Hier kommt die Übersicht: Ein Magazin in Listen-Form

Das heutige jetzt-Magazin besteht nur als Listen. Es ist eine Verneigung vor der Darstellungsform, die unser Leben stärker beeinflußt als Romane oder Filme: Die Liste hat alle Lebensbereiche erfasst.
dirk-vongehlen

Dinge, Tätigkeiten oder Musiktitel in einer gewichteten Reihenfolge untereinander zu schreiben, ist zu einem prägenden Vorgang für derart viele Menschen geworden, dass der Begriff „Generation“ in der Liste der passenden Beschreibungen bestensfalls auf Platz zwei landet. Besser passt das Wort der „Listen-Gesellschaft“, die nicht mehr nur vor dem Gang ins Lebensmittelgeschäft (Einkaufs-)Listen aufschreibt, sondern auch im (digitalen) Plattenladen, vor dem Kinobesuch oder auf dem Weg zur Uni, ins Büro oder die Schule. Die Liste ist zum dauerpräsenten Bewertungs- und Erinnerungs-Instrument geworden, dessen Image sich grundlegend verändert hat: Was früher Erinnerungshilfe für vergessliche Supermarkt-Besucher war, ist plötzlich cool und wichtig. Dieser Imagewandel basiert auf zwei Gründen: Einerseits klingt To-Do-Liste viel weltgewandter als Einkaufszettel, andererseits will natürlich jeder dem Eindruck vorbeugen, er habe sein Leben einfach so im Griff. Natürlich muss man soviel zu tun haben, dass man mindestens eine To-Do-Liste braucht, um den Überblick zu behalten.

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Illustration: Julia Schubert

Der Überblick ist ohnehin das wichtigste Argument für Listen. Da alles (von Internet-Nachrichten bis zum privaten Leben) ständig unübersichtlicher zu werden scheint, ist man allem und jedem dankbar, der sagt: Hier kommt die Übersicht. Egal, ob es die fünf wichtigsten Sätze zum Bahnstreik sind oder die 33 Tipps für ein tolles Wochenende – wir lesen es sofort. Auch wenn die Sätze hinter den Spiegelstrichen für sich genommen inhaltlsleer sind, augelistet wirken sie wie tatsächliche Information. Toll! Darüberhinaus ist die Listen-Auswahl zum Ausdruck der eigenen Persönlichkeit geworden. Bei itunes oder Amazon präsentieren Menschen unterschiedlicher Prominenz ihre „Lieblingslisten“ – und halten das für einen Spiegel ihres Charakters. Nicht mehr der eigenen Text oder der selbstgeschriebene Song gilt als kreative Leistung, sondern die Auswahl aus dem kulturellen Gesamtangebot wird zum Ausweis der persönlichen Fähigkeiten: Wer diesen Song auf Platz drei seiner „Herbstwetter-Musik (ohne Regen)“ wählt, kann kein schlechter Mensch sein. Dessen Plätze vier bis zehn gelten automatisch als ebenfalls interessant. Die Musikliste - vulgo Playlist - ist zum Beweis der eigenen Weltgewandheit geworden. Schaut her, schreien die Playlists, was ich alles weiß. Ich kenne sogar die seltene B-Seite, ich habe diesen slowenischen Schwarz-Weiß-Film im Original gesehen. Die Liste ist dem modernen Aufschneider was ihm früher Spazierstock und feiner Anzug waren. Angeben - in gewichteter Reihenfolge - ging nie so leicht wie heute. Die Playlist hat aber auch sehr sympathische Seiten. So hat sie zum Beispiel die Mutter aller Liste – der Hitparade – in der Funktion des Musikvorstellens abgelöst. Niemand, der für den Zauber von Listen empfänglich ist, schaut mehr in die Charts, um Entdeckungen zu machen. Neue Musik lässt man sich von Last.FM oder von anderen Nutzern vorschlagen, die ihre Favoriten wie darstellen? Natürlich in Listen. Diese Listen sind dann besonders gut, wenn ihnen gelingt, was der alphabetischen Sortierung gelang, in der CDs früher in den Plattenläden in die Regale gestellt wurden: Bands, die nichts miteinander zu tun haben (in der Playlist nicht mal mehr den Anfangsbuchstaben), stehen nebeneinander. Das führt nicht nur zu Entdeckungen, es garantiert auch Humor und Überraschung. Das alles erschien ausreichender Grund für ein Listen-Magazin -oder in einer Liste augedrückt: 1. Eine Liste ist schneller und leichter konsumierbar als lange Texte. 2. Sie funktioniert in allen Lebensbereichen. 3. Sie bringt Dinge zusammen, die vermeintlich nichts gemein haben. 4. Sie gaukelt Übersicht bzw. Vollständigkeit vor. 5. Sie ist zum Ausdrucksmittel dessen geworden, was man Persönlichkeit nennt Wem das nicht reicht, hier die Liste der Texte, die man heute lesen sollte: * Die Liste der Krawatten, die in einem Jungsleben auftauchen - als Antwort auf die Mädchenfrage: Jungs, wie ist das mit der Krawatte? * Die Liste der Sehnsuchts-Orte in aller Welt, die man unbedingt besucht haben sollte. * Die Liste der besten Wahl-Listen, die in Deutschlands Kommunalparlamenten vertreten sind * Die Liste der Vorschläge an Mario Gomez, was er alles mit seinem Penis tun kann. * Die Liste der Lieblings-Listen der Redaktion * Die To-Do-Listen von Sandra Maischberger, Helmut Kohl, dem Klimawandel und den USA

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