Das Dilemma mit Tomte

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Das Dilemma mit Tomte. Das Gefühl, dass man es nun nicht mehr kann: die so richtig mögen. Weil jedes neue Album wie der Anruf von der Tante ist, die fragt, warum man nicht mehr öfter vorbei kommt. Früher war man doch immer gern da! Hat sogar Aufkleber und so gesammelt. Also von Tomte, nicht von der Tante. Aber jetzt ist irgendwie dieser Mundgeruch das erste, an das man denken muss. Also bei der Tante. Bei Tomte aber vielleicht auch. So etwas Abgestandenes jedenfalls, ist an ihnen, seit ein, zwei Platten schon.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Vielleicht ist das mit Bands so, die man bei ihren kleinen Schritten gesehen hat. Denen man mal mit grenzenloser, fanatischer Zuneigung entgegen kam. („Eine Sonnige Nacht“). Man war da, in diesen Jahren und hat geklatscht, so viel, konnte ja nix anderes tun. Hat immer wieder und für jeden Scheiß geklatscht. Wie schön das war, gerade bei Tomte, weil es ja auch eine kurze Zeit lang nichts Echteres auf der Bühne gab, als diesen Typ, diese grölende Birke. Wie er und seine Freunde mit ihren Instrumenten Scharten schlugen und dazwischen wilde milde Sätze legten, die man wahlweise schreien, weinen und auf Felswände schreiben konnte. Endlich war Rock vor der Haustür. („Hinter All diesen Fenstern“) Man hat genug für sie geklatscht damals, offenbar, denn es kamen ja immer mehr, um ihnen zu zuhören. Die Band wurde groß und größer, man selber blieb 1,82 Meter und musste morgens früh raus. Das macht nichts. Man sieht ihnen beim Wachsen zu, von ein bisschen weiter weg. Hört die neuen Platten, von denen man weiß, dass sie nicht mehr nur für das Kleine gemacht sind, das man kurz miteinander hatte. Es kommt dann ein Album, bei dem man das Gefühl hat, man müsste nur kurz mit der Band ein paar Worte reden, um was klar zu stellen. Muss das so? Ist es das jetzt, also, ist das das Neue? („Buchstaben über der Stadt“) Findet aber nicht mehr statt, diese kurze Erklärung. Und alle anderen verstehen die Platte, also ist man wohl selber doof. Geht nicht mehr hin, wenn sie in der Stadt sind, weil an dem Abend auch noch was anderes ist. Oder weil man den anderen nicht im Weg stehen will. Oder weil man das, speziell bei Tomte jetzt, eben so genau nicht mehr finden kann, was Uhlmann singt. Man hat ja nicht ewig denselben Kater. Es sind andere Bands da, die einen jetzt neu aufreißen. Tomte schaffen es nicht mehr. Ich glaube, die Band weiß das auch, an diesem Zeitpunkt. Die sind ja nicht dumm geworden auf einmal, die Jungs, die versuchen bei jedem Lied so zu tun, wie es früher war, wo es von selbst kam. Klappt auch, manchmal. Und dann kommt ein Punkt, zwischen drin, auf irgendeinem Festival vielleicht, wo die „Stadt mit Loch“ so über den Platz leiert, da nervt’s dann auf einmal gewaltig. Dieser Pathos, warum eigentlich, wer genau fordert den von euch ein, Tomte? Immer so das Gegenteil von slick. Warum der klebrige Männerschmerz in allem, wo Grand Hotel drauf steht? Großer Abschied, große Freundschaft, großer Tod, und die Zeit, ach ach, besungen aus dieser gekünstelten unsauberen Thekenperspektive. Uhlmann das beutungsschwangere Anti-Stimmwunder, macht er das jetzt die nächsten zehn Jahre: Waterkant-Wehmut in der Menschenapotheke und dabei schön die Metaphernorgel drehen? Damit die Festivaltrottel sagen: echt genial. Wo ist die Bierposaune geblieben? Wo das schnelle, unüberlegt Gute in allem, das Kaputte eben? Denn nur mit dem kann es erst wieder schön sein.

Egal. Ist offenbar weg und man dreht sich um. Sollen die. Man macht an der anderen Ecke im Plattenschrank weiter. Wieder später kommt wieder ein neues Album („Heureka“), man selbst ist aber noch beleidigt. Erkennt auch gar nix mehr, neuer Schriftzug, aha, ziemlich beknackt. Albumtitel sowieso total mies, Düsentrieb-Assoziation, Phrase, schlimmes Wort, finden die das jetzt witzig? Heißt die nächste Platte vielleicht „Famos“? Blick auf die Bandmitglieder im Booklet, kaum einen kennt man mehr. Dämmern - das ist eine andere Band. Also reinhören. Uhlmann wieder vorneweg, wieder arg: „Und es kommt aus dem Osten, eine Kaltfront, von der sich noch Generationen erzählen“ undsoweiter, du lieber Himmel. Manches geht also immer noch gar nicht. „Weißt du, mit wem du gestern schliefst...“ ist auch so eine Zeile, hua. Aber das Aufregen drüber funktioniert gar nicht mehr richtig. Irgendwie federt die Platte das weg, ist einfach so weg, der Ärger. Wie böse sein wollen und dabei lachen müssen. Oder hat man aufgeben? Hört’s einfach so, geschwächt und matt. Passt es deswegen irgendwie? Ist das, was man eben auf dem Weg zur U-Bahn gesummt hat, das Lied mit der Kaltfront? Tomte, diese Pisser, hat man’s doch wieder voll inhaliert? Schon nach dem zweiten Durchlauf? Versteh’s nicht. Vorhehr und nachher nicht, aber es läuft rein wie nix. Was soll man sagen. Das Dilemma mit Tomte. Mehr über Tomte auf jetzt.de >>> Ein Interview mit MySpace-User Richie , der ein Tomte-Konzert mit einer Kamera besuchte - und so eine wichtige Aufgabe bekam. >>> Geschenke vom Grand Hotel van Cleef Am morgigen Mittwoch wird das Video zum Titelsongs des Albums „Heureka“ in Berlin gedreht. Tomte suchen zu diesem Zweck „Frauen und Männer zwischen 25 und 35 gesucht. Ihr solltet in Berlin sein und von 13-20 Uhr Zeit haben, gerne auch einen Tick länger. Außerdem gibt es einen Dresscode und der wäre Schwarz-Weiß.“ Gedreht wird in Kreuzberg und wer teilnehmen will, kann sich per Mail an tomtevideo@googlemail.com anmelden (Alter, Geschlecht, Mobilnummer bitte angeben).

Text: max-scharnigg - Foto: dpa

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