Denn Ärzte-Fans, soviel steht fest, haben mehr vom Leben als Nicht-Ärzte-Fans. Der Grund: Ohne dass Rod (der dritte, unwichtige Arzt) dabei stört, wissen Bela B. und Farin Urlaub (die beiden wichtigen Ärzte), jene Stimmung zu verbreiten, die einst im Kern der Popmusik stand, dann aber von Weltschmerz, Tiefsinn und ähnlichen zweischneidigen Errungenschaften in den Hintergrund gedrängt wurde: subversiven Spaß.

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Betrachten wir unter diesem Gesichtspunkt "Jazz ist anders", die neue CD der Band. Der Spaß geht schon bei der Verpackung los, die Hülle sieht nämlich aus wie der Karton einer sehr kleinen Pizza. Öffnet man dieses Behältnis, findet man darin tatsächlich die erwartete Pizza. Nein, doch nicht; es handelt sich um eine CD, die mit dem Foto einer servierfertigen Pizza bedruckt wurde. Darunter liegt eine kleine, mit Oregano bestreute Tomatenscheibe ­ die Bonus-EP. Das ganze Ensemble sieht wirklich zauberhaft aus, man dreht und wendet es verzückt in den Händen, bis einem irgendwann auffällt: Moment, da war doch noch was --- richtig, könnte man ja auch mal einlegen, die Scheibe. Also gut. Hier ist eine Erklärung vonnöten, schließlich schreiben die Mechanismen des Pop vor, dass der Fan die neueste CD seiner Idole stets mit ehrfürchtiger Spannung erwartet und sie dann gierig ­ quasi ­ einatmet, sobald er ihrer habhaft werden kann. Bei den Ärzten ist das anders. Im Lauf einer Karriere, die in den frühen Achtzigern begann, haben sie sich aus dem üblichen CD-Tour-CD-Tour-Rhythmus des Musikgeschäfts verabschiedet und ihren Fans somit die entsprechenden Verhaltensmuster abtrainiert. Die offiziellen Alben sind nur ein Teil der Ärzte-Welt, wichtiger sind die Konzerte der Band, die Sprüche von Bela und Farin, die unzähligen Live-Mitschnitte, die schrägen Witze, die alles durchziehen so wie die Knoblauchsoße den Döner. Hinzu kommt eine Tatsache, die viele Fans kaum auszusprechen wagen, die aber trotzdem nicht wegzudiskutieren ist: Einige alte Ärzte-Songs sind schlichtweg nicht zu toppen. Da mögen Bela und Farin ihre vierzig Jahre alten Teenager-Hirne noch so strapazieren, der süße Vogel Jugend ist fortgeflogen und ein zweites "Zu Spät" oder "Sonne, Palmen, Sonnenschein" gelingt ihnen nimmer mehr; nicht einmal, so scheint es, ein zweites "Männer sind Schweine". Aber, na klar, irgendwann hat man genug gegrübelt und schiebt diese kleine Pizza dann doch in den Ofen. Ergebnis: schmeckt wie erwartet. Die Single "Junge" ist der mit Abstand beste Song der Platte, die meisten Titel folgen demselben musikalischen Schema, das im übrigen bereits von vielen Ärzte-Songs der letzten Jahre bekannt ist: verhaltener Beginn, plötzlich wird losgebrettert, dann kommen ein paar Breaks und rhythmische Stopper, vielleicht noch mal ein leiser Teil ­ und zum Ende hin wird weitergebrettert. Alles recht schnell und dynamisch und mit duftem Chorgesang veredelt, die Rhythmen sind dabei wichtiger als instrumentale Einzelleistungen, obwohl Belas Schlagzeug regelrecht pappig klingt und weit hinten im Mix versteckt wurde. Es ist ein Album mit wenigen Überraschungsmomenten, einer davon ist der Song "Tu's nicht", in dem damit gedroht wird, dass Leute, die illegal Musik herunterladen, bald im Hochsicherheitstrakt eingekerkert werden (also "tu's nicht"). Das hysterische Crescendo, zu dem sich der Song steigert, wird durch die ausgesprochen liberale Haltung der Band zu dieser Problematik konterkariert. Doch wie immer haben die Ärzte noch einen Trumpf im Ärmel -­ hier ist es die Bonus-CD in Tomaten-Optik. Schon die Titel der dort enthaltenen Songs klingen großartig: "Wir sind die Besten" (Komponist: Farin), "Wir waren die Besten" (Komponist: Bela) und "Wir sind die Lustigsten" (Komponist: Rod). Hinter diesen Titeln verbergen sich drei selbstironische Glanzstücke der Ärzte, die auch musikalisch einfallsreicher sind als der Rest der Platte. In "Wir waren die besten" wählt Bela zum Beispiel die Perspektive des längst vergessenen Ex-Stars, der im Altersheim sitzt und zu einem melancholischen Reggae-Rhythmus davon erzählt, wie das damals war, als Pop-Idol. Aber: "Das ist eine Ewigkeit her / Heute interessiert sich niemand mehr / Für den früheren Schlagzeu­gehr". Rod setzt sich hingegen ans Klavier und trägt eine Power-Ballade vor, in der es treffend heißt "Wir helfen dir ausm Stimmungstief / Wir sind das Gag-Imperium". Eine Einsicht, der bestimmt kein Ärzte-Fan widersprechen wird. In der Tat thematisiert "Wir sind die Lustigsten" punktgenau den zentralen Fluchtpunkt des Ärzte-Kosmos: den Humor. Als sich Bela B. und Farin Urlaub 1980 in Berlin-Spandau bei einem Punk-Disco-Abend begegneten und Farin die Worte "Na, was machst'n du so" sprach, entstand nicht nur eine musikalische Paarbeziehung, sondern auch eine der großen humoristischen Partnerschaften unserer Zeit, auf einer Stufe mit Dick & Doof, Didi & Stulle, Loriot & Evelyn Hamann. "Does Humor Belong In Music?", fragte Frank Zappa einst. Ja, er gehört da rein, sagen die Ärzte, wenn man ihn da reinzubringen versteht, was halt die wenigsten können. In "Wir sind die Lustigsten" führen sie weiter aus: "Dein Frohsinn im Allgemeinen / Läßt uns keine Ruh / Jetzt schnall dich besser an / Wir scheißen dich mit Zoten zu". Wir öffnen unsere Arme und warten ergeben.

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Die Ärzte: "Jazz ist anders" (Hot Action Records/Universal) erscheint am 2. November.