Vielleicht meinte sie es anfangs ja tatsächlich gut: Sie schickten sehnige Typen los, die erklärten, wie man sich gesund ernährt und dicke Frauen, die zeigten, wie man aus wirklich jeder Wohnung eine langweilige Standard-Behausung „dekorieren“ kann. Sie schlichteten Nachbarschaftsstreit und zeigten dicken Kindern, dass man beim Radfahren schwitzt. Auf allen Kanälen verbreiteten sie ihre bunt verpackten Gemeinplätze als Expertenwissen. Wer vorher nicht wusste, dass man eine 6er Schraube in einen 6er Dübel dreht, hätte dies auch beim Azubi im Baumarkt erfragen können. Das Fernsehen macht daraus aber ein Erfolgsformat: Die Beratungs-Sendung. Gemeinsam ist ihnen allen – auf RTL wie Pro7, Sat1 oder Vox – sie basieren auf einem vermeintlichen Fachwissen, das laut von sich behauptet, objektiv und verpflichtend zu sein: „Das macht man so“, sickert es aus jeder dieser Sendungen in die Wohnzimmer des Landes. So normiert man den Geschmack und sorgt für Aufschwung: Die wirtschaftliche Belebung, die Deutschland aktuell erfasst hat, ist vermutlich einzig und allein Tine Wittler und ihrer Ansicht zu verdanken, in einer „dekorierten“ Wohnung müsse mindestens eine Wand in ocker oder violett gestrichen sein. Die Hersteller bunter Wandfarbe sollten jedenfalls nach all dem Dekorieren im TV einen wahren Boom erfahren haben: Gelbes Kinderzimmer? Das macht man so.

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Frauen mit guten Frisuren: Die Models Monica und Jana Ina, Foto Pro7 Das gilt fürs Einrichten wie fürs Essen und Erziehen. Jeder Sender begleitet mittlerweile unordentliche, dicke oder schlecht eingerichtete Familien auf dem Weg in die gesellschaftliche Langeweile. Wirtschaftlich ist das vielleicht tatsächlich gut und gesellschaftlich schien es ungefährlicher als all die Räuberpistolen, die vorher in so genannten Gerichtsshows verhandelt wurden. Doch das änderte sich als Pro7 vor ein paar Wochen Jana Ina Zarella und Monica Ivanca in die Rolle der „Das macht man so“-Experten hievte. Wofür taugten die als Expertinnen? Für Grinsen und Debilität? Genau das lehren die beiden Damen, die von sich selber behaupten Models zu sein, seit Anfang Juni in „Das Model und der Freak“. Doch die derzeit unerträglichste Sendung des deutschen Fernsehens ist nicht deshalb abzulehnen, weil zwei Kandidaten, die konsequent nur als „Freaks“ bezeichnet werden, von zwei „Models“ zu besseren Frisuren und Brillen erzogen werden. „Das Model und der Freak“ ist deshalb so fragwürdig, weil die Unterweisung in Langeweile eine Schulung des Selbstbewussteins sein soll – mit dem Ziel attraktiv fürs andere Geschlecht zu sein. Die dämlichen gelben Wände, die in fremden Kinderzimmern noch zu ertragen sind, werden hier zu einer Anweisung für erfolgreiches Balzverhalten. Sich eine dicke Brille auf die Nase und eine Schweinsteiger-Frisur auf den Kopf setzen zu lassen, halten die Models für den richtigen Weg, einen Mann beziehungsfähig zu machen. „Das macht man so“ klingt es aus jedem der absurden Spielchen, zu denen sie die vermeintlichen Freaks zwingen. Das ist nicht nur gelogen (das machen nur Idioten mit Schweinsteiger-Frisur so), es führt auch zu einer Normierung dessen, wie man gemeinhin über Verliebtsein und Beziehungen denkt. Bei Pro7, wo offenbar die Flasche mit den Superlativen umgefallen ist, wird die Sendung so verkauft: Die Kandidaten erwarte „das größte Abenteuer ihres Lebens – sie treffen auf Jana Ina Zarella und Monica Ivanca und das wird alles, was sie bisher kannten auf den Kopf stellen.“ Auch das ist natürlich glatt weg gelogen, denn selbst wer mal den Bus verpasst, erlebt größere Abenteuer als die Kandidaten mit den moderierenden Freaks. Es hat aber zumindest im zweiten Teil einen wahren Kern: Diese Sendung stellt tatsächlich alles auf den Kopf, was man bisher über Liebe wusste. Plötzlich sollen die oberflächlichen Schnösel attraktiver sein als jene, die sich für mehr interessieren als ihre Haare. Plötzlich sollen Menschen, die vor allem gut geradeaus laufen können, anderen beibringen, wie diese ihr Leben führen sollen. Und auf einmal soll das Verliebtsein funktionieren wie die langweilige Einrichtung eines Standard-Jugendzimmers? In einer Folge schleppten die Gutfrisierten die mit den Brillen zu Stefan Raab. Die Frauen hockten neben ihm auf der Couch und amüsierten sich lauthals darüber, dass einer der beiden Jungs noch nie geküsst habe. Raab bat die beiden, die im Publikum saßen, aufzustehen und kommentierte dies mit der Frage: „Sind die jetzt schon fertig?“ Empört wiesen die Lehrkräfte die Frage von sich. „Natürlich nicht.“ Diese Szene belegt das Problem: Niemand käme auf die Idee, Tine Wittlers Werk vor Vollendung für fertig zu halten. Erst wenn die Wand im Schlafzimmer ocker strahlt oder über dem Kinderbett ein debiler Clown grinst, ist die Wohnung fertig. Wann aber ist ein Mensch – selbst nach den Maßstäben eines Models – fertig? Wenn das Haar frisiert oder die Wimpern getuscht sind? Die Unerträglichkeit, mit der Jana Ina Zarella und Monica Ivanca Menschen vorführen, wird nur überboten von der Unverfrorenheit, mit der sie ihre eigene Beschränktheit zum gesellschaftlichen Standard erheben. Die Sendung Stern TV berichtete vergangenen Woche über den Job einer Frau, die nichts anders tue, als für Männer andere Frauen anzusprechen. „Sie haben heute Abend keine Lust zu Flirten? Wunderbar, wir machen das für Sie!“ wirbt die Website der so genannten Wing-Women, die wie Zuarbeiter beim American Football agieren: Sie flankieren den wichtigsten Spieler und unterstützen ihn von der Seite. Menschen, die auf Models stehen und sich eine Schweinsteiger-Frisur schneiden lassen, finden das bestimmt super. Aber all jene, die auch mal einen Moment des Zweifels kennen, müssen sich schon fragen lassen, was das für eine Beziehung werden soll, die mit Hilfe einer Ansprechhilfe zustande gekommen ist?