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Bitte keine Nackten von nebenan

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Natalie Portmans nackter Po in „The Darjeeling Limited“ hat Menschen entzückt. Das ist an sich nichts Besonderes, weil Natalie Portmans Po ständig alle entzückt. In diesem Film aber gibt es eine Szene, in der man sieht, dass er kleine Falten wirft, so, als sei er nicht ganz straff. „Natalie Portman ist auch nur ein Mensch!“, riefen da Zuschauer und: „Endlich mal eine ehrliche Nacktaufnahme!“ Ich aber dachte mir, dass ich gar nicht wissen will, dass Natalie Portman auch nur ein Mensch ist und, dass ich auch keine ehrlichen Nacktaufnahmen will.  

Eine ähnliche Art von Begeisterung, die Menschen für diese Szene in „The Darjeeling Limited“ empfinden, empfinden andere für real-couple-Sex-Videos und Amateurpornographie im Internet: So viel sexier sei da Manches als die produzierte, retuschierte, gestellte Pornographie. Die mediale Darstellung der natürlichen Sexualität wird dabei als eine Art Befreiungsschlag verstanden, als etwas, worauf wir alle schon gewartet haben. Sogar ausdrücklich nicht-pornographische Medien ziehen mit. Auf tumblr-Blogs wie fuckyouverymuch sind Fotos nackter Menschen von nebenan keine Seltenheit und in jeder Ausgabe der NEON gibt es Nacktfotos von jungen Menschen, die aussehen wie junge Menschen von heute eben aussehen, wenn sie nackt sind, zumindest die schlanken, cellulitefreien unter ihnen. Dabei sitzen sie dann auf Mauern, lungern auf Wiesen oder stehen lässig im Raum als seien sie angezogen. Das soll natürlich wirken und irgendwie tut es das ja auch. Keine sexy Posen, keine Schminke, die Mädchen haben kleine weiße Brüste und die Jungs knubbelige Knie und schmale Schultern. Wie auch die Jungs und Mädchen und Männer und Frauen in den real-couple-Clips auf Pornhub oder YouPorn. All diese Nacktheit und Sexualität kommt so nebenbei, so absolut unzensiert und unverklemmt daher. Und genau das ist das Problem. Die Idee dahinter ist, dass diese Darstellung reizvoller sein soll als das übliche Erotikmaterial – in Wirklichkeit aber macht sie auf Dauer jeden Reiz zunichte.
 

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert


Ich ziele dabei nicht auf die so oft beklagte Sexualisierung der Medien ab. Die ist mir nämlich herzlich egal und darf ruhig sein. Sex und Nacktheit gerne überall, im Film, auf Fotos, auf Werbeplakaten, aber bitte wie eh und je in der Glitzer-glitzer-Version. Nicht, weil ich das besonders schön finde und kleine Falten am Po oder knubbelige Knie besonders abstoßend, sondern weil sie mit mir selbst nichts zu tun haben und ich auch gar nicht will, dass sich die Nacktheit und die Sexualität der Medien und der Öffentlichkeit mit meiner eigenen decken. Doch genau diese Deckungsgleichheit streben heimelige Pärchensexvideos im Netz oder die NEON an: Sie stellen die sogenannte natürliche Nacktheit und Sexualität, die meine Peer-Group ausmacht, aus, und machen sie damit langsam zur Nebensächlichkeit, so als sei es gar nichts Besonderes, nackt zu sein und Sex zu haben und so als dürfe jeder daran teilhaben wie an einer Facebook-Statusmeldung. Das ist ein Fehler. Denn die echte Nacktheit ist etwas Privates, Intimes, und wenn sie da ist, dann ist sie vordergründig und spannend und nicht einfach so da. Diese Spannung sollte man nicht dekonstruieren, indem man den nackten Körper eines netten Grafik-Studenten als legere Ausgehkleidung abfotografiert oder indem man partnerschaftlichen Sex zwischen Menschen, mit denen man sich identifizieren kann, für jeden zugänglich ins Netz stellt. Situationen, in denen man nackt ist, sollten etwas Besonderes und für ganz bestimmte Menschen und ganz bestimmte Situationen reserviert sein.  

Ich würde niemals leugnen, dass Nacktsein natürlich oder Sex sehr schön ist. Aber das schließt keinesfalls aus, dass es etwas Besonderes ist oder doch zumindest heute, wo man das Gefühl hat, irgendwie schon alles von allen zu wissen, etwas Besonderes sein sollte. Darum möchte ich Fotografie, die versucht, mir einzureden, dass Nacktsein genauso aussehen und angeschaut werden sollte wie Angezogensein, nicht mehr sehen. Und darum möchte ich auch keine Filme sehen, in denen nackte Menschen aussehen wie ich und du und Sex haben wie du und ich. In diesem Bereich meines Lebens brauche ich keine Identifikationsmuster, weil sie mir ganz alleine gehören. Darum gehe ich schamhaft damit um und darum ist Schamhaftigkeit etwas Gutes: Sie sorgt dafür, dass man im großen vernetzten, überkommunikativen Ganzen immer etwas Privates mit sich herumträgt, unterm T-Shirt und in der Hose. Und vor allem, dass man am Ende immer noch ein Geheimnis übrig hat.

Text: nadja-schlueter - Franziska Fiolka / photocase.com

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