Der Herbst bringt meine Pickel zurück

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Auf Bildern sehe ich meine Haut als Kind: normale Haut, während der Sommerferien leicht braun, in den Wintermonaten blasser, aber glatt, fast zart. Damals war es einfach nur Haut für mich. Man schätzt selten, was man hat. Meine Freunde und ich kamen eher sanft in die Pubertät. Bei Gymnasiasten tritt sie etwas später ein als bei Hauptschülern, sagte man uns. Der erste Pickel war eine richtiggehende Attraktion im Klassenzimmer. Rot ragte er von der Nasenspitze eines Mitschülers auf, wie ein Leuchtturm. Wir hänselten ihn etwas, wie es sich für Grundschüler gehört, riefen ihn "Leuchtturmwärter". Die Hänseleien machte ich auch mit, bis mich der erste rote Hügel auf meiner Nase spüren ließ, was es heißt, ein Leuchtturmwärter zu sein: Auf der Nase ist der Pickel immer im Sichtfeld, dauerpräsent. Man vergisst ihn nicht. Als es damals mit Mitessern und kleineren Pickeln begann, habe ich immer gedacht, mit ein wenig Clearasil und weniger Schokolade sei das gut in den Griff zubekommen. Die üblichen Ammenmärchen, denn nichts dämmte das ständige Sprießen ernsthaft. Die Pickel wurden wulstiger und tiefer, sonderten mehr Talg ab und das Ausdrücken tat inzwischen richtig weh.

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Illustration: Julia Schubert

Je tiefer unsere Hormone uns in die Pubertät stießen, je wichtiger Mädchen wurden, desto mehr schwoll es rot auf meiner Nase und Stirn. Die Cremes und Pillen meines Hautarztes halfen ungenügend. Dass es meiner Haut gerade in dieser Zeit widerfahren musste, war für mich ein Fluch, für mein Selbstbewusstsein eine schlimme Kränkung. Wer ist mit 14 schon selbstbewusst? Oft vergaß ich die Pickel für einige Zeit, wenn ich in die ebenen Gesichter der anderen sah. Dann warf mich mein Spiegelbild in einem Schaufenster wieder in die Realität zurück. Glücklicherweise hatte ich in diesen Zeiten gute Freunde, wenig Probleme und vor allem bald auch eine Freundin - das linderte. Ich wechselte den Hautarzt, jedoch ohne große Hoffnung. Jugendbilder und Erzählungen meines Vaters hatten mir früh klar gemacht: alles Vererbung. Er trägt als Erinnerung an seine Jugend einbuchtende Narben im Gesicht. Wenn besonders tiefe Schwellungen zurückgingen, hinterließen sie auch bei mir kleine Narbenkrater in der Haut. Ich nahm regelmäßig Tabletten, die meine Haut sehr trocken werden ließen, bis beim Darüberfahren Hautschuppen an den Finger blieben. Als es Sommer wurde, passierte das Unterwartete: Die Tabletten schienen zu wirken und bald erinnerten nur noch winzige Narben an mein Leuchtturmwärterdasein. Geröllberge fielen von meinem Herzen und ich blickte nun mit aufrichtigem Mitleid und dem wohligen Gefühl des Geheilten auf die Pickel anderer. Ein Jahr lang. Der Herbst im Folgejahr brachte die Pickel zurück, nur viel schwellender und nun auch am Oberkörper. Sie schwollen dunkelrot bis bläulich. Manchmal rann mir in der Schule völlig unerwartet ein langer, dunkler Blutfaden über die Wange auf den Arbeitsbogen. Die Pickel schwollen und schwollen, voll mit geronnenem Blut. Narben blieben und dunkle Flecke auf der Brust als hätte man mir Zigaretten darauf ausgedrückt. Jede Berührung schmerzte. Ich spielte nicht mehr gerne Fußball, konnte häufig nur auf dem Rücken schlafen. Meine Mutter wurde immer geübter mit dem Blutentfernen aus Bettwäsche und Hemden. Zu meinem neuen Hautprofessor fuhr ich wöchentlich eine Stunde hin und zurück und lernte medizinische Großgeschütze kennen: Antibiotika und Cortison inklusive Nebenwirkungen. Sie sind seit Jahren meine Begleiter in Notzeiten, doch sie dienen nur der Schadensbegrenzung und unterdrücken schlimme Schübe. Nach dem Absetzen geht alles von vorne los. Sobald im Mai die Sonne kräftiger wird, ist es besser, in den dunklen Monaten schlimmer. Mal bin ich sie los, dann kehren sie zurück, immer in Wellen, immer wieder. Es blieb und bleibt mir nicht viel, außer zu warten bis meine Hormone Ruhe geben. Vielleicht dieses Jahr, vielleicht erst später. Ich habe mich daran gewöhnt. * Der Autor möchte anonym bleiben.

Text: jetzt-Redaktion - Montage: Christian Fuchsberger

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