Das Klumsche Paradoxon

In seiner vierten Staffel fährt Germany's Next Topmodel wieder Rekordquoten ein. Warum eigentlich? Vier Anfälle von akuter Sofa-Philosophie rund um die Laufstege, Modeljobs und "Mädls" von Pro Sieben.
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Erstens: Germany's Next Topmodel ist das beste Castingformat

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Illustration: Julia Schubert

Die Zusammensetzung der S-Bahn-Passagiere ist kein schlechtes Ablesegerät, für das, was die Mehrheit so macht. Wenn man jeden Tag fährt, erkennt man bald Abweichungen in der grundsätzlich homogenen Masse der Mitfahrer. An Freitagabenden reiht sich zum Beispiel schon ab halb acht Uhr eine unübersehbare Anzahl an Feierbereiten ein, deren erwartungsvolle Lautstärke die normalmüde Heimfahrergruppe aufmischt. Donnerstags gibt es ähnliche Häufchen Auffälliger. Sie sind oft im Schüleralter, gut angezogen im Sinne von flott und tragen einen Beutel mit sich, in dem etwas ist, das man schon fast für ausgestorben hielt: Knabberzeug. Das sind die Topmodel-Grüppchen. Denn in der vierten Staffel hat sich die Show längst zu einem Gruppenerlebnis gemausert – was unbedingt eine Art Ritterschlag für Unterhaltungsformate ist. Sonst verabredet man sich zum Fernsehen ja nur, wenn irgendwer im Halbfinale steht oder es sich um Dinner For One handelt und man danach gemeinsam den Nachbarbalkon beböllert. Dass man sich nun auch zum Topmodeln verabredet, ob real vor einem Fernseher, in den Foren der Communities oder wenigstens am Tag danach gewissenhafte Nachbereitung an Bushaltestellen oder Kantinentischen betreibt, bedeutet erstmal, dass das Format die Neugier breiter Zuschauermassen weiterhin auf Zug hält. Damit schafft es mühelos etwas, um das ein Konkurrent wie DSDS in seinen Sequels längst mehr kämpfen muss. Zum anderen funktioniert das Gruppenerlebnis Heidi Klum auch deshalb, weil es die Ironiegrenzen aushebelt. Mit einem DSDS mit Bohlen, mit der latenten RTL-Lust aufs Prollige und mit der trashigen Überinszenierung der Singerei konnte man sich als mündiger Zuschauer von Anfang an schlecht arrangieren – einvernehmliche Grüppchenbildung vor dem Fernseher war also schwierig. Dazu kommt, dass die Singshow verlangt, dass man sich selbst und relativ früh für einen Kandidaten und damit gegen die anderen positioniert – auch nicht die beste Grundlage für einen gemütlichen Abend. Das Klum-Format setzt dagegen vielmehr auf eine Einheit aller gezeigten Protagonisten, für oder gegen die sich die Einheit der Zuschauer einigermaßen problemlos formieren kann. Nicht nur, dass es auf verknüpfende Elemente wie Zuschauer-Voting, Saalpublikum und erdende Homestories der Kandidaten verzichtet; es bricht auch nicht voreilig seine eigene Würde mit witzelnden Moderatoren oder eingespielten Panne-Geräuschen. Germany's next Topmodel bleibt immer auf der gleichen Ebene und wirkt dabei fast so, als würde es auch ohne Zuschauer stattfinden – ähnlich wie ein Fußballspiel. Mit dieser Illusion wird das Gucken viel einfacher: Es erfordert keine direkte Stellungnahme des Zuschauers, stattdessen nimmt er als Gastseher an einem festen Ablauf teil und pickt sich ganz nach Gusto dabei seine Amüsements heraus. Seinen Freunden vor dem Fernseher bleibt er auch während der Show immer näher als allen Gezeigten, das Fan-Sein überwiegt nie und eine gewisse Distanz will die Topmodel-Show gar nicht überschreiten.


Zweitens: Hier ist der Kunde noch König Das Modeln an sich ist ein seltsam undefinierter Zeitvertreib. Es ist nur klar, dass es dabei irgendwie um gutes Aussehen geht. Da sich eine vielwöchige Show aber nicht immer nur um Kinnpartien und Frisuren drehen kann, suggerieren Heidi Klum und ihre wechselnden Experten von Beginn an, dass Modeln ein Art Fachwissen mindestens ebenso voraussetzt, wie ein perfektes Gesicht. Ziemlich lange halten sie sogar den Ulk aufrecht, dass jemand ohne perfektes Gesicht es trotzdem in die Topliga schaffen könnte, wenn er nur brav alle Regeln befolgte. Der einstige Traumberuf jedenfalls, in dem Auserwählten viel Geld nur für ihr schaumgeborenes Dasein gezahlt wird, mutierte in der Interpretation der Show zu einem Lehrberuf, in dem die Kandidatinnen gewissermaßen Azubis sind. Das handwerkliche Wissen, das ihnen von Visagisten, Benimm-Experten und vor allem von der Alma Mater Klum persönlich beigebracht wird, wird natürlich und nebenbei auch von den Zuschauern übernommen. Dies führt dazu, dass heute jeder am Fernseher Expertisen über den richtigen Laufstil abgeben kann oder weiß, dass man zu einem Casting sein Lookbook mitzubringen hat.

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Illustration: Julia Schubert

Keine Regel aber wird in diesem künstlichen Regelwerk des Modelns an Kandidaten und Zuschauer derart oft und prägnant weitergegeben, wie die Regel vom Kunden. Sie besagt schlicht, dass der Kunde, der das Model bucht, alles verlangen kann und alles bekommen muss. „Es kann sein, dass der Kunde…“ so fangen viele Begründungen und Standpauken an. Wer, wie unter Geschäftspartnern sonst üblich, als Model seinem Kunden auf Augenhöhe gegenübertreten möchte, hat das Prinzip nicht verstanden. Wer sich gar weigert, seine Haare radikal zu ändern, in Unterwäsche an Seilen durch die Luft geschwenkt oder mit Schlamm beworfen zu werden, stellt das ganze System in Frage und muss sich empörte Kritik gefallen lassen. Das Sendekonzept, das jede Woche ein derartiges Opfer vorsieht, ist letztlich nichts anderes, als eine Form der nett organisierten Erniedrigung und die „Model-Lehre“ nicht weit von der Brechung, die Soldaten durchlaufen um das System des Befehls zu verinnerlichen. Alles für den Job – diese steinzeitliche These bekommt das Model von Morgen ins Seelchen gestanzt. Seltsam unzeitgemäß wirkt die gepredigte Kundenhörigkeit aber nicht nur theoretisch, sondern vor allem, wenn die Kandidatinnen bei ihren ersten richtigen „Jobs“ auf eben jene ominösen „Kunden“ treffen. Die kommen nicht nur überwiegend von vernachlässigbaren Firmen, sondern haben in ihrem Auftreten selten etwas vom brachialen Kundendiktator, der allen Kindern eingeredet wurde. Meistens sind es zwei Abgesandte eines mittelständischen, schwäbischen Unternehmens, die sich krampfhaft um Weltläufigkeit bemühen – und weit davon entfernt sind, sich despotisch zu gebärden. Wozu also das voreiliges Einschwören der Mädchen auf ein baldiges Dasein als willenloses Schmachtvieh? Ganz einfach: Es ist gar nicht der Kunde, der immer grenzenlose Ehrfurcht erwartet, sondern Heidi Klum.


Drittens: Die „Mädls“ sind die anderen Alphamädchen Von Staffel zu Staffel wurde es auffälliger, mittlerweile fällt es aber niemandem mehr auf, sondern alle sagen es ständig: Mädls. Diese Wort hallt aus jeder Minuten der Show, Klum benutzt es als „unsere Mädls“, die Mädls selber benutzen es untereinander oft und gerne auch doppelt, etwa „So viele Mädls hier sind ja total hübsche Mädls“, die angeheuerten Starfotografen sprechen zwar ausschließlich newyorkerisch, pressen aber als einziges deutsches Wort etwas das wie „the Madls“ klingt über die Lippen, wenn sie sich erschöpft über die Qualität der Geknipsten äußern müssen. Mädls, das hat im Laufe dieser und auch anderer Castingshows einen ganz neuen Tonfall angenommen, es ist beinahe zu einem neuen Personalpronomen mutiert: Ich, du, ersiees, wir, ihr und Mädls. In den ersten Staffeln, das meint zumindest die Erinnerung, wurde im gleichen Tonfall immer eher noch von „Mädchen“ gesprochen, mit der aktuellen Dauer-Verkürzung auf Mädls hat der Begriff aber noch viel mehr von einer tollen Befindlichkeit. Ein Superwort, eigentlich. Mädls suggeriert gleichzeitig eine gesunde Frechheit und Jugend, eine weibliche Solidarität, eine schwesterliche Gleichheit, die alle Mädls als Solidargemeinschaft eint, etwas Lockiges und etwas Reines und dabei knallt doch in dem Wort auch eine Ahnung an das mit, was früher „Girlpower“ genannt wurde. Gleichzeitig steht es natürlich auch für die Ent-Individualisierung, die das ganze Format vorantreibt, nicht zuletzt, indem es die Mädchen dauernd verkleidet, umstylt und durch die Welt schickt. Aber: Alle Mädls wollen schließlich gerne Topmodel sein, von dieser Annahme wird die Show seit jeher befeuert. Alle Mädls wollen in die nächste Runde, die Mädls sind aufgeregt oder die Mädls sind müde, die Mädls lieben ihren Shoppingausflug. Nie hatte es ein Format leichter, seine Protagonisten so simpel als Einheit zu präsentieren und dabei immer gleich auch das ganze Geschlecht anzusprechen. Denn die Gruppe der Mädls setzt sich natürlich vor dem Fernseher fort und zieht sich ziemlich weit in die Altersschichten hinein – das Obermädl Klum ist schließlich 36.
Viertens: Heidi Klum wird zur selbsterfüllenden Prophezeiung Rätselhaft sind die Launen der Klum. Ihre Rollen sind lange nicht so einheitlich wie etwa die eines Dieter Bohlen. Sie gibt sich in manchen O-Tönen streng und professionell, dann wieder agiert sie schwesterlich, lustig oder betont volksnah, besonders nervtötend ist die von ihr geliebte Rolle als ausgeflipptes Huhn, dem nichts peinlich ist. Manchmal mimt sie die dreifache Mutter und Sittenwächterin, die Nacktfotos für B-Magazine verurteilt, dann wieder schüttelt sie über Prüdheit den Kopf und fordert die Mädls beim Kapitel „Bodypaint“ zu offensiver Freizügigkeit auf. Kurios wird es, wenn sie den Rhetorik- oder gar Klug-Modus wählt, sich in unsinnige Metaphern versteigt und die Mädchen für doof erklärt, wenn die ihr nicht folgen können. Über all diesen Facetten aber stehen die übermenschliche Lebensfreude und unendliche Vitalität, die der Klum aus jeder Pore spritzen. Dank dieser abrufbaren Rollen übertrumpft sie jede der Kandidatinnen, die zur Endabnahme bei ihr vortreten und sich niemals sicher sein können, wem sie dort begegnen. Die Überlegenheit der Figur Heidi Klum liegt also nicht nur in der Anordnung der Show, sondern eben auch in dieser geschickten Unwägbarkeit. Ist ein Mädchen besonders schüchtern macht die Klum den Hanswurst und grellt minutenlang in die Kamera, ist ein Mädchen selbstbewusst und frech, wird die Klum zur vermeintlich moralischen Respektperson, will eines keinen Sport machen, macht die Klum sofort zehn Liegestützen und hat ein Mädchen deutlich mehr Grips flüchtet sich Heidi Klum in das Topmodel Heidi Klum und damit in den Panzer der Prominenz. So sieht es aus, wenn Heidi Klum ganz bei sich selber ankommt:

Die allgemein akzeptierte Ungerechtigkeit des Chamäleons Klum aber ist es, bei allen anderen ihre eigene Vielseitigkeit einzufordern. Sie setzt ständig voraus, dass die Mädchen sich mit ihr auf den Boden werfen und Luftgitarre spielen und ebenso bereitwillig auf einen Reigen widersprüchlicher Eigenschaften zurückgreifen, wie sie selber. Sollte eine Kandidatin dabei tatsächlich nach dem Grund fragen, zitiert die vielgereiste Klum ohne Federlesen aus ihrem reichen Erfahrungsschatz, der all das Klum-Spezifische angeblich nötig macht – schließlich ist sie ja erwiesenermaßen Topmodel. Dabei muss man kein intimer Kenner der Szene sein, um zu ahnen, dass die Zahl der Jobs, bei denen Mädchen sich in matschiges Essen stürzen oder aus dem Stand eine Brüllszene hinlegen sollen, eher gering sein dürfte. Die Einzige, die für so etwas ständig gebucht wird ist Heidi Klum – aber erst, seit sie ihr Talent dazu in der Show fortlaufend demonstriert. Die Show ist damit eigentlich weniger Sprungbrett für den Nachwuchs, sondern vielmehr eine Bühne von Heidi Klum, auf der sie den schmerzlosen Übergang vom alternden Model hin zu einem alterslosen Faktotum vollzieht. Sie wird für den Werbespot als ausflippende Luftgitarre gebucht, weil sie zuvor schon allen versichert hat, dass so was jederzeit vorkommen kann und dass sie, Heidi Klum, auch perfekt darauf vorbereitet ist.

Text: max-scharnigg - Illustrationen: dominik-pain

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