Die Coming-of-Age-Bremse

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Bei mir sind es zwei Sachen. Die eine mit der Plapperei. Und die andere mit den Schmatzgeräuschen.

Die mit der Plapperei: Ich habe als Kind extrem viel geredet. Ich habe jedem alles erzählt. Auch mal einem fremden Mann in einem Restaurant vom Familienurlaub in Italien, bis meine Eltern mich peinlich berührt an der Theke einsammelten. Bis heute wird in meiner Familie gerne darauf herumgeritten, wie viel ich immer gesprochen habe. Und obwohl ich heute eher ein Normalmaß spreche (meiner Familie erzähle ich vermutlich sogar unterdurchschnittlich viel), habe ich den Ruf des Plappermauls immer noch weg.

Die mit den Schmatzgeräuschen: Ich war etwa 14 Jahre alt, sehr pubertär und darum dünnhäutig, als ich eines Tages beim Mittagessen trotzig darauf bestand, dass das Radio laufen müsse, während wir essen – ich könne dieses ekelhafte Gekaue nicht ertragen. Und obwohl ich heute immer und überall und mit oder ohne Geräuschpegel problemlos essen kann (weil: Pubertät passé, Haut dick), passiert es immer wieder, dass einer meiner Elternteile bei einem gemeinsamen Essen sagt: "Sollen wir das Radio anmachen, wegen der Essensgeräusche...?"

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Illustration: Julia Schubert



Eine vielleicht nicht repräsentative, aber dennoch interessante Umfrage in der Redaktion hat ergeben: Das geht anderen auch so. Dass ihnen in ihrer Familie immer noch irgendeine Eigenschaft, eine Vorliebe, eine Abneigung oder ein Spleen zugeschrieben wird, die oder der seit Jahren überlebt ist. Die eine Kollegin gilt bei ihrem Opa immer noch als Zicke, die Mutter eines Kollege denkt immer noch, dass er am Wochenende bis mittags schläft und ist jedes Mal überrascht, dass seine Wohnung so aufgeräumt ist.

Wenn man daheim auszieht, setzen die Eltern die "Coming-of-Age-Bremse" ein

Sobald man von Zuhause auszieht, passiert nämlich etwas Seltsames, etwas Gegensätzliches auf Seiten der Eltern und der Kinder. Als ausgezogenes Kind fängt man auf einmal an, die Eltern mit Abstand und anderen Augen zu sehen, als Individuen, die nicht nur Eltern sind, sondern eine Frau oder ein Mann, mit einem Leben, bevor es einen selbst gab, und einem Leben, das beginnt, wenn man das Haus verlässt. Und während man staunend zuschaut, wie sich diese Beiden verändern und anders anfühlen, setzen die Eltern ein Mittel ein, das man die "Coming-of-Age-Bremse" nennen könnte. Bei ihrem Blick auf uns Kinder scheint nämlich die Zeit stehengeblieben zu sein, in Teilen jedenfalls. Natürlich sehen sie, dass man jetzt studiert, sich selbst versorgt und erwachsen geworden ist. Und trotzdem halten sie oft an einem Bild ihrer Kinder fest, das sich überholt hat. Oder zumindest an einem Detail dieses Bildes, dem sie kein Coming-of-Age erlauben. Bei anderen Verwandten ist es noch schlimmer, weil die einen noch viel seltener sehen, als die Eltern, und darum Dinge wie "Studium", "sich selbst versorgen", "erwachsen werden" quasi gar nicht wahrnehmen.

Und weil man anfängt, ein eigenes Leben zu führen, in das die Familie keinen unmittelbaren Einblick mehr hat, kriegen Eltern und andere Verwandte eine leise Verlustangst, die sie mit Erinnerungen bekämpfen wollen. Warum es so oft ausgerechnet die schlechten Eigenschaften sind (Zicke) oder die, die einem selbst unangenehm sind (zu viel reden), auf die sie einen immer wieder ansprechen, das liegt vielleicht daran, dass man dem Kind besonders nahekommt, wenn man es ein bisschen hänselt und pisackt. Wenn man an alte, eigentlich nicht nennenswerte Streitpunkte erinnert, über die man heute ja eigentlich schmunzeln muss. Sie tippen einen wunden Punkt an, um unter der "eigenes Leben"-Hülle an das alte Leben als unschuldiges oder in der Pubertät steckendes Kind heranzukommen, das irgendwo darunter noch da sein muss. Das ihnen vertraut ist. Ein bisschen ist es so, als werde man für die Familie zu einer Sitcom-Figur: Da hat auch jeder eine feste, meist irgendwie komische, anstrengende Eigenschaft, für die er berühmt ist, durch die er aber auch auf eine ganz eigene Art besonders liebenswert ist. Die Familie braucht dieses Vertraute, diesen Wiedererkennungswert, um das Kind, das sie großgezogen hat oder hat aufwachsen sehen, nicht zu verlieren.

Neulich habe ich mit meiner Mutter telefoniert, da kam eine dritte Sache zum Vorschein, die sie mir noch immer zuschreibt. Sie fragte nach meinen Plänen und ich erzählte, dass ich später für eine Freundin kochen würde. Halb belustigt, halb erstaunt sagte meine Mutter: "DU kochst??? Das kannst du doch gar nicht." Ich bin vor neun Jahren ausgezogen und bisher noch nicht verhungert. Meiner Mutter muss klar sein, dass ich (zumindest leidlich) kochen kann. Aber wahrhaben will sie es trotzdem nicht.

Text: valerie-dewitt - Foto: eurytos / photocase.de

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