Die beste Brille der Welt

Schon klar: Hornbrillen machen niemanden schöner. Unsere Autorin erklärt, warum die Hornbrille trotzdem die beste Brillenfassung der Welt ist.
anna-kistner

Es gibt da diesen Werbeclip aus dem Jahr 2000: Eine Osterglocke kämpft sich durch das Erdreich nach oben, öffnet ihre gelben Blütenblätter, erblickt auf der Parkbank neben sich ein Mädchen mit einer überdimensional großen Hornbrille. Und muss kotzen. Das Lustige ist: der Slogan „Hässliche Brille? Die Frühjahrskollektion ist da!“ offenbart ihre wahre Ironie erst heute. Schließlich sieht die Frühjahrskollektion im Jahre 2010 ziemlich exakt so aus wie das hässliche Brillengestell aus dem Clip. Und das damals so unmodischen Mauer-blümchen auf der Parkbank würde heute problemlos die Cover sämtlicher Style-Magazine zieren können. Alle tragen sie große Hornbrillen: Ghetto-Rapper, Hollywood-Stars, Jugendwelle-Moderatoren, Friseusen, Barkeeper, H&M-Kunden. Es sind so viele, dass es langsam wieder weniger werden. Das ist gut so. Denn die Nerdbrille als Anbetungsobjekt der Hipster verdeckt in ihrer hemmungslosen Geltungssucht den wahren Star der Bewegung: die schlichte Hornbrille. Die beste Brille der Welt.

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Illustration: Julia Schubert

Ich habe mich zugegebenermaßen ziemlich geärgert, als der Brillen-Experte im öffentlich-rechtlichen Fernsehen der Hauptstadt exakt mein „August“ genanntes Horngestell als „Brille des Jahres“ in die Kamera hielt. Ich will kein Trendsetter sein, der die These von der Hornbrille als weltbeste aller möglichen Brillenfassungen mit der Tatsache begründet, dass er sie selber trägt. Die Hornbrille ist das logische Resultat der Erkenntnis, dass Brillen einfach nie gut aussehen. Wer kurzsichtig ist, bekommt mit einer Brille Maulwurfsaugen oder kleine schwarze Löcher ins Gesicht gestanzt. Wer weitsichtig ist, hat plötzlich schweinwerfergroße Glubscher hinter dem vergrößernden Brillenglas. Wer an dieser Tatsache nicht verzweifeln möchte, kann entweder Kontaktlinsen tragen. Oder die Flucht nach vorne antreten. Und eine Hornbrille tragen. Nach zwanzig Jahren Brillenträgertum, nach der rosa-lila Kinderbrille in Tropfenform, dem Metallgestell mit Sportbügeln, der unauffällig runden Esprit-Fassung und der viereckigen Plastik-Brille in Dunkelrot weiß ich, dass es keine Brille gibt, die mir steht. Und Achtung, es liegt nicht an mir. Brillen - egal welcher Form, Farbe oder Preisklasse - sind nie schön. Jeder Mensch sieht ohne Brille besser aus. Wer zu randlosen Modellen, Titan-Fassungen oder Brillen mit Metallbügeln greift, löst dieses Problem nicht, sondern kapituliert davor. Wahre Kämpfer tragen Horn. Helmut Kohl in seiner Zeit als junger Wilder aus der Pfalz, Buddy Holly als Krawallmacher mit Gitarre, Christian Bale als „American Psycho“, Woody Allen als Prototyp des modischen Außenseitertums. Sogar John Lennon trug Hornbrille bevor er sich in den 70ern für das ovale Modell „Weltfrieden“ entschied. Das Schöne an der Hornbrille ist nicht ihr Aussehen, sondern ihre Botschaft. Hornbrillen sind ehrliche Produkte. Sie versuchen gar nicht erst, den Sehfehler, den sie korrigieren sollen, zu verheimlichen. Hornbrillen stehen aufrichtig und gerade im Gesicht ihres Besitzers und sagen laut und deutlich: „Ich sehe schlecht. Und ja, es ist zum Kotzen.“ Hornbrillen bejahen den Makel, sie erheben die Fehlerhaftigkeit zum Prinzip. Und selbst wenn sie tonnenschwer auf dem Nasenbein lasten, sind sie vor allem eines: wahnsinnig befreiend. Wer Hornbrille trägt, tut sich vor allem selbst einen Gefallen. Möge der Betrachter davon halten, was er will. Natürlich gibt es auch unehrliche Hornbrillen. Wahnsinnig nervig sind sie zum Beispiel in Highschool-Filmen oder Sat1-Telenovelas als Kennzeichen des hässlichen Entleins. Als eine Art Gesichtskäfig, hinter dessen Gitter die spätere Promnight-Königin die Hälfte des Films traurig zu Boden guckt. Die Regisseure solcher Erzeugnisse vergessen gerne, dass heutzutage niemand rein zufällig eine Hornbrille trägt. Gut möglich, dass das vor fünfzig Jahren so gewesen ist. In den Gesichtern auf den Fotos unserer jungen Eltern wirken die schwarzen Hornfassungen oft deshalb so deplaziert, weil die Träger den Eindruck vermitteln, keine Wahl gehabt zu haben. In Deutschland gab es bis Anfang der 1980er Jahre tatsächlich nur sechs Kunststoff-Fassungen für Erwachsene und zwei für Kinder, deren Kosten von der gesetzlichen Krankenversicherung übernommen wurden. Aus Mangel an Alternativen muss heute aber niemand mehr Horn tragen. Im Gegenteil: Hornbrillen sind die anpassungsfähigste Brillenform der Welt. Es gibt große, kleine, bunte und schwarze, runde, eckige und neuerdings auch welche mit Doppelsteg. Kaum eine andere Brillenfassung lässt so viele Charaktereigenschaften zu wie die Hornbrille. Je nach Modell, macht sie den Träger kreativ, sexy, intelligent, konservativ, jung, alt - oder sie lässt ihn eben total dämlich wirken. Aber wie im Falle der Nerdbrille steht auch dahinter eine Absicht. Auch wenn es nur das banalste aller Bad-Taste-Party Mottos ist: Alles kann, nichts muss. In spätestens einem Jahr wird die Nerdbrille als amoklaufender Abkömmling der Hornbrille aus den Gesichtern der Hipster verschwunden sein. Menschen, die den Werbeclip mit der kotzenden Blume betrachten, werden sich dann nicht mehr wundern, sondern laut lachen. Der Trend wird gehen. Die Hornbrille aber bleibt. Auch auf meiner Nase. Und sei es nur als Kampfansage gegen diese verdammt dominante Sehschwäche.

Text: anna-kistner - Illustration: katharina-bitzl

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