Am Limit

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Vor vier Wochen knipsen Oliver Pochers Mitarbeiter in einem ehemaligen Kölner Kino das Licht an und filmen den 31-Jährigen, wie er sich an der Premiere seiner Sat 1 Late Night Show versucht. Am Abend darauf knipsen die Menschen in Freiburg bei Wetten, dass …? ihr Lachen aus, als Pocher eine Stand Up-Einlage gibt. Zur selben Zeit strahlt RTL Pochers Liveprogramm „Gefährliches Halbwissen“ aus. Drei Sender in zwei Tagen, besser geht es nicht und eigentlich möchte man Oliver Pocher endlich für sein Erreichtes loben. Aber warum fällt das so schwer? Sollte Oliver Pocher einmal in die Verlegenheit kommen, eine Bewerbung schreiben zu müssen, dürfte er Ehrgeiz, Zielstrebigkeit und Belastungsfähigkeit unter der Rubrik Soft Skills notieren. Sein erster Auftritt ist aus der Talkshow von Bärbel Schäfer verbürgt. „Heute bei Bärbel: Du bist nicht witzig“ lautet der Sendungstitel. Der

wird ab 1.35 min interessant und ist seltsam geschnitten, vielleicht auch zu Ungunsten von Pocher. Aber man sieht, dass er schon damals so hantiert wie heute. Er geht und rennt fast auf sein Publikum zu. Er scheint kein Lampenfieber zu haben. Er scheint sich einfach nur darüber zu freuen, dass er vor der Kamera steht. Schon damals lacht er seinen Witzen hinterher und die maue Publikumsreaktion schert ihn nicht. Der Auftritt ist gut elf Jahre her - Oliver Pocher hat die Nullerjahre im Fernsehen verbracht.

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Illustration: Julia Schubert

Details über sein Leben vor dem Fernsehen sind schon ziemlich bekannt. Seine Eltern fanden irgendwann die Zeugen Jehovas gut und der Sohn musste sie auch gut finden. Er missionierte und schuf so eine kleine Legende, die für Pocher ein Schutzschild wurde: Stand Up-Comedy-Anfänger müssen mit Erniedrigung umgehen können. Wer auf die Bühne kommt, weil er glaubt, er könne unterhalten, der muss auch unterhalten. Schafft er es nicht, wird ihm der gesenkte Daumen gezeigt. Pocher behauptet, er könne mit dieser Form der Abneigung ganz besonders gut umgehen. Schließlich seien ihm in seiner Eigenschaft als Missionar schon einige Türen zugeknallt worden. Nach dem sehr durchwachsenen Bärbel Schäfer-Auftritt sagt er ganz unbeirrt: „Lass mich bei Harald Schmidt auftreten und ich sag dir: Die Nummer kommt gut.“ Mittlerweile war Pocher bei Harald Schmidt. Jetzt hat er sogar eine eigene Show - und seinen Zenit überschritten. Oliver Pocher tauchte in den vergangenen Jahren vor der Werbung, in der Werbung und nach der Werbung auf, sein Lebenslauf ist garniert mit bonbonfarbenen Namen wie Viva, Mediamarkt und Quatsch Comedy Club. Er hat das Prinzip „Straßenwitz“ perfektioniert. Vielleicht ist er sogar ein Meister darin, fremde Menschen und gleichzeitig sich selbst zu überraschen:

In guten Stunden konnte man Pocher wirklich als wie auch immer geartete „Hoffnung“ bezeichnen. Das Lied zur Fußball-WM 2006 namens „Schwarz und Weiss“ konkurrierte mit „54, 74, 90, 2006“ von den Sportfreunden Stiller um den Titel „deutsche WM-Hmyne“. Rudi Carrell hatte Pocher mal angerufen und gelobt. Carrell war ein Witz-Arbeiter, ein Humor-Perfektionist. Er dachte vermutlich, wenn einer so hart arbeitet wie Pocher, dann muss aus dem was werden. Nur scheint es heute so, als habe Pocher ganz viel gearbeitet, aber nicht so sehr an sich. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb Pocher einmal nach einer Sendung diesen Satz ins Zeugnis: „Pocher kann nicht mit Menschen umgehen, er kann sich nur über sie lustig machen“. Nun kann auch Rotzigkeit ein Softskill sein. Zumindest wurde Pocher deswegen in die ARD geladen. Harald Schmidt durfte vor der ersten Schmidt & Pocher-Sendung einen sehr selbstbewussten Menschen begrüßen, der dem Spiegel dieses Zitat anvertraute: „Ich frage mich: Hört das irgendwann auf? Kommt der Zeitpunkt, wo das alles stoppt? Oder wirst du größenwahnsinnig und denkst: Wenn alles läuft wie geschnitten Brot, dann versuchst du es jetzt auch noch in Amerika?“ Viele Schmidt & Pocher-Sendungen waren dann fad, einige waren gut. Das hier zum Beispiel wurde auf Youtube über eine Million Mal angesehen:

Dann trennte sich Schmidt und Pocher zog vermeintlich geadelt davon. Er sah sich selbst nun als tauglich für alles, schließlich hatte er die Zeit neben Harald Schmidt ohne größere Wunden überstanden. Selbst wenn der Meister ihn gezüchtigt hatte: Pocher wusste ja, wie man einsteckt und wieder aufsteht. Er wusste auch, dass sein Ehrgeiz intakt war und wahrscheinlich wird ihm das bald zum Verhängnis. Das erste Oktoberwochenende war nämlich so etwas wie eine Meisterprüfung. Er hat sie nicht bestanden:

Comedians können einen schlechten Abend haben. Und sicher ist es kein Spaß, vor dem Wetten, dass …?-Publikum zu bestehen. Doch schon 24 Stunden vor dem Auftritt bei Thomas Gottschalk moderierte Oliver Pocher die traurige Kopie einer Late Night-Show. Er verwaltete seine neue Sendung und setzte seinen Vater in die erste Reihe, um einen Sidekick zu haben für die Momente, in denen ihm die Luft ausging. Sie ging ihm oft aus. Als Johannes B. Kerner zu Gast war. Auch als Shakira zu Gast war, mit der er schon in den ersten 60 Sekunden verzweifelt eine Ebene suchte:

In manchen Momenten tut es weh, Pocher jetzt zuzusehen. Es scheint, als könne er den neuen Rahmen nicht füllen, den er sich vors Gesicht hält. Er soll jetzt den Menschenfänger geben, obwohl sein Witz eigentlich lieber Richtung Menschenverachtung tänzelt. Die Stand Up-Nummer zu Show-Beginn, die Band, die Gäste, der Vater - Pocher wirkt in diesem Arrangement so, als sei der Honk aus den sketchigen Einspielfilmen aus Versehen auf den Chefsessel gesetzt worden. Vielleicht hat er vergessen, sich weiterzuentwickeln. Womöglich ist er einfach das kecke Aufstehmännchen mit dem guten Straßenwitz geblieben, das sich aber zu fein war, so an sich zu arbeiten, dass das Ergebnis auch heute noch Rudi Carrell gefallen würde. Unter einem Video auf Youtube steht: „Ich meine: Richtig lustig sein, viel Talent haben und damit Erfolg haben können wohl viele. Mit begrenztem Humor so viel zu erreichen ist viel beeindruckender!“ Und unter die Sendungskritik auf welt.de schreibt der User Witzbold einen wohlmeinenden aber klaren Rat, dem man voerst nichts hinzufügen muss: Als der Pocher das erste Mal ins Fernsehn kam, fand ich den nicht lustig! Dann hat er sich ein wenig entwickelt und man konnte sagen, ja er beginnt jetzt lustig zu werden. Doch bevor er ein Comedian wurde, ist er bereits wieder dabei abzusteigen. Ich kann leider nicht mehr über seinen Humor lachen und die letzten Shows in denen er aufgetreten ist haben mir gezeigt, es lacht keiner mehr über die "Witze". Oli, lass es lieber und kümmere dich um deine künftige Familie. In 2 oder 3 Jahren kannst du es dann nochmal versuchen... aber bitte besser vorbereitet als jetzt.

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