Im Teufelskreisel

Klamotten-Tauschbörsen im Internet klingen wie der perfekte Weg, um ohne großen Aufwand nachhaltig einzukaufen. Unsere Autorin musste allerdings feststellen: das ist riesiger Selbstbetrug.
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Meine neue Mitbewohnerin hält mir zwei Päckchen entgegen. „Die sind schon vor dir angekommen.“ Mit Rucksack und Koffer habe ich gerade erst zur Tür meiner Übergangs-WG hereingekommen. Ich werde rot. Mit viel Glück denkt sie, es kommt vom Treppensteigen. „Ja danke, das ist bestimmt von meinen Eltern.“ Eine glatte Lüge. Denn ich weiß genau, was in den Päckchen drin ist: ein Tanktop und ein Pulli in Größe M von zwei vollkommen fremden jungen Frauen. Eine meiner vielen Ausbeuten beim Secondhand-Shopping im Internet. Eine Woche später kommt schon das nächste Päckchen an.

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Illustration: Julia Schubert

"Hab ich secondhand im Netz gekauft. Supernachhaltig, oder?"

Meine Kleider online secondhand einzukaufen, war bisher mein geheimer Triumph im Kampf gegen die Widrigkeiten der Globalisierung. Gegen dieses bohrende schlechte Gewissen, das mich nach dem Einkaufen immer verfolgt hat: Wer hat da eigentlich in welcher Fabrikhalle unter welchen Umständen meine neue Hose genäht? Ich glaube, Katastrophen wie Rana Plaza lassen niemanden kalt. Einstürzende Sweatshops und schimmelige Kleidung bei Primark: Vor ein paar Jahren habe ich mir vorgenommen, an so einem Dreck nicht mehr beteiligt zu sein. Seitdem versuche ich, soweit es geht, Secondhand oder Fairtrade-Klamotten einzukaufen. Das klappt mal besser, mal schlechter. Schlichte Tops oder Leggings gibt es nicht immer im Secondhand-Laden um die Ecke und für Fairtrade fehlt oft das Geld. Als ich das Online-Portal Kleiderkreisel entdeckte, dachte ich: Das ist die Lösung. Fair? Check. Schickes Zeug? Check. Kein Kaufhausstress? Check.

So ging es sicher einigen. Zumindest wirbt Kleiderkreisel mit dem Slogan „Kämpfe stilvoll gegen Verschwendung“ und hat mit dem Angebot bisher 8,5 Millionen Mitglieder weltweit erreicht. Pro Minute werden laut Internetseite 90 Artikel hochgeladen. Die können dann verkauft, gekauft, getauscht oder verschenkt werden. Die meisten angebotenen Artikel sind allerdings zum Verkauf.

Und so habe ich in den letzten zwei Jahren vom Büro und aus dem Bett fröhlich Kleider, Pullis und Hemden gekauft. Teilweise von Marken, die ich mir sonst nicht leisten könnte. Oft beinah ungetragen. Für drei bis vier Euro. Ganz ohne schlechtes Gewissen. Bei vielen meiner Freundinnen ist es ähnlich: wenn auffällt, dass sie etwas Neues anhaben, wird betont: „Sieht aus wie neu, ist aber von Kleiderkreisel.“ Unsere Botschaft: wir können eben alles sein. Fair und nachhaltig. Stylish und unkompliziert.

In letzter Zeit beschleichen mich allerdings Zweifel, an diesem Konzept. Wenn ich mich durch reihenweise T-Shirts klicke, die von Primark, Zara und H&M kommen und wo „erst einmal getragen“ darunter steht, frage ich mich, wie nachhaltig kann das sein? Und ist das fair? Wie hilft es den Näherinnen in Kambodscha, wenn ich in Deutschland Secondhand-Mode kaufe? Wird durch Portale wie Kleiderkreisel wirklich weniger und unter besseren Bedingungen produziert?

Susanne Wigger-Spintig ist Professorin für Marketing an der Hochschule München. Sie sagt: „Wenn man bei Kleiderkreisel einkauft, geht es eigentlich um das eigene Gewissen: Ich kaufe ja jetzt was Gebrauchtes. Das hat auch den psychologischen Effekt, dass man das Gefühl hat, sich dem Konsumzwang nicht so hinzugeben, weil man sich ja etwas gebraucht kauft. Das hat ja schon mal jemand gehabt.“

So geht es mir auch. Bei Kleiderkreisel einkaufen geht nicht nur viel schneller als im Laden, es ist auch persönlicher, von Nutzerin zu Nutzerin. Aber viele der Verkäuferinnen argumentieren beim Preis gerade damit, dass sie das Hemd oder die Hose praktisch nie getragen hätten. So richtig gebraucht ist das also gar nicht. Also auch nicht nachhaltig. Wigger-Spintig sieht das ähnlich: „Es wird ja viel gekauft, kurz getragen, oder gar nicht getragen und dann weiterverkauft. Der Nachhaltigkeitsnutzen spielt meiner Meinung nach dabei eine untergeordnete Rolle.“ Die Soziologie-Professorin Brigit Blättel-Mink von der Goethe-Universität in Frankfurt kann das bestätigen: „Ich würde bezweifeln, dass man mit Angeboten wie Kleiderkreisel einen relevanten Nachhaltigkeitseffekt erreicht. Ich denke, da geht es eher darum, hip zu sein und letztlich mehr Kleider zu besitzen, oder aber auch die Garderobe häufig zu wechseln."

Wenn wir letztlich mehr Kleider kaufen, die dann aber Secondhand, profitieren dann wenigstens die Näherinnen davon? Die einfache Antwort ist: Nein. „Das hat dann einen Rebound-Effekt. Wenn man auf der einen Seite was Gutes tut oder Ressourcen einspart, dass man auf der anderen Seite das Ersparte für etwas anderes ausgibt.“, sagt Blättel-Mink dazu. Quasi das Flohmarkt-Prinzip, das ich von mir selbst so gut kenne: Einmal alle Sachen im Schrank durchgehen, aussortieren und auf dem Flohmarkt verkaufen. Schon hat man das Gefühl, da ist ja jetzt Platz für Neues. Und dann füllen wir den Kleiderschrank wieder auf, mit neuen Produkten von H&M, Primark und Co. Die bereits unter unfairen Bedingungen produziert und zum Großteil nicht einmal mehrfach getragen wurden.

Schnell, schnell, schnell alles verkaufen, was uns nicht mehr so gefällt. Dieses Prinzip wird von Portalen wie Kleiderkreisel befeuert, man muss nicht einmal mehr den Weg zum Secondhandshop gehen. Wenn bei Kleiderkreisel pro Minute 90 Artikel hochgeladen werden, investieren diese Verkäufer das Geld vermutlich schnell wieder in neue Artikel. Die dann eventuell schon eine Woche später an mich verschickt werden. Ein verdammter Kreislauf.

Es ist also komplizierter als gedacht. Fazit Nummer eins. Und: Wir sind immer eins weniger nachhaltig und fair als wir annehmen: Die Kaufzyklen werden durch Portale wie Kleiderkreisel kürzer und an den Produktionsbedingungen ändert sich absolut gar nichts.

Vielleicht ist das schlechte Gewissen beim Einkaufen also gar nicht so dumm, sondern ein ganz guter Hinweis darauf, dass wir durch viel Einkaufen meistens auch viel Schaden anrichten. Es klingt banal, aber das gute alte „weniger ist mehr“ ist an dieser Stelle vielleicht ein guter Anhaltspunkt. Oder wirklich mal tauschen und nicht kaufen. Auf Kleidertauschpartys im Freundeskreis ist man sowieso meistens weniger gierig und überlegt besser, was einem wirklich gefällt. Man kann dort Sachen anfassen, nicht nur anschauen und es gibt keine nervige Kaufhausmusik. Das grüne Seidenkleid, das ich standardmäßig auf alle Hochzeiten anziehe, ist so ganz fair und nachhaltig in meinen Schrank gewandert.

Text: pia-rauschenberger - Foto: photocase.com / Armin Staudt Berlin

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