Fressen, Ficken, Fernsehen?

Deutsches Fernsehen stellt das Leben verzerrt dar, schreibt Franziska Schwarzmann von der "Jugendpresse Deutschland" in einem Gastbeitrag für jetzt.de. Sie fordert differenziertere Berichte und will eine Debatte provozieren
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* Eine nicht unbekannte blonde amerikanische Schauspielerin namens Brigitte Nielsen ließ sich neulich zu einem bildungstechnisch zweifelhaften TV-Event überreden: Vor laufender Kamera wurde ihr Körper generalüberholt. Die Einschaltquoten waren phänomenal für den Marktführer der privaten Fernsehanstalten, RTL. * Für die Fotos der Brangelina-Zwillinge zahlen die Medien bis zu neun Millionen Dollar. Fotos von Babys, deren Eltern in einer halbseidenen Welt vor der Kamera zweifelsohne gute, aber nicht besonders anspruchsvolle Arbeit leisten. * Mister Sozialschmarotzer sitzt morgens in einer Talkrunde: Er trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift Wer arbeitet, ist selbst schuld und belächelt all diejenigen, die weniger verdienen als er vom deutschen Staat bekommt. Ist Fernsehen nur noch Opium fürs Volk?

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Illustration: Julia Schubert

Keine Grenzen sind den Beispielen der deutschen Fernsehabsurdität gesetzt. Dabei ist Fernsehen immer noch das Informationsmedium für die Bevölkerung. Die marktwirtschaftliche Ausrichtung lässt allerdings auschließlich Formate zu, die Einschaltquoten bringen. Der Bürger verlangt Berieselung, das Fernsehen bietet sie. Doch diese Macht des bewegten Bildes birgt eine gewisse Verantwortung: Vor allem die sozial benachteiligten Menschen, die das Fernsehen nutzen, erhalten durch Seifenopern, Talkshows & Co ein völlig verzerrtes Bild der Realität. Ihr Verständnis vom Leben, von Eigenverantwortung und Engagement wird durch die oben genannten Beispiele mit Sicherheit nachhaltig geprägt. Fraglich ist nur, in welche Richtung. Zumindest nicht in meine. Ich studiere Politikwissenschaft, bin 22 Jahre alt und seit zwei Jahren engagiere ich mich ehrenamtlich bei der Jugendpresse Deutschland, dem Bundesverband junger Medienmacher. Gemeinsam möchten wir etwas ändern. Wir wollen über ein Medium der Zukunft diskutieren; ein Medium, das unsere Ansprüche erfüllt. Deswegen habe ich versucht, die deusche Medienlandschaft mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Nachrichtenwertfaktor Provokation: 88.000 Postkarten wurden in Deutschland verteilt. Darauf steht: Fressen.Ficken.Fernsehen? und Werben. Wichsen. Web 2.0? Diese Postkarten regen auf. Wir fragen uns, ob das Fernsehen noch für mehr Niveau steht als „fressen“ und „ficken“. Genauso wie wir in Frage stellen, ob sich das Internet noch durch mehr profilieren kann als durch Pornografie? Beide Debatten wollen wir im ersten Blog der Jugendpresse auf morgen.im/tv führen. Unter dem Motto Bewege Bilder – Televisionen in Eigenregie soll über die deutsche Medienlandschaft kontrovers diskutiert werden: Was nervt andere junge Leute an der Berichterstattung im Fernsehen und im Internet? Stehen wir mit unserer Kritik alleine da? Die Politik der letzten Jahrzehnte hat bei vielen Menschen den Eindruck hinterlassen, der Staat könne immer und überall als Helfer in der Not in die Bresche springen. Die Schuld und Verantwortung liege demnach bei ihm. Dieser Eindruck wird durch die Berichterstattung der meisten Medien verstärkt. Im Zeitalter der Globalisierung entsteht der Eindruck, der Staat sei an erster Stelle Sündenbock für zunehmende Arbeitslosigkeit oder andere aktuelle Probleme. Eine differenzierte Berichterstattung, die Zusammenhänge in ihrer ganzen Komplexität darstellt, wäre angebracht. Aber wahrscheinlich scheitert diese an der Quote! Dabei wäre es doch so wichtig, dass die Medien die Anforderungen der heutigen Zeit erklären. Anstatt Betroffene zu bemitleiden und Schuldige zu suchen, könnten Medien, vor allem das Fernsehen, einen großen Beitrag leisten. Aus der medialen Macht resultiert ein Bildungsauftrag, dem sich die Medien nicht entziehen können. Und solange sie diesen nicht ernsthaft wahrnehmen, werde ich sie kritisieren. ***

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Illustration: Julia Schubert

Franziska Schwarzmann ist Pressebeauftragte der Jugendpresse Deutschland

Text: franziska-schwarzmann - Illustration: K. Bitzl; Foto: privat

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