Der Baum als Zeichen der Reife

Eigentlich sollten wir darüber hinweg sein. Oder?
florian-zinnecker

Es ist an diesem Nachmittag eindeutig: 60 Prozent aller Christbaumkäufer sind weiblich. Jede dritte Käuferin und jeder zweite Käufer halten miteinander Händchen, die anderen sind Singles. Über die Feiertage fahren 80 Prozent nach Hause, 90 Prozent sind kinderlos, 100 Prozent sind noch keine 33 Jahre alt. Und alle, wie gesagt, kaufen einen Christbaum – in diesem Fall konkret am Tag nach dem dritten Advent zwischen 14 und 15 Uhr, alle zehn, so viele sind es, beim Händler in Hamburg-Eimsbüttel. Wo Christbäume Weihnachtsbäume heißen. Doch viel mehr als diese Namensnuance verrät über die Käufer die Tatsache, dass sie es tun. Egal, wie man’s dreht, egal, ob Tanne oder Fichte, klein oder groß, lieber gerade oder besser günstig: Wer einen Christbaum kauft, aufstellt und schmückt, der ist erwachsen. Hundertprozentig.

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Illustration: Julia Schubert

Auch in Eimsbüttel. Egal, dass niemand an diesem Christbaumstand – den Händler ausgenommen – älter ist als 33, Kinder hat und an Weihnachten nicht nach Hause zu seinen Eltern fährt. Womit alle zehn eigentlich aus der klassischen Christbaumkäuferzielgruppe herausfallen – weil Leute wie sie gemeinhin andere Prioritäten und Probleme haben als ein dicht und gerade gewachsenes Bäumchen zu erstehen, nach Hause zu kriegen und lotrecht in einen kippsicheren Patentständer zu stellen. Ho-ho-ho-holen Sie sich schnell noch ihre Tanne, steht auf einem gelben Transparent, das hier über den Bäumen hängt, und weiter: …bevor es ein anderer tut. Am häufigsten kauft man Fichte. Dass das jetzt nacheinander zehn Kunden unter 33 tun, das sei in diesem Jahr schon fast normal, sagt der Händler. Und ergänzt grinsend, Weihnachten sei eben im Kommen. Dann rechnet er eine Fichte ab. Natürlich kriegt der Baum echte Kerzen, sagt Martha. Natürlich kriegt er eine Lichterkette, sagen die anderen, außerdem blaue Schleifen, sagt Franzi, silberne Zapfen von Oma, sagt Martha, rote Kugeln, sagt Daniela, nichts weiter, sagt Mara, mal sehen, sagt Jana, Kugeln vom FC St. Pauli, sagt Oliver. Heute noch, nicht erst zu Weihnachten, denn dann geht’s ja nach Hause, sagen alle außer Daniela und Jan. Die wollen aber auch spätestens morgen schmücken. Und – warum überhaupt? „Ist doch schön, so ein Weihnachtsbaum“, sagt Daniela und Jens nickt, „Gehört für mich dazu“, sagt Franzi, „Hör’nse mal auf, meine Kunden zu vergraulen“, sagt der Händler. Alle anderen antworten mit einem simplen: Warum denn nicht?

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Illustration: Julia Schubert

Klar, warum nicht. Gehört dazu, ein Christbaum, keine Frage. Nur: Wozu? Nehmen wir mal den Moment, als dir Mama und Papa erklärten, dass sich um den Christbaum der Weihnachtsmann kümmert, beziehungsweise das Christkind, aber auch nur, wenn du brav warst. Klar, dass du’s also warst, mehr oder weniger. Später hast du die erzieherische Traditionslüge dann durchschaut – und dabei kapiert, dass Wahrheit und Wahrheit zwei paar Stiefel sind, Scheinwelten aber schöner sein können als die Wirklichkeit, vor allem, wenn dabei Geschenke und ein Christbaum eine Rolle spielen. Noch später hast du kapiert, dass du vorsichtig sein musst mit der Wahrheit, wenn Weihnachten ist und die Verwandtschaft da, weil sich sonst die Stimmung schneller verabschiedet als du es kannst. Und vielleicht hast du sogar noch später ohne Christbaum dagesessen und dir eingestanden, dass ein Heiligabend vor dem Fernseher doof ist, wenn du der einzige bist, mit Anti-Haltung statt Familie. Alles Momente, die – auch wenn’s weh tut – Dich richtig vorwärts bringen. Vorwärts in Richtung Erwachsensein. Und der Christbaum? Gehört doch dazu. Dass es dann nicht mehr lange dauert bis zu dem Punkt, da du selbst einen kaufst, aufstellst, schmückst und darüber außer Kugeln auch anderes an seine Zweige hängst – kein Wunder. Klar, hättest du nie gemacht vor ein paar Jahren, aber jetzt? Jetzt machst du’s. Klar, denn jetzt bist du erwachsen, und kein Baum der Welt kann dich mehr aus deiner Kinderwelt reißen. Kindsein und Christbäume vertragen sich nicht. Paradox. Aber so ist Weihnachten. Am Montagabend, übrigens, hat sich Franzi nochmal gemeldet, Franzi mit den blauen Schleifen am Baum: Sie glaube jetzt zu wissen, warum sie einen Weihnachtsbaum nur für sich brauche. Nämlich: Weil sie zurzeit ständig auf fremde Weihnachtsbäume stoße. Das seien ihr zu viele, sagt sie, zu viele Kopien von etwas, das eigentlich sehr intim ist, allein wegen der Erinnerungen und so. Da brauche sie ein Gegengewicht – Ihre Fichte mit blauen Schleifen. Einen Baum gegen die anderen. Einen Gegenbaum zur Harmonie. Paradox. Aber so ist Weihnachten.

Text: florian-zinnecker - Illustration: Katharina Bitzl

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