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Endlich vereint auf der Straße: die Generation der 20- bis 30-Jährigen. 

Liebe Pegida,

liebe Fahnenschwenker und Wutrentner, liebe Prügelpatrioten und Dummschwätzer: Ich bin froh, dass es euch gibt.

Freut euch vielleicht zu hören. Seit letzter Woche zeigt ihr ja erste Zerfallserscheinungen. Euer Chef ist zurückgetreten, ein paar von euch haben auf Journalisten eingeprügelt. Gestern in Dresden kam wieder nur ein Bruchteil der angekündigten Teilnehmer. Vielleicht marschiert ihr in ein paar Wochen nur noch mit zweihundert Mann, und irgendwann wird es auch denen zu blöd. Wäre okay für mich. Denn eines habt ihr schon geleistet, wofür ich euch dankbar bin. Ihr habt mich aufgeweckt.

Statt der patriotischen Großstreitmacht, die ihr jede Woche ankündigt, mobilisiert ihr nämlich vor allem Widerstand. 25.000 Gegendemonstranten waren es letzte Woche allein in Leipzig, vorletzte Woche 100.000 in ganz Deutschland, heute werden es vermutlich ähnlich viele. So viele Menschen hat zuletzt die SPD mit ihren Hartz-Gesetzen auf die Straße gebracht. Das war 2004.

Bis jetzt demonstrierten wir gegen Studiengebühren und die Gema. Es ging immer um uns. 


Euretwegen, und hier nochmal mein bester Dank, gehe ich endlich auch mal auf die Straße. Demonstrieren, also das in größerer Gruppe gesammelte Dagegen- oder Dafürsein, ist ja gerade ein wenig aus der Mode. Vielleicht, weil uns die klaren Gegner fehlen. Früher gab es Springer, gab es Strauß, gab es Pershing-II-Raketen. Es gab Menschen und Dinge, die ganz offensichtlich schlimm genug waren, um sich als Gegner jedes jungen Menschen zu eignen, der ein halbwegs eingenordetes politisches Gewissen hatte.

Was gibt es da schon, seit ich erwachsen bin? Den Protest gegen George W. Bush? Das war 2003. Da war ich mit Schule beschäftigt. Als ich studierte, gab es Demos gegen Studiengebühren. Später dann gegen das Piraterie-Abkommen Acta und, man muss fast lachen, gegen das „Clubsterben“ wegen einer Tariferhöhung der Gema. Es ging auf die Straße für freies Internet, bessere Musik und gegen höhere Eintrittspreise in der Disco. Eigentlich ging es immer um uns.

Irgendwann gab es Demos gegen den Verteidigungsminister Guttenberg. Da hatten die Demonstranten Monokel und „Monarchie jetzt!“-Schilder dabei. Wenn wir schon mal demonstrierten, war es ironisch.

Vielleicht hatten wir zwischen Bachelor-Abschluss und Auslandspraktikum ein bisschen verlernt, was richtige Probleme sind. Wem graut es schon vor Hartz IV oder dem Abbau von Bergbau-Subventionen, wenn er Anfang 20 ist? Dann kam plötzlich sehr viel auf einmal: Die NSA-Enthüllungen hatten das Zeug zum richtig lauten Aufschrei. Aber bevor Edward Snowden zu unserem Rudi Dutschke werden konnte, fingen in Syrien plötzlich IS-Extremisten damit an, Europäern die Köpfe abzuschneiden. Da erschien die NSA plötzlich wieder deutlich weniger schlimm. Schließlich versprach die doch, uns vor Terror zu schützen. Wer hätte schon zweifelsfrei sagen können, ob er da jetzt für die richtige Sache auf die Straße geht?


Uns rüttelt etwas auf, das endlich mal nicht komplex ist. Sondern einfach nur dumpf und völkisch.


Aber jetzt seid ihr da, liebe Pegida. Und plötzlich watscht uns etwas wach, das gar nicht komplex ist. Dumpfer, völkischer Mist. In so großen Mengen, dass mir sogar Freunde aus dem Ausland schreiben, was da los sei – sie hätten auf CNN grimmige deutsche Flaggenschwenker gesehen?

Ihr „patriotischen Europäer“ seid keine Speerspitze, kein homogener Block. Bei euch stehen Omas neben vorbestraften Nazis neben braven Junior-Angestellten. Ihr seid schwer festzumachen, vermutlich weil ihr im Grunde ja auch keine Ahnung habt, was ihr eigentlich wollt. Womit ihr uns übrigens gar nicht so unähnlich seid. Die Probleme, gegen die ich in den letzten Jahren auf die Straße hätte gehen können, waren schon zu komplex und ambivalent für mich allein – wie hätte eine Massenbewegung da nichts falsch verstehen können?

Natürlich wäre es schön, wenn es euch nicht gäbe. Wenn jeder von euch hin und wieder Zeitung lesen würde und die ARD nicht als Propagandakanal ignorieren würde. Wenn ihr alle regelmäßig wählen gehen würdet und den Funken Mitgefühl hättet, den es braucht, um einzusehen, dass die Flüchtlinge nicht nach Deutschland kommen, weil sie schmarotzen wollen, sondern weil es ihnen mies geht. Und dass keiner von denen an eurem Frust schuld ist.

So ist es aber nicht. Und weil es nicht so ist, weil es also euch frustrierte, empathielose Kaltherzen gibt und schon immer gab, und weil ihr viele seid, bin ich dankbar, dass ihr euch zusammengetan habt. Dass ihr als fahnenschwenkende Menge durch Städte zieht. Dass ihr eure zur Faust geballten Gesichter in Fernsehkameras haltet und euren hysterischen Hass in schlimme Sätze packt. Dass ihr sichtbar macht, dass es sowas wie euch gibt. Auch heute noch, auch in Deutschland.

Es ist nämlich gruselig zu wissen, dass es euch gibt. Aber immer noch besser, als es nicht zu wissen.

Text: jan-stremmel - Foto: dpa