Ein Hohelied auf die Schüchternen

Schüchternheit ist, das hat eine Langzeitstudie mit Kindern ergeben, zwar nicht unbedingt heilbar. Aber auf keinen Fall ist sie ein unüberwindbarer Nachteil für das Leben. Im Schnitt haben Schüchterne zwar erst acht Monate später einen Job und eine Beziehung als ihre selbstbewussteren Altersgenossen, aber außer diesen Entwicklungsverzögerungen haben sie keinerlei Probleme zu befürchten. Und auch die Verzögerung holen die Schüchternen auf. Wenn sie erwachsen sind, gibt es keine Unterschiede mehr zwischen den beiden Gruppen. Grund genug, für diese reizende Gemütsschwäche eine Lanze zu brechen.
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Schüchternheit ist die Hölle für die, die mit diesen gehemmten Wesen zu tun haben. Schüchterne Menschen sind anstrengend, weil sie immer so umständlich sind, man ihnen alles aus der Nase ziehen muss und wenn man mal nett zu ihnen war, werden sie so anhänglich wie Schoßhündchen. Sie sprechen immer viel zu leise und beanspruchen so ein Maß an Aufmerksamkeit, das ihnen dann auch wieder unangenehm ist. Sie schämen sich und sensible Menschen müssen sich mit ihnen fremdschämen, wenn sie herumstammeln oder zu zittern anfangen, nur weil sie vor der Klasse ein Referat halten müssen. Schüchternheit ist aber natürlich vor allem für die ein Höllenritt, die von ihr betroffen sind. Ihr Leben ist eine Aneinanderreihung von Herausforderungen und schier unüberwindbaren Hindernissen: sie müssen um Dinge bitten, sie müssen mit fremden Menschen sprechen, sie müssen manchmal sogar ein Gespräch mit fremden Menschen anfangen, nicht wissend, ob die ihnen wohlgesonnen sind. Sie befinden sich in einem permanenten Zustand der Anspannung, für sie ist jeder Ausflug in die Stadt so aufregend und anstrengend, wie die Besteigung der Eiger Nordwand.

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Illustration: Julia Schubert

Vielleicht ist aber einer der schlimmsten Momente für einen schüchternen Menschen, wenn ihm seine Schüchternheit nicht mehr abgenommen wird. Da hat er Jahrzehnte trainiert, alleine zuhause vor dem Spiegel Reden vor imaginierten Gruppen gehalten, ist trotz Herzrasen auf fremde Menschen zugegangen und hat sie nach der Uhrzeit gefragt und hat Bekannte (einfach so!) angerufen und gefragt, ob sie etwas mit einem unternehmen wollen. Dieses harte Training, die langsamen Fortschritte und die vielen Rückschläge in Peinlichkeitsanfälle, Gestammel, Verstummen und Erröten, hat irgendwann dazu geführt, dass der schüchterne Mensch sich einigermaßen in der Öffentlichkeit bewegen konnte, sein Bier bei der Kellnerin bestellen, ohne zu erröten und sogar einen Beruf gefunden hat, in dem man manchmal mit ganz fremden Menschen zu tun hat. Alles hat irgendwie geklappt, man wurde zu einem einigermaßen sozialverträglichen Menschen und plötzlich sagen alle, denen man von seiner Veranlagung erzählt: „Du bist doch nicht schüchtern! Du schreist doch ab und zu sogar herum.“ Ja klar, fängt man dann an zu erklären, das passiert natürlich manchmal, wenn man sehr schüchtern ist. Stell dir vor, du musst über einen Abgrund springen, der sehr tief ist, du nimmst so viel Anlauf wie möglich und dann springst du. Fast immer landest du sehr viel weiter, als es eigentlich nötig gewesen wäre.

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Illustration: Julia Schubert

So geht es schüchternen Menschen, die vor einer Aufgabe stehen, die sie verzweifeln lässt. Zum Beispiel bei jemandem anzurufen, der eine Wohnung zu vermieten hat. Als Schüchterner macht man sich viele Gedanken um fremde Menschen. Mal ist es zu früh am Morgen, mal zu spät für den Anruf, dann hat man ganz plötzlich vergessen, was man sagen wollte, dann weiß man nicht, ob man seine Stimme unter Kontrolle hatte und trinkt lieber noch ein Glas Wasser, dann muss man aufs Klo. Oft hilft dann nur noch eines: man setzt sich selbst ein Ultimatum für den Anruf. Und dann plustert man sich besonders forsch auf, wählt die Nummer und schreit den Menschen, der eine Wohnung zu vermieten hat, viel zu laut an vor lauter Aufregung. Der wundert sich naturgemäß, ist ein wenig irritiert oder gar unfreundlich und der Schüchterne weiß wieder: die Angst hat er sich nicht umsonst gemacht. Und trotzdem ist die Schüchternheit noch die beste Gemütseigenschaft, die es zu haben gibt. Schüchterne Menschen sind ausgesprochen rücksichtsvoll, machen sich immer mehr Gedanken über andere Menschen als sich selbst und sind auch mal still, wenn ihnen nichts einfällt. Klar, sie können keine guten Witze erzählen, sie nerven als ewige Bedenkenträger und sind auch nicht gerade für ihre Spontaneität berühmt. Aber Menschen, die sehr viel über ihre Handlungen nachdenken, sind normalerweise auch in der Lage, komplizierte Beziehungsgeflechte recht schnell zu durchschauen, sie sind sozial mit fast allen kompatibel, sehen eigentlich immer nur das Beste in anderen Menschen und sind fast immer ziemlich reizend. Und was sich vielleicht eine ziemlich lange Zeit als eine Behinderung und Benachteiligung anfühlt für alle Schüchternen, zahlt sich am Ende doch aus: Das Leben wird eigentlich immer nur besser und was für Andere banaler Alltag ist, ist für Schüchterne ein einziger Gang durchs Abenteuerland. Dass sie dabei manchmal eine etwas anstrengende Performance hinlegen, geschenkt. Am Ende gehen sie als die netteren Menschen aus dem Spiel. Illustration: hanna-fiegenbaum Hier findest du eine Liste mit den 20 schüchternsten Menschen, Tieren und Gegenständen aller Zeiten.

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