Das ist doch gar nicht echt!

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Sonntagabend habe ich die Preshow des Superbowl gesehen. Schnelle Schnitte, Moderatoren in schlecht sitzenden Anzügen, eine Moderatorin, die den Präsidenten in einer Großküche zur wirtschaftlichen Lage des Landes interviewt, halbnackte Cheerleader, aufwändig produzierte Werbespots und „God Bless America“-Plakate auf der Tribüne. Und alles in Live-Übertragung. Aber ich hatte komischerweise das Gefühl, dass mir jemand eine Geschichte erzählt. Dass das alles gar nicht wirklich passiert gerade, drüben in den USA.

Das hat mich verwirrt. Und da fiel mir auf: Ich kenne amerikanisches Fernsehen eigentlich nur aus dem amerikanischen Fernsehen. Aus Serien und Sitcoms. Wenn es darin vorkommt, wenn dort jemand fernsieht. Ich kenne es nur aus zweiter Hand, als Abbild. Darum wirkt es auf mich ausgedacht.

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Illustration: Julia Schubert

Mindfuck!

Noch nie hatten wir Zugriff auf so viele Geschichten aus aller Welt. Das Internet ist voll davon. Vor allem aus den USA schwappt jede Menge Popkultur zu uns herüber. Seit dem großen Serien-Hype hat diese Popkultur einen noch größeren Hang zu realistischen und detailreichen Geschichten. Wenn wir nächtelang US-Serien schauen, saugen wir diese Details in uns auf und speichern sie ab als Teile einer Erzählung.

Aber gerade die Details haben sich die Serienschreiber oft gar nicht ausgedacht, sondern aus dem Leben kopiert. Ganz automatisch sieht eine TV-Berichterstattung in „House of Cards“ aus wie eine TV-Berichterstattung, die der Autor Beau Willimon und seine Kolleginnen und Kollegen kennen. Ein Werbespot in den „Simpsons“ ist ein ziemlich genaues Abbild eines echten amerikanischen Werbespots, in etwas überzogen und karikiert. Eine Superbowl-Übertragung in „King of Queens“ ist der echten Superbowl-Übertragung nachempfunden. Denn das Fernsehen in den Serien ist Teil der Realität der Serien-Autoren. Die nicht meine ist.

Während ich darüber nachgedacht habe, hat sich in meinem Kopf ein Knoten gebildet. Wir alle schauen mittlerweile Serien, Serienschauen ist unsere Lieblingswissenschaft geworden. Aber wenn man sich so sehr auf all diese Geschichten einlässt, kriegt man ein Problem mit der Realität. Oder besser gesagt: mit der Realität der anderen. Da setzt sich aus vielen Details vieler Serien ein Bild zusammen, das „Serien-Realität“ heißt – und wenn man dann in der echten Welt auf eines dieser Details stößt, traut man ihm nicht über den Weg. Ich war nie in den USA, aber sollte ich mal hinreisen, dann weiß ich jetzt schon, dass ich diesem Land die Hälfte nicht glauben werde. Die großen Autos oder Thanksgiving zum Beispiel. Ich werde das Gefühl haben, durch eine einzige große Geschichte zu laufen, vielleicht sogar Teil dieser Geschichte zu sein.

Die Sache ist: Meistens ist die Realität in den USA ja sehr weit weg. Letzten Sonntag war das anders. Ich kenne den Superbowl aus Serien, jetzt habe ich ihn zum ersten Mal in echt angeschaut. Weil ich durch das Internet ja nicht nur Zugriff auf Geschichten aus aller Welt habe, sondern auch auf Berichterstattung aus aller Welt. Nur darum kann ich Sitcoms schauen, in denen es mindestens eine Superbowl-Folge gibt. Nur darum kann ich aber auch den echten Superbowl schauen. Nur darum fiel beides zusammen: die Serien-Realität und die Realität. Und nur darum saß ich Sonntagabend mit einem Knoten im Kopf vorm Laptop.

Eigentlich ist es also wie immer: Das Internet ist Schuld. Es bietet mir die ganze Welt an, einfach so, während ich daheim bin und eine Jogginghose trage. Alles ist ganz nah, gleichzeitig ist es ganz weit weg. Das Internet erzählt mir Geschichten, die von fremden Realitäten geprägt sind, es zeigt mir aber auch diese fremden Realitäten selbst. Und ich weiß manchmal nicht mehr, was das eine und was das andere ist. Was nur eine Ebene weit entfernt ist und was zwei.

Vielleicht muss ich bald in die USA reisen. Und dort amerikanisches Fernsehen schauen. Nein, damit sich der Knoten auflöst, muss ich wahrscheinlich sogar noch einen Schritt weitergehen. Weiß hier jemand, wie man an Karten für den Superbowl kommt?

Text: nadja-schlueter - Illustration: Daniela Rudolf

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