Boy meets Girl meets Holzhammer

Ob Ildikó von Kürthy oder Cecilia Ahern: Die sogenannte "Chick Lit" hat einen schlechten Ruf. Zurecht, findet unsere Autorin - dabei mag sie das Grundkonzept und die leichte Frauenliteratur eigentlich gerne. Was ist also dann das Problem?
therese-meitinger

Eigentlich habe ich kein Problem mit Goldhamstern. Es stresst mich nicht, wenn ich in der U-Bahn mit ihnen gesehen werde, selbst wenn sie dabei auf einem pinken Cover kleben und Herzen in den Pfoten halten. Auch was "freche" Sparwitztitel wie "Gegensätze ziehen sich aus" für meine Nahverkehrs-Street-Credibility bedeuten, juckt mich nicht weiter.  Leider ist das Buch dahinter selten gut. Und das ist schade.



Chick Lit könnte Spaß machen. An schlagfertig-witzigen Romane mit (mehr oder wenig) jungen Heldinnen, denen man bei der Suche nach Mr. Right über die Schulter schauen kann, ist an sich nichts verkehrt. Schon unsere Mütter haben 1972 über "Sheila Levin ist tot und lebt in New York" gelacht – so etwas wie der Urknall des Genres. Seitdem liefern Helen Fielding, Cecilia Ahern, Marian Keyes oder Kerstin Gier non-stop lockere Ich-Erzählungen oder Tagebucheinträge nach. Die Grundhandlung hat unbedingt Potenzial: "Girl meets Boy, Girl erkennt erst nicht, dass es sich um DEN Boy handelt, es gibt Verwirrung, aber zum Schluss wird doch noch alles gut." Jane Austen hat diese Vorlage in Weltliteratur verwandelt. Und selbst durchschnittsbegabte Normalschreiber sollten es hinbekommen, aus diesem Plot solide Unterhaltung zu zimmern. Und damit die Grundlage für eine angenehme Parallelwelt, in die ich mich eine Weile vor fiesen Statistiktests oder meinem Kontostand flüchten kann. Meine Freundinnen haben schließlich nicht immer Zeit zum Quatschen. Manche stellen sich für diese Flucht ein Auenland samt Hobbits oder Stockholm im Dezember 1982 vor. Mir reicht es, wenn es die wahre Liebe noch gibt. Aber bitte nicht die schicksalsschwere, Nackenbeißer-große, sondern die schicke, urbane, selbstbewusste.

Die Autoren können für diese Illusion ruhig mit Klischees und Versatzstücken um sich werfen. Es darf gern in einer Werbeagentur geknutscht werden, nachdem die Protagonistin fünf Appletinis geext hat. Katastrophen sollen sich darauf beschränken, dass ER nicht zurückruft oder SIE aufs Land ziehen muss. Und ja, nennt die "Mädels" durchgängig Marie, Shazzer oder Cora heißen und alle Männer Paul. Stört mich gar nicht.

Was mich sehr wohl stört, sind schlechte Bücher. Lieblos zusammengetipptes Zeugs, das die Autorinnen offensichtlich selbst nicht ernst nehmen. Vielleicht können sie auch einfach nicht schreiben. Ist letztlich egal, bloß fällt so viel erfolgreiche Chick Lit unter die Kategorie "Murks". Ildikó von Kürthy, die mit "Sternschanze" seit Wochen in der "Spiegel"-Bestsellerliste steht, hält zum Beispiel seit zigtrillionen Büchern an einem biederen Sparkassenstil fest.

Nicola Lubitz, die Protagonistin von "Sternschanze", tut "nichts ohne viel Gefühl. Nicht mal Spaghetti essen." Zu Beginn der Handlung schreitet sie noch in schickem Ambiente zur einfühlsamen Tat. In ihrer Wohnung "führt eine Wendeltreppe, die betrunken und mit hochhackigen Schuhen eine echte Herausforderung darstellt, auf die Galerie mit dem offenen Schlafzimmer, an das sich ein selbstverständlich offenes Ankleidezimmer anschließt, das dreimal so groß ist wie das Kinderzimmer im Haus meiner Eltern." Aber ach, kurz nach diesem Schachtelexzess muss Nicola schon wieder von vorne anfangen. Sie ruft an Silvester nämlich ihre Affäre an und überträgt das via Babyphon an alle Partygäste – Ehemann inklusive. Hätte die Heldin doch nur auf ihren Instinkt gehört, der schlug schon Alarm, als sie schick machte und "mit einem für mich eigentlich untypischen störrischen Stolz das Badezimmer verließ." Was auf den 300 folgenden Seiten noch passiert, will ich gar nicht wissen. Vor allem nicht: lesen!  

So dankbar Ildikó von Kürthy als Zielscheibe ist – sie ist natürlich nicht die einzige. Auch Mia Morgowski, die lange auf Aufreißer und cool verpeilte Jungs spezialisiert war, kommt eher sperrig als lässig daher. Kerstin Giers Romanen merkt man die Vielschreiberei ihrer Autorin etwas zu sehr an. Bieder, bieder, bieder liest sich "Das Hochzeitversprechen" von Sophie Kinsella. "Hätte nicht gedacht, dass du zu der Sorte Frauen gehörst, die sich sang- und klanglos aus dem Staub macht", sagt der Dude zum Mauerblümchen in Carly Phillips‘ "Liebe auf den ersten Kuss". Auch sonst ist das Buch voll mit Sätzen zum Fußnägelaufrollen. Und selbst Altmeisterin Helen Fielding schreibt zehn Mal auf drei Seiten "Kein Grund zur Panik!". Und das alles bei den Superstars des Genre!  

Wobei: Dass diese Autorinnen trotz lieblosen Rumgeschreibes zu Chick-Lit-Superstars werden konnten, ist genau das Problem. Damit haben sie dem Genre einen Bärendienst erwiesen. Wenn Verlage mit mittelmäßigen Texten Riesenmengen Bücher absetzen können, kaufen sie natürlich entsprechend nach. Sie befriedigen die Nachfrage mit allem, was der Markt hergibt – gerne auch mit suboptimalen Manuskripten unbegabter Nachschreiberinnen. Perlen wie die direkte Martina Brandl oder der sensibel komische Michel Birbaek bleiben so die Ausnahme. Beide schreiben über Leute, die man gerne um sich herum hätte: Die großmäulig-verpeilte Heldin aus "Halbnackte Heldin" dürfte mir gerne ein Bier aufbeißen und mit den Sensibelingen aus allen Birbaek-Romanen lässt sich bestimmt gut grübeln. Leider sind sie Einzelfälle. Ob an dem Dilemma nun die Verlage schuld sind, weil sie vor allem Massenware anbieten, oder die Leserinnen, weil sie sich mit So-la-la-Büchern begnügen, macht dann keinen Unterschied mehr. Vielleicht sollte ich Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen einmal eine Chance geben.

Text: therese-meitinger - Foto: Gortincoiel/photocase.de

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