Gefangen im Netz

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Vor ein, zwei Jahren habe ich entschieden, auf Amazon zu verzichten. Wegen mieser Arbeitsbedingungen, selbstherrlich-ignoranter Verhandlungsführung, Steuerflucht und kruder Allmachtfantasien (hier, hier, hier oder hier). Und weil mir bei jedem Paketboten, den ich an sechsgeschossigen Wohnblöcken klingeln sehe, kurz das Herz blutet, habe ich mein Gelübde auf andere Versandhändler ausgeweitet. Ich übe Verzicht.

Mit mäßigem Erfolg allerdings. Irgendwann geht der Cursor doch wieder auf den „Einkaufswagen“-Button. Irgendwann klingelt der Bote doch wieder bei mir. Und mit ihm das schlechte Gewissen – da nützt es auch nichts, dass ich ihm eilig die Treppe entgegenstolpere.

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Illustration: Julia Schubert

Der Paketbote muss kommen. Weil der Einzelhandel versagt.

Und Schuld daran ist: der Einzelhandel.

Er ist es, der mich immer wieder ins Netz der Internethändler treibt. Schon klar, das hört sich arg nach Rechtfertigung an. Nach einer Ausrede für die eigene Inkonsequenz. Nach Fehler-bei-anderen-suchen. Und doch: Es ist wahr. Zu oft schon wurde ich vom Händler ums Eck enttäuscht.

Der Winter kam, ich wollte Lammfelleinlagen für meine Boots. "Haben wir nicht in Ihrer Größe", hieß es im Schuhgeschäft. Nicht: "Können wir besorgen." Auch nicht: "Tut uns leid, kommt bald wieder rein." Adieu, ich komme nicht wieder rein.

Alter Hut: Die Innenstädte – vor allem kleinerer Städte – bluten aus. Neben dem Internet gibt’s ja auch noch jene Einkaufscenter, die in Stadt(viertel)randlage irgendwas mit Arcaden, Passage oder Mall heißen. Und den Innenstädten ebenso zu schaffen machen. Seit Jahren, nein, Jahrzehnten, gibt es diese Entwicklung – und immer mal wieder erklärt irgendwer den stationären Handel für tot. Womöglich ist das der Lauf der Dinge in einer Welt, in der Amazon in New York mittlerweile innerhalb einer Stunde (!) liefert.

Der Einzelhandel hadert. Mit sich selbst, mit den Kunden, mit der Welt

Und was machen die deutschen Kaufleute ob sinkender Umsätze und fehlender Kundschaft? Bemühen sie sich? Präsentieren sie Besonderes, Unerwartetes? Nicht wirklich. Immer mal wieder verhängen sie ihre Schaufenster. "So sähe es hier ohne uns aus", wollen sie sagen. Trostlos. Irgendwie stört‘s dann aber doch niemanden. Alle kaufen alles im Internet. Und die Kaufleute hadern. Mit sich selbst, mit den Kunden, mit der Welt.

Ich bin das leid. Sicher: Es gibt schon auch kleine, schicke Lädchen, in denen leidenschaftlich für mich als Kunde gearbeitet wird. Aber viele Kaufleute begegnen ihrem Untergang eben auch mit schicksalsergebener Larmoyanz, anstatt sich ihrer Stärken zu besinnen. Mir zumindest kommt das so vor.

Als an meinen Clarks ein Schnürband riss, wollte ich im innerstädtischen Clarks-Laden neue kaufen. Ich solle es mal unter schnuersenkel.de (oder so) versuchen, sagte man mir dort. Mit einer Miene aus Unlust und Unfreundlichkeit.

Warum dann noch in die Stadt fahren? Dass der stationäre Handel kein Sortiment wie Amazon haben kann – geschenkt. Aber Beratung, das geht dort doch viel besser als in der Anonymität des Internets. Oder?

Als mein Freund J. mit seiner Freundin eine Reise an der Westküste der USA unternehmen wollte, hat er mal was Neues ausprobiert: Er ging ins Reisebüro. Ausgangspunkt des Urlaubs sollte San Francisco sein, von da aus mit dem Mietwagen südwärts die Küste entlang. Was ihm die Reise-Fachfrau verschwieg: Ein Auto in San Francisco ist so überflüssig wie ein Kropf. Der Parkplatz kostet 50 Dollar aufwärts pro Tag und in der Stadt ist man sowieso besser mit dem Rad unterwegs. Hätte man schon auch selbst drauf kommen können, klar. Aber gerade deshalb geht man doch zum Fachmann – um nicht selbst alles bedenken zu müssen. Um sich weniger Mühe zu machen müssen. Um Fehler zu vermeiden, die andere vor einem gemacht haben. Die nächste Reise wird J. wieder im Netz buchen. Und dort wieder die Reiseberichte anderer lesen.

Der Einzelhandel hat gegenüber dem Internet einen Riesenvorteil. Stichwort Service, Stichwort Beratung. Wenn ich in ein Geschäft gehe, möchte ich ein gutes Gefühl haben. Stattdessen stellt sich bei mir oft ein Fluchtreflex ein. Wo der endet? Klar: im Internet.

Text: michel-winde - Foto: dpa

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