Heilmittel heißes Wasser

Es gibt diese Angewohnheiten, die sich still, heimlich und schüchtern ins Leben schleichen und nicht mehr verschwinden. Die Rede ist von kleinen Rezepten - keine Haus-Rezepte, eher Ich-Rezepte - mit denen man sich Gutes zu tun meint, deren Ursprung und Wirkung man aber werden erklären noch begründen kann. Heute und hier: Meine Theorie, warum heißes Wasser für den Körper so prima ist.
peter-wagner

Persönlich kultiviere ich einige kleine Macken, Gewohnheiten, Freunde des Aberglaubens, wenn man so will. Allesamt sind sie dazu da, mein subjektives Wohlbefinden zu fördern. Heute soll aber nur von einer Macke die Rede sein: Ich schlurfe täglich tassenweise heißes Wasser in meinen Magen. Ein Vorgehen, zu dem mich Henning Scherf inspirierte. Der Mann war bis Ende vergangenen Jahres Bürgermeister von Bremen und ist bekannt für seine Zuneigung zum heißen Wasser. Er trinkt es täglich literweise. Nun konnte ich mich nie an den Wortlaut seiner Begründung erinnern und musste mir darob eigene Rechtfertigungen zurecht legen. Ich rede hier also vom gefühlten Beipackzettel „Tasse heißes Wasser“. Demnach und in meiner Theorie fängt das heiße Wasser Radikale, die im Körper umherschwirren. Ich muss sagen, ich kann das richtig spüren. Immer, wenn ich mir solche Radikale vorstelle, spüre ich auch welche. Und immer, wenn ich das heiße Wasser trinke, spüre ich sie verschwinden. Ich stelle mir die blöden Radikale vor wie verwahrloste Atome, die sich, schlurps, in heißem Wasser auflösen wie Brause. Heißes Wasser nimmt in meiner Vorstellung alles Gift mit aus dem Körper. Da kann es zu richtigen Dialogen kommen: Heißes Wasser: Hey! Du Gift! Komm mal mit! Gift: Hey, heißes Wasser! Na logisch, bin ich bei!

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Eimerweise heißes Wasser: Der Geysir Strokkur auf Island. (Foto: ddp) Sowieso hat heißes Wasser dieses Pure, dieses Reine. Mit Tee kann man nur zuviel falsch machen. Tee zieht mal zu lang, dann zu kurz, ist mal zur Entspannung und mal fürs Fröhlichsein – da kommt kein Magen mit. So ein Magen aber, stelle ich mir vor, liebt das Wasser. Wenn ich zum Beispiel in Sachen Esoterik besser bewandert wär`, ich würd` sagen: Magen kam aus Wasser, Magen wird zu Wasser, Magen mag Wasser. So in der Art. Und wenn man dann auch bedenkt, dass selbst die Beduinen, und bei denen ist es immer recht heiß, dass also selbst die heißes Wasser trinken, dann muss man sagen, tut man doch nichts Falsches, wenn man das auch so macht... Das ist nun zwar wieder eine Argumentation, die keiner rechten Logik folgt, in meiner Theorie aber funktioniert sie prima. Mittlerweile koche ich mir jedes Mal, wenn ich in die Küche komme, eine Tasse heißes Wasser. Die vergesse ich dann zwar oft im Kocher, das macht aber nix. Weil kann man ja noch mal aufkochen und tut dann auch noch gut. Heißes Wasser ist meine Magensalbe. Übrigens: Ich habe versucht, meine These von der feinen Wirkung des heißen Wassers von Experten bestätigen zu lassen. Es ist mir nicht gelungen. Ich bin auf Ahnungslosigkeit oder schlichte Ablehnung gestoßen. Ich würde sagen: Da gibt es noch Forschungsbedarf. In der Zwischenzeit sage ich: Hoch die Tasse!

  • teilen
  • schließen