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Eigentlich ist so eine Familie ein bisschen wie eine zusammengecastete Boyband: Jeder hat seine feste Rolle und die unterscheidet sich von den Rollen der anderen, wegen Abgrenzung und so. Da gibt es dann eine ruhige Person, eine draufgängerische, eine sensible, eine energische. Zum Beispiel. Und vor allem gibt es die Elternrollen und die Kinderrollen. Die Sache ist aber: So eine Familie hält sehr viel länger als eine zusammengecastete Boyband. Und wenn man fast 30 Jahre lang die immer gleiche Rolle innehatte und die immer gleichen übrigen Rollen beobachtet hat, dann ist man sie irgendwann leid.

Bei mir war das so. Alles war immer gleich. Klar, alle wurden älter und veränderten sich, aber innerhalb der Familie behielten sie doch ihre Rollen bei. Wann immer wir alle daheim waren, wurden meine Eltern zu Eltern und wir Kinder zu Kindern, obwohl wir doch längst erwachsen waren. Es gab da keine Überraschungen, ich konnte zum Beispiel ziemlich genau vorhersagen, wie ein Familientreffen ablaufen würde. Wer was sagen würde, wann wer gute oder schlechte Laune haben, wann sich welches Lager bilden, wann wer wen verletzten würde. Aber dann wurde mein Neffe geboren. Und auf einmal ist alles anders.

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Illustration: Julia Schubert


Altes Bild mit neuen Rollen

Wenn wir uns mit der Familie treffen, gibt es Veränderungen, die man auf den ersten Blick bemerkt. Meine Schwester geht zum Beispiel viel früher ins Bett und steht früher auf. Das ist ungewohnt. Meine Mutter trägt auf einmal ein Kind auf dem Arm. Sie sieht anders aus damit. Damit das Kind lacht, macht mein Vater lustige Geräusche, die ich noch nie von ihm gehört habe. Der Sound der Familien-Band ist mit dem neuen Bandmitglied ein anderer.

Aber auch darüber hinaus hat sich etwas verändert. Die Rollen sind nicht mehr die gleichen. Meine Schwester ist jetzt Mutter, da kann sie schlecht gleichzeitig noch Kind sein. Wir anderen Kinder sind auch weniger Kinder, weil es ja jetzt wieder ein richtiges Kind gibt. Es macht Kinderdinge, es ist hilflos wie ein Kind, es lacht wie ein Kind, es weint wie ein Kind.

Vor allem aber sind meine Eltern jetzt Großeltern. Es ist als sei auf einmal alles Strenge, Erzieherische verschwunden, an das sie als Eltern uns gegenüber gewöhnt waren. Es gibt da eine neue Sanftmut. Als Großeltern wollen sie nicht mehr erziehen, sie wollen das Kind halten und füttern, mit dem Kind spielen. Dabei haben sie aber nicht die Hoheit über das Kind – die hat meine Schwester, meine Eltern müssen sie fragen, ob sie das Kind mal mit in den Garten nehmen dürfen, sie bestimmt, wann es essen und wann es schlafen muss und darum nicht verfügbar ist. Und man selbst steht daneben und gerät aus dem Fokus des elterlichen Blicks. Man hat jetzt erwachsen und fertig zu sein, denn es gibt jemand anders, um den sich gekümmert, auf den geachtet werden muss. Und so seltsam das auch klingt: Das ist ungemein befreiend.

Wie ein kleines Zahnrad, das nicht mal selbst Zähne hat, die Maschine ändert


Denn man hat nicht nur erwachsen zu sein, man wird auch eher als erwachsen angenommen. Jahrelang war es zum Beispiel nicht möglich, meinen Eltern etwas abzunehmen, was sie traditionell immer gemacht haben. Auf einmal kann ich meiner Mutter beim Kochen helfen oder im Urlaub den Haustürschlüssel an mich nehmen. Das sind Kleinigkeiten, aber es sind Zeichen dafür, wie sich das große Ganze verändert hat. So wie die veränderte Silhouette meiner Mutter mit Kind auf dem Arm. Oder die neue Stimme meines Vaters.

Eine Familie ist ja nicht nur wie eine zusammengecastete Boyband, sie ist vor allem auch ein System, das sich über die Jahre festigt, es läuft wie eine Maschine, in der die Zahnräder aufeinander abgestimmt sind. Das neue Familienmitglied ist nicht nur eine Ergänzung dieser Maschine, es sorgt auch dafür, dass sich die Zahnräder verschieben, damit das neue, kleine Zahnrad richtig eingepasst werden kann, seinen Platz findet. Dieses kleine Zahnrad, das bisher nicht mal selbst Zähne hat, hat es geschafft, dass sich die alte Maschine, die schon jahrelang gleich läuft, verändert.

Und dann fällt mir da noch etwas auf, das sich verändert hat, etwas ganz Banales: Es ist viel unordentlicher geworden. Auf einmal besteht die Gefahr, im Wohnzimmer meiner Eltern auf einer Schildkröte mit Rollen auszurutschen. Aber auch das ist irgendwie schön.

Text: valerie-dewitt - Illustration: katharina-bitzl

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