Freistunde für Europa: Meine klammheimliche Freude an der Aschewolke

Warum die Aufregung um den Ausbruch des Eyjafjallajökull eine kindliches Wohlgefühl in uns auslöst
stefan-winter

Im April 1975 erschien Westwärts 1 & 2, ein Gedichtband von Rolf Dieter Brinkmann. Er beginnt mit einem Vorwort, das dem Blumfeld-Sänger Jochen Distelmeyer  28 Jahre später als Inspiration für den Song Alles macht weiter gedient haben muss. Brinkmann schreibt:

Die Geschichtenerzähler machen weiter, die Autoindustrie macht weiter, die Arbeiter machen weiter, die Regierungen machen weiter, die Rock'n'Roll-Sänger machen weiter, die Preise machen weiter, das Papier macht weiter, die Tiere und Bäume machen weiter, Tag und Nacht macht weiter.

Im Blumfeld-Lied singt Jochen Distelmeyer:

Alles macht weiter / die Zeit und ihr Garten / der Baum vor dem Fenster / das Hoffen und Warten /  die Zwiebeln in Kühlschrank / alles macht weiter / Der Alltag macht weiter /die Probleme und Zwänge / der Verkehr in den Straßen / die Einsamkeit in der Menge / die glücklichen Stunden / Phantasien und Pläne /Planten un Blomen / Enten und Schwäne

In dieser Frühlings-Woche im April 2010 musste ich an Jochen Distelmeyer und Rolf Dieter Brinkmann denken. Für ein paar klammheimliche Momente hatte ich das trügerische Gefühl: die beiden haben Unrecht. Denn die Autoindustrie, die Arbeiter, die Preise, das Papier und selbst die Zwiebeln im Kühlschrank machten eben nicht mehr weiter. Eine Aschewolke mit dem unaussprechlichen Ursprung Eyjafjallajökull sorgte dafür, dass etwas passierte, von dem ich vorher nicht mal wusste, dass es geht: Der Luftraum wurde geschlossen. Irgendjemand drückte in unserem daueraktiven „Alles geht weiter“-System die Pausetaste. Fast wie beim Kindergeburtstags-Klassiker Stoppessen, bei dem man plötzlich und unbequem in einer Situation verharren muss, stoppte das europäische Reise- und Bewegungssystem. Die Medien gingen in den (aus dem Kinderspiel bekannten) Stippstopp-Modus über und wiederholten die immer gleichen Bilder aus Island, zeigten Reporter in leeren Schalterhallen oder auf verwaisten Rollfeldern. Jeden Abend aufs Neue sendet die ARD einen Brennpunkt und verbreitete damit das Gefühl eines Ausnahmezustands light im Land. Denn von der bösen Aschewolke habe ich am Himmel über meiner Stadt bis heute nichts sehen können. Und da ich – weil bequem und ohne Reisepläne daheim sitzend – auch sonst keine Einschränkungen durch das Spektakel des Nichts hinnehmen musste, erlebte ich die vergangenen Tage wie eine große kollektive Freistunde für einen Kontinent. Statt „Alles geht weiter“ plötzlich: „Nichts geht mehr“.

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Illustration: Julia Schubert

Dieses unsichtbare „Fällt aus“-Schild über unserem Land wurde so zu einer kindlichen, aber klammheimlichen Freude. Denn natürlich war mir bewusst, was ich überall hörte: dass es gefährlich werden könnte, dass die Sonne sich verdunkeln und das System dauerhaft geschädigt werden könnte. Doch insgeheim fand ich es charmant, dass die Bundeskanzlerin vor dem genau gleichen Problem stand wie der Bruder meiner besten Freundin. Sie kamen nicht heim, mussten aus- und umsteigen und über absurde Wege durch Europa gurken. Alle wurden gleich behandelt, alle hatten plötzlich ein gemeinsames Problem oder zumindest Gesprächsthema. Ich empfand das als angenehm. Und jetzt, da die Brennpunkte gesendet sind, die Fluggesellschaften, die Regierungen und sogar die Enten und Schwäne aber wieder weiter machen, stelle ich fest, woran das liegt. Der Eyjafjallajökull hat mich daran erinnert, was Tocotronic mit ihrer Verweigerungshymne Sag Alles Ab schon 2007 angemahnt hatten: Man kann es auch anders machen, es geht auch, wenn es nicht weiter geht.

 

Für mich hat diese Erkenntnis – so banal sie sein mag – etwas Beruhigendes. Gerade an diesem 23. April 2010. Heute ist es auf den Tag genau 35 Jahre her, dass Rolf Dieter Brinkmann bei einem Verkehrsunfall in London ums Leben kam.

 
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