Ich bin zu prüde für diese Welt

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Neulich, es war eine dieser plötzlich erscheinenden und alles erhellenden Erkenntnisse, erkannte ich mit einem Mal: Ich bin prüde – durch und durch. An dieser Tatsache ist nicht zu rütteln. Diese Erkenntnis hat mein Selbstbild nachhaltig erschüttert. Bislang war ich nämlich davon ausgegangen, dass ich ein verhältnismäßig offener Mensch bin – auch in sexueller Hinsicht. Schließlich bin ich ein sexuelles Wesen und hatte und habe Sex. Schon öfter. Mit verschiedenen Partnern. Nicht immer nur im Bett, nicht immer nur in einer Dings, äh, Stellung. Ich kann auch verschiedene Namen für Geschlechtsteile aufzählen, ohne rot zu werden. Und natürlich weiß ich, dass meine Art Sex zu machen (die Hetero-Durchschnittsvariante), nicht die allein seligmachende ist. All das weiß ich, all das kann ich. Aber das genügt offensichtlich nicht, um als einigermaßen lockerer Mensch durch diese Zeit zu gehen.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Das hier sind Vibratoren. Sie heißen Paulchen und Fritzzz Dafür braucht es anscheinend mehr. Man sollte in der Lage sein, hoch gelobte Fernseh-Serien wie die eben angelaufenen „Californication“ super zu finden, auch wenn jedes zweite Wort in der unmöglichen Synchronfassung „Mösensaft“, „Möse“, „Ficken“ und – ganz schön harmlos - „Schwanz“ lautet. Als Frau sollte man am Besten mindestens einen Vibrator sein eigenen nennen und auch nicht so verdammt verklemmt damit umgehen, sondern den Besitz desselben stolz wie eine Monstranz vor sich hertragen. Man sollte gerne Pornos gucken. Und im lokalen Sexshop sollte man sich auch regelmäßig blicken lassen – jetzt, wo sie sich so viel Mühe geben, ihre Marketingstrategie auf Kundinnen auszurichten. Mit all dem kann ich nun aber leider nicht dienen. Nicht dass wir uns da falsch verstehen: Ich finde Frauen bewundernswert, die über ihre Vibratorensammlung so locker plaudern, wie andere über ihre DVD-Sammlung. Und wenn sie in ihrer Freizeit gerne in Sexshops gehen, dann applaudiere ich ihnen herzhaft zu ihrer Courage und ihrem proaktiven Umgang mit ihrer Sexualität. Finde ich gut, wirklich gut. Und wenn jemand gerne anderen Menschen beim Geschlechtsverkehr zusieht, weil ihn das ganz kitzelig macht, dann soll der das bitte tun. Nur: Ich selbst kann damit nicht dienen. Ich kann nicht in Sexshops gehen. Ich habe es wirklich versucht. Aber meine Angst ist viel zu groß, ich schäme mich vor potentiellen Mitkunden und am meisten Panik habe ich, aus dem Laden hinaus- und in einen entfernten Bekannten hineinzustolpern. Ich kann mich auch nicht dazu überwinden, Filme anzusehen, in denen andere Menschen unanständige Dinge miteinander unternehmen. Klar, ich weiß: Ist doch total natürlich, Sex macht jeder, auch deine Eltern.. Nachricht an alle Frauen: Probiert unbedingt Analsex Aber ich bevorzuge es, darüber hinwegzusehen und diesen Gedankenkomplex zu verdrängen. Dumm nur, dass Verdrängen nicht so gut geht, wenn ständig Meldungen im „Vermischten“ stehen, wie diese hier gestern: Die bislang als Disneyprinzessinnen-Darstellerin bekannte Schauspielerin Anne Hathaway gibt sich in einem demnächst erscheinenden Interview mit der Herrenzeitschrift Esquire ganz besonders freizügig und besingt die mannigfachen Vorteile von Analsex. „Jede Frau“, so Hathaway, „sollte es ausprobieren, will sie nicht etwas Großartiges verpassen.“ Durch die Anale Penetration habe sie sich ganz besonders weiblich gefühlt. Alles klar. Danke für die Information. Beziehungsweise: nicht. Nicht dass mich die Frau so wahnsinnig interessieren würde. Aber von nun an werde ich bei ihrem Anblick an Analsex denken und ihre direkte Aufforderung an mich und alle anderen Frauen dieser Erde, es ihr gleichzutun, geht mir – offengestanden – gehörig auf die Nerven. Ich habe als einer der wenigen Menschen in Deutschland darauf verzichtet, Charlotte Roches Meisterwerk „Feuchtgebiete“ zu lesen, weil ich mich mit Analfisteln nicht beschäftigen will. Obwohl ich es natürlich theoretisch toll finde, dass Roche mal so ganz nebenher ein ganzes Dutzend Tabus gebrochen hat. Theoretisch. Ich will auch nicht als Abo-Prämie für eine Frauenzeitschrift ein Sexspielzeug bekommen. Obwohl ich natürlich nachvollziehen kann, dass das als unangepasst daherkommende Botschaft verstanden werden soll für die sexuelle Selbstbestimmung der Frau. All diese Dinge finde ich theoretisch wirklich und wahrhaftig gut. Praktisch würde ich es vorziehen, nicht damit behelligt zu werden. Auch auf die Gefahr hin, weiterhin als ganz besonders prüde Person durchs Leben zu wandeln.

Text: yvonne-gamringer - Bild: dpa

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