tatsächlich steckt dahinter purer Egoismus. Denn was wir eigentlich wollen, ist ein Punkt, an dem wir unsere eigene Geschwindigkeit messen können. Einen Kosmos, auf den wir zurückblicken und sagen können: „Aha, bei mir hat sich ja wirklich was getan!“ Was wir dabei auch tun: Wir degradieren die Leute, die bleiben, zu Statisten in unserer eigenen Autobiografie. Sie sollen regelmäßig in die alte Stammkneipe gehen, während wir uns neue Klamotten, Freunde und Lieblingskneipen suchen. Die Leute, die uns winkend zum Zaun begleiten, sollen während unserer Abwesenheit gefälligst nichts anderes treiben, als am Zaun zu stehen und zu warten, bis sie uns wieder entgegen winken können.

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Illustration: Julia Schubert



Das hat auch tiefenpsychologische Gründe: „Vor allem Menschen, die eine glückliche Kindheit oder Studentenzeit hatten, wollen das immer wieder erleben“, sagt die Psychotherapeutin Johanna Müller-Ebert.  Die Mobilisierung und Globalisierung mache die Sehnsucht noch größer, einen Anker zu haben, erklärt Müller-Ebert. Menschen brauchen Veränderung und Beständigkeit. Beides. Logisch.  Was wir aber nun tun, wenn sich die zurückgelassene Stadt nicht verändern darf: Wir suchen die Veränderung bei uns – und das Konstante verlegen wir in den anderen. Und damit fehlt die innere Balance: „Dann projiziert man das, was man selbst nicht leisten möchte, auf andere.“ Außerdem stecke darin eine fehlende Trennungskompetenz, so die Psychotherapeutin. Wie ein Widerstand, sich von der Kindheit zu verabschieden und erwachsen zu werden.

Oder, um die Tiefenpsychologie wieder zu verlassen: Wir gehen eben allen auf die nerven damit. So süß das Festhalten an alten Erinnerungen auf den ersten Blick wirkt, eigentlich ist es das ja nur, wenn man unter fünf ist und die Eltern während dem Schwimmtraining wirklich am Beckenrand stehen und warten. Alle, die das Alter überschritten haben, sollten es endlich einsehen: Freunden und Familie dürfen auch mal eine Pflanze umtopfen, ohne danach gleich böse Blicke zu ernten. Und selbst Kneipen dürfen zumachen, ohne dass wir uns von weit weg drüber aufregen. Diejenigen, die wirklich davon betroffen sind, tun es ja auch nicht.

Text: pia-rauschenberger - Bild: cydonna/photocase.com

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