Gedanken beim Warten auf die S-Bahn: Ein paar Geistesblitze zum Öffentlichen Personenverkehr in München

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Natürlich gibt es Gutes über den Münchener Nahverkehr zu berichten. Eine verspätete Tram in Richtung Stachus, zum Beispiel, bedeutet noch lange nicht, dass die S-Bahn am Münchner Knotenpunkt auch verpasst wird. Oft kann man sich entspannt zurück lehnen, denn die S-Bahn kommt ja auch zu spät. Was man den Betreibern von S-Bahn auf der einen Seite, von U-Bahn, Tram und Bussen auf der anderen Seite also nicht vorwerfen kann, ist mangelnde Abstimmung. Auch wenn man sich beim täglichen Sinnieren an Haltestellen, durchaus die Frage stellen kann, ob diese Art von gegenseitiger Abstimmung des Nahverkehrssystems gewollt ist. Und warum sie nicht im Fahrplan vermerkt ist, so zum Beispiel: „Die Tram kommt vielleicht später, die S-Bahn aber auch, vielleicht.“ Immerhin kann man die Wartezeiten nutzen, um das Münchner Nahverkehrsnetz zu studieren. In drei Zonen ist es aufgeteilt, und achja, in 16 Ringe.

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Illustration: Julia Schubert

Das freut den Besucher, vor allem den grafisch interessierten: Die runden Ringpläne an Münchner S-Bahnhöfen dürften im weltweiten Wettbewerb der unverständlichen Nahverkehrspläne einen führenden Platz erreichen. Und Touristen wie neu Zugezogene merken spätestens dann, wenn sie – unwissentlich – einen Ring überquert, um drei Meter hinter der Grenze kontrolliert und bestraft zu werden, dass die lustigen runden Pläne ernster zu nehmen sind, als ihre Gestaltung vermuten lässt. Ernst nimmt es die MVG beim Kassieren an den Ticketschaltern, wo, bei Bezahlung mit der neumodischen EC-Karte, fünfzig Cent Aufpreis fällig sind. Das Geld wird sinnvoll verwendet: zum Beispiel für eine „Service-Karte“ (Format: Din A4), die jedem Neu-Münchner in einem billig wirkenden und teuer bezahlten Plastikumschlag zugeschickt wird. „Sie wollen von Anfang an frei nach der Devise „Gscheid mobil“ (...) unterwegs sein?“ heißt es da – ganz so, als wäre es die Entscheidung des Kunden, ob die Bahnen pünktlich fahren. Wer nicht antwortet, zum Beispiel weil er über die Frage sinniert, woher und mit welchem Recht die MVG die Adresse des Neu-Münchners hat, der bekommt gleich noch mal Post mit Nachfragen – in zeitlichem Abstand, der der GEZ zur Ehre gereichen würde. Zum Glück sind Verspätungen und Wartezeiten auf die Tageszeit beschränkt! In der Nacht kommen andauernd Trams am Stachus an, Menschenströme wechseln von einem Wagen in den nächsten, alles ist bunt, laut und blinkt. Zumindest im Kino-Werbespot für die Nachtlinien. Wer aber nach dem Kino nach Hause will, stellt schnell fest, dass der Tramtakt in der Nacht ziemlich genau ... mit dem nächtlichen, regionalen Busersatzverkehr im Nordschwarzwald übereinstimmt: und da ist er wieder, der Verdacht, dass München irgendwie tiefste Provinz ist. Während die Nachtschwärmer in langsam ermüdender Erwartung der nächsten Party am Stachus lange Gesichter machen, feiert sich nämlich der MVG auf seiner Webseite selber: „In den Nächten vor Samstagen, Sonntagen und Feiertagen fahren diese Linien sogar jede halbe Stunde!“ Das ist natürlich der helle Wahnsinn: jede halbe Stunde zuckelt ein Züglein die Linie entlang! New Yorker U-Bahn, Londoner Doppeldecker, Berliner Verkehrsgesellschaft, zieht euch warm an! Der Münchner Nahverkehr macht mobil. Die Vermutung, dass die MVG mit Spaß eine gewisse Provinzialität verbreitet, wird nicht zuletzt auch durch die Werbung in den Trams verstärkt: Welche professionelle Werbeagentur würde dem Kunden eines Verkehrsunternehmens erst versprechen, dass der Dackel „Wastl“ mit dem MVG-München-Stadtplan immer sicher nach Hause findet, um dann in kleinerer Schrift darunter zu schreiben: „Das ist eine Lüge“? Die Wahrheit sei, ist auf dem Plakat zu lesen, dass der Kunde mit dem MVG-München-Stadtplan „jeden Wastl in jeder Straße Münchens“ finde. Hat sich bei der MVG eigentlich niemand gefragt, ob der Kunde überhaupt Dackel sucht? Und nicht eher eine Haltestelle, an der die Tram pünktlich abfährt? Oder eine, an der keine klassische Musik durch Bahnhofs-Lautsprecher gespielt wird? Denn unabhängig ob die Musik zur Abschreckung Jugendlicher, Obdachloser, Trinker und anderer, die nicht ins Schema derjenigen passen, die sich nach dem Willen von Behörden und Betreibern am U-Bahnhof aufhalten dürfen, gedacht ist, oder gar zur Unterhaltung der Fahrgäste, die Klänge provozieren stets dieselbe Frage: Welchen Charakter muss ein Mensch haben, um klassische Musik durch die Tröten-Lautsprecher im U-Bahnhof abspielen zu lassen. Sicherlich keinen besseren als manche jener Menschen, die er damit zu verjagen sucht – die Kleinstadtgangster, aus deren billigen Handylautsprechern der neuste Scooter-Lärm dröhnt. Das Verjagen von Menschen von warmen Orten im Winter ist, das sei hier nebensächlich erwähnt, per se ein wenig ehrenwertes Ziel. Neben der Frage, wie Mozart auf die Tatsache, dass mit seiner Musik, Menschen verjagt (oder Banausen unterhalten) werden sollen, reagieren würde, provozieren die Verkehrsgesellschaften jeden Tag neue Fragen im Hirn ihrer frustrierten Kunden. Ein ganz besonders großes Fragezeichen betrifft die S-Bahn, die sich in München rund um die Uhr wenig hilfreich durch ein Nadelöhr namens Stammstrecke zu schlängeln hat. Die Stammstrecke soll, das ist seit Jahren immer wieder in der Diskussion, ausgebaut werden. Egal, ob es an Stadt, Staatsregierung oder Betreibern hängt: wie zukunftsfähig ist eine Stadt, in der sich S-Bahn-Verspätungen vom Abend bis zum Morgen des nächsten Tages durch den Fahrplan ziehen, weil die Stammstrecke nur bedingt Korrekturen zulässt? Wie viele Fahrgäste warten täglich fünf bis zehn Minuten an den Einfahrtspunkten westlich und östlich der Verkehrsader in temporär gestoppten Zügen? Wie oft werden ganze Netzbereiche abgekoppelt, wegen „einer Stellwerkstörung“? Und definiert sich eine Stadt – vor allem eine verhältnismäßig reiche wie München – nicht auch darüber, wie ihr Nahverkehrsnetz gestaltet ist?

Text: johannes-boie - Foto: ddp

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