Fern-Freunde

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Ich habe Farima auf einer einer Reise durch den Iran kennen gelernt. Seitdem schreiben wir uns Nachrichten, mal längere, mal schnelle zwischendurch. Wir sind Freunde. Farima war noch nie bei mir in Berlin und eigentlich wissen wir beide, dass sie auch nicht so bald kommen wird. Farima kennt weder die meisten meiner Freunde noch meine Familie, nicht meine Lieblingskneipe und auch nicht den Platz am Fenster in meinem Zimmer. Obwohl sie noch nie hier war, weiß sie inzwischen mehr über mein Leben, als andere Leute, mit denen ich meinen Alltag teile. "Fari, es geht bergab hier“, schreibe ich. Sie antwortet: "Hier auch, sind Männer überall so?" Wir verstehen uns. Und zwar ziemlich gut.  

Fernfreundschaften haben eine Art Sonderstatus, wie Diplomaten. Sie sind unantastbar, so etwas wie Fluchtpunkte, wenn die deutsche Realität zwickt und zwackt und das Leben elanlos vor sich hinstottert. Denn Fernfreunde trifft man nie an langweiligen Mittwochen, wo es eigentlich nichts Neues zu erzählen gibt. Und ja, ein bisschen verraten wir damit unsere deutschen Alltagsfreundinnen. Schließlich sind die es ja, die dann vor der Tür stehen, wenn wir seit Tagen vor Kummer nicht aufstehen können. Außer einem verrotzten Zwinkern bekommen die Alltagsfreunde dafür allerdings gar nicht so viel.

Wenn die Fernfreundschaften zu Besuch sind, werden hingegen von morgens bis abends Fotos geknipst. Die kann man sich dann anschauen, wenn sich wieder ein langweiliger Mittwoch an den nächsten reiht. Die Fernfreundin wird hochgehalten für alles, was sie tut. Je aufwendiger die Kommunikation ist, desto stolzer sind wir insgeheim auf unseren Einsatz für die Freundschaft. Alles, was man bespricht, wirkt durch die vielen Kilometer Distanz plötzlich wie eine riesige Brücke aus bedeutungsvollen Sätzen, mindestens so tiefgründig wie der Atlantik, mindestens so gewaltig wie die Alpen. Denn schließlich überwindet man ja immer wieder die Entfernung, nur um sich etwas mitzuteilen. Wenn Farima von ihrer Oma erzählt, wird das in meinen Ohren sofort zu einer Erzählung über transgenerationelle Weitergabe von Erinnerungen. Alles ist erleuchtet, was in anderen Freundschaften selbstverständlich ist.

Der größte Vorteil von Fernfreundschaften: man kann nichts falsch machen. Keiner anderen guten Freundin würde ich nur eine SMS zum Geburtstag schreiben. Bei meinen Fernfreundinnen ist das anders. Jedes Zeichen ist ein gutes Zeichen. Es gibt keine Enttäuschungen, wo es keine Erwartungen gibt.  Fernfreunde verpassen keine Verabredungen, lassen einen nicht im Club stehen und nerven nicht immer mit denselben Klagen über spezielle Körperteile. Alles, was sie machen, ist irgendwie ein Bonus. Es gibt 1000 Gründe, warum wir es nicht schaffen, uns zu besuchen. Aber wenn der Besuch dann kommt, dann mit Freudentränen.

Bei meiner Freundin Maria aus Lissabon ist es ähnlich wie mit Farima. Eigentlich klappt nur die Hälfte, von dem, was wir uns vornehmen. Briefe zum Geburtstag, die erst ein halbes Jahr später ankommen, wir geben uns Filmtipps und schaffen es nie, einen Film zusammen zu sehen. Aber dann schickt Maria ein Bild von ihr mit Freunden am Strand - und mein Herz hüpft für einen Moment. Denn dieser Kitsch ist Kit für unsere Freundschaft. Für die lange Zeit, in der wir uns nicht sehen. Alles, was man füreinander tut, hat plötzlich eine Bedeutung. Das geht nicht nur mir so. Ich beobachte meine Mitbewohnerin: Sie brät etwas an, angeblich Tofu. Wochenlang riecht unsere Küche danach wie eine Schweinefabrik. Ein Tipp von ihrer Fernfreundin aus China.

Mit den Fernfreundschaften ist es wie mit der Diplomatie: manchmal etwas umständlich, aber ist ja für den guten Zweck. Denn durch unsere Fernfreundschaften können wir mal raus aus unserer Haut. Wir fühlen uns gut, wenn wir aufwendige Briefumschläge basteln. Und dann merken wir, wie leicht es sein kann, über unseren Schatten zu springen und uns einfach selbst zu melden, wenn wir viel zu lange auf eine Antwort warten. Das macht uns nicht automatisch zu besseren Menschen. Aber es ist eine gute Übung, damit wir in Zukunft vielleicht auch bessere Alltagsfreundinnen werden können.

Text: pia-rauschenberger - Illustration: Pia Kettl

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