Der Abgang von Münte bedeutet vor allem eins: dass wir jetzt dran sind!

Müntefering ist weg, für uns ist das ein Zeichen. Warum? Darum:
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In Berlin wird die Politik für Deutschland gemacht und die Leute, die diese Politik machen, lassen sich in zwei Gruppen teilen. Es gibt die Jungs aus der Schröderzeit, die Gerhard Schröder, Joschka Fischer und Franz Müntefering heißen. Die haben sieben Jahre einen einigermaßen kecken Regierungsstil an den Tag gelegt: Die Amis wurden beleidigt (wegen Irakkrieg), der Bevölkerung vermittelte ein Gesetz, dass das soziale Netz gerade nicht mehr so trägt (Agenda 2010) und in die Geschichtsbücher trugen sich vor allem die Machos Fischer und Schröder ein, denen mancher schon allein ob ihrer Heirats-Scheidungs-Quote erhebliches Charisma bescheinigte. Münte, mal Generalsekretär, mal Bundesvorstand, er war der Typ Sachwalter in der Schröderphase und in mancher Tagesschau schien er das einzig seriöse Gesicht der rot-grünen Koalition zu sein. Reihenweise erschienen Porträts über diesen wichtigen Mann an des Kanzlers Seite, der vielleicht auch schuld an den Neuwahlen im Jahr 2005 hatte. Und immer war man nach dem Lesen der Portraits nicht gescheiter und merkte: Der Müntefering, der ist einfach seriös und zutiefst seriöse Leute kann man in Porträts nur als das beschreiben, was sie sind. Seriös. Schröder und Fischer sind schon weg und jetzt geht auch Münte und damit geht der letzte sehr gut sichtbare Sachwalter der Schröder´schen Kanzlerjahre. Neulich hat sich Münte nochmal krumm gemacht, er wollte sich die Sache mit dem Arbeitslosengeld nicht verwässern lassen. Aber Kurt Beck setzte sich durch und Münte war irgendwie der Kasper und Gerhard Schröder konnte oder wollte ihm auch nicht mehr helfen. Münteferings Frau ist zudem sehr krank, heißt es. Münte geht jetzt.

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Illustration: Julia Schubert

Was heißt das für uns? In den vergangenen zwei Jahre gab es eine seltsame Balance in Berlin, ein System, in dem sich zwei Gruppen aneinander rieben, und diese Reibung zeitigte recht vernünftige Politik. Die Gruppen waren: Die Schröders und die Merkels. Leithammel der Schröder-Klasse waren Münte und Steinmeier. Steinmeier war mal Chef vom Kanzleramt unter Schröder, er ist heute Außenminister und hat mit Mühe die Murat-Kurnaz-Geschichte überlebt. Seitdem ist er noch stiller und außenministriger als zuvor. Er lernte, dass man sich bisweilen von Schröders Vermächtnis distanzieren muss, um in der neuen politischen Situation nicht zu schnell zum Depp zu werden. Er wandelte sich also und kann heute ganz okay mit Kanzlerin Merkel. Muss er auch, er ist jetzt ihr Stellvertreter. Zu den Merkels gehören Angela Merkel von der CDU, Erwin Huber von der CSU und Kurt Beck von der SPD. Allesamt Leute, die in Berlin etwas zu sagen haben, die zur Regierung gehören, die aber so etwas wie den deutschen Regionalismus bebildern. Merkel, Beck und Huber sind einstellungstechnisch Regionalpolitiker. Und zwar in dem Sinne, als sie Politik bloß als vorsichtigen Sichtflug verstehen. Merkel hält vor allem und vorzüglich den Mund und sich selber an die Kohl´sche Maxime: Entscheidend ist, was hinten raus kommt. Vernünftig soll das Politikmachen sein, kalkulierbar, überschaubar. Visionen machen wir später. Beck ist Mutter und Vater in einer Person, ein Gemütlicher, ein Pfälzer, ein Weintrinker, einer, der am Parteitag eine der müdesten Reden der Welt hielt, die bei der Verleihung der Abizeugnisse so gut funktioniert hätte wie am 40. Geburtstag von Jan Ullrich (gesetzt den Fall, Gipskamerad Rudolf Scharping dürfte sie halten). Beck muss den Gegenstand seiner Politik umarmen können, damit er Wirkung entfalten kann. Er hat jetzt die SPD umarmt, der es aber in dieser Umarmung sehr heiß wird. Und dann haben wir noch Erwin Huber, der eigentlich nur oberster Chef der CSU ist, weil das die höchste Stufe in der Partei ist. Er ist in der Hierarchie nach Oben geklettert, aber dass sein Anspruch an Politik mitgekommen ist, kann man noch nicht behaupten. Regionalismus bedeutet also: Es mangelt an Visionären und es mangelt nun, nach dem Abgang der Schröder-Bande auch an leidlich inspirierten Charaktere. Nun werden wir allein von Regionalpolitikern betreut und darin steckt eine Gefahr und eine Chance. Die Gefahr: Politik in Berlin wird wegen Großer Koalition und aufgrund fehlender Reibungspunkte müder, träger, sichtflugiger. Die Chance: Die in Berlin halten gerade nur die Plätze warm. Für uns, die 15 bis 35-Jährigen. Soll heißen: Wir brauchen keinen neuen Aufbruch in die Politik, wir brauchen nur endlich ein paar vernünftige Leute aus unseren Reihen, die anfangen, die einsteigen und bereit sind, in den kommenden Jahren die Welle der Politik nach oben zu surfen.

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