Das bestellte Geschenk

Sie lassen sich nicht mehr von ihren Freunden überraschen, sondern sagen, was sie haben wollen: die Geschenke-Besteller. Arme Menschen.
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Die Tina, die wird in ein paar Wochen 29 Jahre alt und wünscht sich zum Geburtstag eine neue Sonnenbrille. Aber nicht irgendeine, sondern das Modell Erika Velvet, für 140 Euro. Sie hat es schon beim Optiker hinterlegen lassen, man weiß ja nie. Die Nachricht, dass die Tina sich die Erika wünscht, kommt von ihrem Freund per Whatsapp-Gruppe, adressiert an zehn Freunde, Profilbild mit Ray Ban. Gezahlt wird per Pay Pal. So praktisch.

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Illustration: Julia Schubert


Das, was du bestellt hast? Armer Mensch!

Für viele sind solche Auftragsgeschenke eine Erleichterung: Sie müssen nicht groß nachdenken und immerhin kann der Beschenkte „es dann ja auch wirklich gebrauchen.“ Aber woran bemisst sich der Wert eines Geschenkes? Am Preis? An der Nützlichkeit? An der Garantie, zu gefallen?

Wenn sich meine Oma vor Weihnachten ganz umständlich bei meinen Eltern erkundigt, was ich denn am dringendsten brauche (Geld? Socken?) oder womit man mir eine echte Freude machen kann (nicht Socken), dann ist das in Ordnung. Omas haben wenig Ahnung von unserem Leben und unseren Wünschen, wohnen oft weit weg, schenken mit traditioneller Routine und daher ohne Phantasie. Aber Freunde?

Die kennen uns doch. Sie sind in den schönsten und schlimmsten Momenten an unserer Seite, kennen unsere Stärken und Schwächen, unsere speziellen Vorlieben, unseren Humor. Da können wir ihnen ruhig zumuten, dass sie selbst ein paar Gramm Hirnschmalz darauf verwenden um herauszufinden, was uns vielleicht gefallen könnte.

Gute Geschenke sind eine Erinnerung an die Freundschaft - mit einer Schleife drumherum

Klar besteht das Risiko, dass der/die Beschenkte den Fahrradkorb/Plattenspieler/Nussknacker nicht gebrauchen kann. Im schlimmsten Fall legt er das Geschenk in den Schrank zu den Sachen vom vergangenen Jahr oder verschenkt es bei der nächsten Gelegenheit weiter.

Aber genau in dieser Unsicherheit liegen ja Reiz und Spannung des Schenkens. Bis kurz vor dem Auspacken nicht wissen, ob man richtig liegt oder nicht. Geschenke von Freunden müssen gar nicht praktisch sein, sie dürfen sich sogar jeder Brauchbarkeit entziehen, wenn sie nur einen freundlichen Gedanken transportieren. Gute Geschenke sind eine Erinnerung an die Freundschaft - mit einer Schleife drumherum. Denn diesen einen Moment, wenn ein Überraschungsgeschenk gezündet hat, wenn dem anderen die Tränen in die Augen schießen und er vor Glück jauchzt, genau den kann man eben nicht vorbestellen.

Am Ende hat die Tina übrigens einen Sparstrumpf voller Bargeld bekommen. Das mit Pay Pal hat nicht geklappt. Es hat ein bisschen peinlich ausgesehen, aber der Geschenke-Kauf-Beauftragte hat es zeitlich nicht geschafft, die Brille zu besorgen. Ihm war was dazwischen gekommen. Keine Sonnenbrille also, und deshalb konnte man auch sehr deutlich sehen, dass Tina keine Tränen in die Augen geschossen sind.


Text: fabienne-hurst - Foto: photocase/AndreasF

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