Das Kino entdeckt die Überwachung

Look und Untraceable sind zwei Filme, die sich mit Privatem und Öffentlichem befassen. Dass sie bald ins Kino kommen, ist auch ein politische Aufforderung an jeden einzelnen
dirk-vongehlen

Die Internet-Adresse killwithme.com hält Amerika in Atem. Wer die Aufforderung in der Adresszeile des Browsers eingibt, bekommt Einblick in eine Folterkammer. Zu sehen ist ein Mann, der an eine technische Aparatur angeschlossen ist, die ihm eine steigende Dosis Gift injeziert je mehr Besucher auf die Seite kommen. Das FBI steht vor einem Problem: Wie den Serien-Killer finden, der alle, die auf seine Website surfen, zu Mördern macht? Wie die Öffentlichkeit über den Fall informieren, ohne das Opfer zu gefährden und schlussendlich zu töten? Was wie ein Science-Fiction-Thriller klingt, ist in der Tat ein Kinofilm: Untraceable (unauffindbar) startet Ende Januar in den US-Kinos (Kinostart in Deutschland: 28.02.2008), erzählt aber eine Geschichte, die nicht auf die USA und schon gar nicht auf die Zukunft beschränkt ist. Es geht um die Trägheit der Masse, um die Macht des Internets und vor allem um die Auflösung zwischen privatem und öffentlichem Leben.

Das Besondere an der Grundkonstellation liegt in dem Feindbild, das FBI-Agentin Jennifer Marsh (gespielt von Diane Lane) bekämpfen muss. Natürlich geht es in erster Linie um einen Serien-Killer, der von einem perversen Wunsch nach Popularität getrieben wird. Aber auch der voyeuristische Trieb der Internet-Nutzer stellt sich gegen die Ermittlerin. Je größer die warnende Bitte, die Website nicht anzuklicken, umso stärker der Wunsch genau das zu tun. Völlig egal, ob dabei jemand zu schaden kommt. Es ist seit jeher das Zeichen der Pop-Kultur, dass sie Themen aufgreift, die das Leben einer Gesellschaft bestimmen. Insofern ist es kein Wunder, dass Untraceable nicht der einzige Film ist, der sich mit den grundlegenden Veränderungen befasst, die unser Verständnis von Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit derzeit erfährt. Was früher als privat galt, wird mittlerweile bewusst - aber immer häufiger auch unbewusst – veröffentlicht. Wir stellen (meist freiwillig) Teile unseres Lebens online, indem wir in Blogs, Foren oder Wikis posten oder Bilder hochladen und öffentlich zeigen. Wir werden (meist unbewusst) dabei beobachtet, wenn wir mailen und online suchen oder einkaufen und einfach nur surfen. Für diese vergleichsweise junge Form der Kommunikation scheint es noch keine verlässlichen Regeln zu geben, auf die man sich berufen und an denen man sich orientieren kann. Die Debatte über die so genannte Vorratsdatenspeicherung und die Fragen nach Online-Durchsuchungen zeigen das sehr anschaulich. Wieviel Überwachung soll erlaubt sein? Wieviel Freiheit braucht das vermeintlich regellose Netz? Doch nicht nur von staatlicher Seite droht unser Leben überwacht zu werden. Dass auch private Internet-Firmen jede Menge Wissen über uns sammeln, wurde einer breiteren Öffentlichkeit bewusst, als Google im Sommer mit dem Projekt Streetview begann. Dafür lässt der Konzern – der sich den Slogan „Don’t be evil“ gegeben hat - Autos durch amerikanische Straßen fahren, die Aufnahmen machen und jedem surfenden Kartenleser zeigen, wie es dort gerade aussieht. Mittlerweile sind die Google-Fahrzeuge auch in England und Australien gesehen worden. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die fahrende Kameras auch in deutschen Straßen filmen und dann auch hierzulande die Frage gestellt wird: Darf Google das? Und selbst wenn das rechtlich geklärt ist: Will man, dass Google das alles weiß?

Dass diese Vermischung von Privatem und Öffentlichem nicht allein eine Frage des Internets ist, zeigt ein zweiter Film, der dieser Tage startet: Look ist komplett aus der Perspektive von Überwachungskameras gefilmt und handelt – laut Website – von den Dingen, die Menschen tun, wenn sie sich unbeobachtet wähnen. Dieses Gefühl beschreibt Privatheit, eine Situation, die man für sich selber hat, in der man Geheimnisse mit sich selber teilen kann. Der Film von Adam Rifkin zerstört diese Privatheit und unternimmt „eine voyeuristische Reise in die persönlichsten Bereiche durchschnittlicher Menschen.“ Look und Untraceable zeigen, dass die Fragen von Öffentlichkeit und Überwachung, die oftmals nur in Form von bösartigen Zukunfsszenarien diskutiert werden, sich längst stellen: Jetzt und heute. Ein durchschnittlicher Amerikaner wird bereits 200 Mal am Tag gefilmt – ohne, dass er davon weiß bzw. man ihn um Erlaubnis gefragt hätte. Was bedeutet diese Zahl? In Deutschland gibt es weniger Überwachungskameras als in England oder in den USA, doch ihre Zahl steigt. Die Menschen müssen sich auch hier die Frage stellen: Wieviel Überwachung wollen wir? Sie müssen sich fragen, ob es nicht existenziell wichtig ist, etwas zu verbergen zu haben. Geheimnisse, die man nicht veröffentlicht sehen will. Wie kann man diese Privatheit sichern in einem Umfeld, dessen stärkster Drang die Veröffentlichung zu sein scheint? Spätestens wenn Kinofilme diese Fragen aufwerfen, sollte man dazu eine Position haben. Bevor es zu spät ist. Auf der nächsten Seite stellt durs-wacker vier Orte im Netz vor, an denen jeder zum ganz realen Überwacher werden kann. Mehr zum Thema im Schwerpunkt Überwachung


Die Straßen von London

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Illustration: Julia Schubert

Wohl kaum eine Stadt der Welt ist so überwacht wie London: Rund 500 000 Überwachungskameras soll es hier geben, von der Polizei oder auch dem öffentlichen Nahverkehr betrieben. Durch die Fülle der Überwachungskameras ist es beispielsweise möglich, allein durch die vom BBC ins Netz eingespeisten Kameraaufnahmen über den Verkehr im Zentrum Londons einen recht akkuraten Eindruck davon zu bekommen, was gerade auf den Straßen von London los ist – zum Beispiel an der Ecke Oxford Street/ Regent Street, am Piccadilly Circus oder dem Trafalgar Square. Der live feed der Kameras ist dabei allerdings so angelegt, dass keine laufenden Bilder ins Internet vermittelt werden, sondern nur Standbilder, die man durch Neuladen der Internet-Seite aktualisieren muss.


Auf hoher See Eine besondere Art von Überwachung, die sich bereits bestehende Daten und Informationen zunutze macht und einfach neu aufbereitet ins Internet einspeist, ist die Homepage einiger Schifffahrt-Fans aus Liverpool: Sie benutzen AIS – dieses „Universal Automatic Identification System“ dient der Verkehrskontrolle auf hoher See und ist Pflicht für alle Schiffe über 300 Tonnen. Über AIS übermitteln sie automatisch ihren Namen, ihre Position, ihren Kurs und ihre Geschwindigkeit. Jedes Schiff sendet diese Informationen und kann sie von anderen Schiffen in näherer Umgebung empfangen – was man nun mit einem AIS-Empfänger an Land anstellen kann, zeigen die Seefahrt-Fans aus Liverpool: eine aktuelle Karte mit sämtlichen Schiffbewegungen im Meer vor Liverpool - und zwar bis hinüber nach Irland.
Sind so schöne Landschaften

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Illustration: Julia Schubert

Seit Jahren schon setzt ein Klientel besonders auf Überwachungskameras – die Tourismus-Industrie. Das österreichische Fernsehen ORF bestreitet mit Bildern aus an Bergstationen Überwachungskameras eine eigene Sendung, das „Wetter-Panorama“, inzwischen hat fast jedes Tourismusziel derartige Live-Feeds ins Internet, seien es die französischen Alpen, die Bucht von San Francisco, Pattaya in Thailand oder das Empire State Building. Im Extremfall wird dann ein ganzes Land vermessen oder die Mutter aller Langweile gefilmt, zur Not auch unter Wasser - oder dem kleinen Voyeur ein Werkzeug in die Hand gegeben, mit dem er ziemlich genau überprüfen kann, wer in welchem Auto die Seafront von Torquay in Südengland entlang fährt.


Alles gut gemeint Wer will, kann als Privatperson seinen Gartenteich plus Eingangstüre live ins Internet übertragen, wer noch bescheuerter ist, kann sich auch in eine Schneekugel setzen und dabei filmen lassen, wie man im Pyjama Mails liest. Man kann diese gut gemeinten Überwachungskameras aber auch bedenklich finden, wenn sie zum Beispiel in Bottrop tagein, tagaus den Pferdemarkt filmen oder den Busbahnhof in Werne, wenn sie die Hauptverkehrsadern von Atlanta verfolgen oder die von ganz Minnesota, wenn man den Hamburger Rathausmarkt und die Menschen darauf in diversen Zoom-Stufen betrachten kann. Muss man natürlich nicht. Ist ja alles gut gemeint.

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