Darf ich kurz stören?

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Ich habe meiner Masterarbeit eine Menge bedeutsamer Erkenntnisse zu verdanken. Zuvorderst diese hier: Mein Kühlschrank hat an der Rückseite ein Fach, in dem Tauwasser gesammelt wird. Ich weiß das, weil ich die Zeit meiner Masterarbeit dazu genutzt habe, dieses Fach endlich mal richtig zu reinigen. Ich habe auch den Zulauf das Waschbeckens in der Küche und im WG-Klo gesäubert. Ich habe die Fenster geputzt und mit meiner Mitbewohnerin mal ganz in Ruhe besprochen, wann man bei uns im Viertel am besten einen Parkplatz findet (inklusive ausführlichem Selbsttest).

Kurzum: Ich habe - während ich eigentlich Masterarbeit schreiben sollte - Zeit in großen Mengen tot geschlagen.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert



Anders formuliert: Ich habe mich abgelenkt und ich habe mich ablenken lassen. Für mich besteht da kein wirklicher Unterschied. Ablenkung funktioniert nur, wenn man es auch wirklich will. Es braucht schon das Interesse an dem komplizierten Tausystem eines Kühlschranks, um dieses zu reinigen, während eigentlich eine Uni-Aufgabe wartet. Und wer sich von Chatfenstern am Computer gestört fühlt, ist daran in Wahrheit auch selber schuld. Jedenfalls tragen die Fenster soviel zur Ablenkung bei wie der Kühlschrank. Sie sind halt da. Komm klar damit!

Die Debatte darüber, dass wir alle doch in Wahrheit eine Internetpause zum konzentrierten Arbeiten brauchen, ist bei Lichte betrachtet genauso wahr wie die Behauptung, dass Clubs oder Bands früher besser waren als heute. Niemand will das mehr hören. Wenn dir die Band oder der Club nicht mehr gefällt, musst du ja nicht hingehen und sie nicht hören. Das Lamentieren über den Verfall steht nicht nur alternden Konservativen nicht, junge Studierende macht es richtig hässlich. Es klingt in meinen Ohren wie das Schimpfen eines Kutschers, dem das Automobil zu schnell fährt. Schön, dass er das sagt, ändern wird er damit nichts.

Darüberhinaus glaube ich gar nicht, dass die Welt einfacher war, als der Versand von Nachrichten nicht wenige Sekunden, sondern mehrere Tage dauerte. Es gibt kluge Leute, die die Behauptung, die Welt wäre zunehmende komplexer, leichtfüßig widerlegen. Vielleicht waren die Menschen zu jeder Zeit unzufrieden mit der Beschleunigung und dem Ablenkungspotenzial ihrer Umwelt. Vielleicht entkommt man dem nur, indem man einen Weg findet, damit umzugehen.

Das Abschalten und Ignorieren ist jedenfalls der schlechteste aller Wege.




Text: christian-berg - Foto: Dot.ti/photocase.com

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