Island ist nicht okay

Den Inselstaat umgibt eine Aura von Umweltbewusstsein und politischer Korrektheit. Gerne wird er auch mit dem Adjektiv „mystisch“ beschrieben. Dennoch erleidet das Lieblingsreiseziel alternativ reisender Aussteiger dieser Tage immense Imageschäden. Eine Bestandsaufnahme.
henrik-pfeiffer

Wäre Island eine Frau, läse man über sie in der Gala, denn sie ist ungeheuer schön und ungeheuer reich. Für seine aus Geysiren, Vulkanen, Seen und Fjorden gewachsene Schönheit ist Island mittlerweile berühmt; dass man von ihrem Reichtum im Rest der Welt kaum etwas mitbekommt, liegt einerseits an der isländischen Mentalität, die von Stille und Bescheidenheit geprägt ist, andererseits an der zu Unrecht bestehenden Ignoranz im Ausland. Außer durch Popkünstler wie Björk und Sigur Rós oder Trekkingreisen durch Vulkangebiete hat Island in den vergangenen Jahrzehnten in der Tat selten auf sich aufmerksam gemacht. Islands Relevanz wird gerne mit kuriosen Fakten abgetan, zum Beispiel damit, dass dort eine Elfenbeauftragte im Bauamt sitzt, die überlieferte Elfenwohnungen vor schädlicher Bebauung schützt, oder dass das Telefonbuch nach Vornamen sortiert ist. Ein Sonderling, ein Freak unter den Nationen eben. Dieser Charme wirkt anziehend auf die Alternativen im Ausland, und deren Interesse wiederum schweißt die rund 300 000 Einwohner der größten Vulkaninsel der Welt zusammen. Islands Ausnahmeposition wird zusätzlich durch seine Fortschrittlichkeit unterstrichen. Neidvoll blicken viele westliche Staaten auf ein kontinuierlich steigendes Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum. Gleichzeitig zeigt dieser Neid, wie wenig eigentlich über Island bekannt ist. Denn es ist nicht mehr alles in Ordnung in Island.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

1. Wachstumsraten von bis zu 5 Prozent erforderten seit Mai 2004 insgesamt 18 Interventionen durch die isländische Zentralbank. Um der Inflation Herr zu werden, wurde der isländische Leitzins auf mittlerweile 14 Prozent angehoben. Dadurch entstand eine ausgesprochen heftige Finanzkrise. 2. Viele Isländer haben die vergangenen Jahre als zu rastlos und unruhig empfunden. Ein reaktionärer Wunsch nach Gewesenem wird laut; eine Rückkehr von Traditionen und Werten, die untrennbar mit der isländischen Gesellschaft verknüpft sind, wird herbeigesehnt. Ein EU-Beitritt würde für das an geopolitische Unabhängigkeit gewöhnte Land auch die Einbindung in verbindliche Abkommen bedeuten, die auf dem Kontinent vielleicht Sinn ergeben – aber in Island? 3. Am vergangenen Sonntag ist der erste Finnwal seit 15 Jahren erlegt worden, obwohl der Walfang für Island mittlerweile keinen relevanten Wirtschaftsfaktor mehr darstellt. Im Gegenteil: Abnehmer für Tran und Fleisch sind kaum noch vorhanden, während die Einnahmen aus Whale-Watching-Angeboten für Island-Touristen in den letzten Jahren stetig gestiegen sind, wie die Greenpeace-Walexpertin Stefanie Werner erklärt. Verboten ist der Walfang zwar nicht, allerdings hatte sich Island seit 1995 an das Moratorium der Internationalen Walfangkommission IWC gehalten. Gemeinsam mit Norwegen, das ebenfalls nach entsprechender Ankündigung zum kommerziellen Walfang zurückgekehrt ist, bildet Island nun eine Art Nordmeer-Achse der Harpunen.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

4. Das vermeintlich unkaputtbare Umweltbewusstsein Islands wird außerdem durch eine zunehmende Ausbeutung einer scheinbar endlos vorhandenen Ressource geschmälert: Wasser. Es gibt in Island so viel davon, dass es verwunderlich klingt, wenn man in diesem Zusammenhang von Ausbeutung spricht. Islands Energieversorgung wird – den meisten Staaten zum Vorbild - beinahe vollständig durch die Nutzung von Wasser oder Wasserstoff und anderen regenerativen Energiequellen gewährleistet. Die optimale Energiesituation und die endlosen unbebauten Weiten des Landes sind verlockend. An der Ostküste Islands, an der eisfreien Bucht von Reydarfjordur, errichtet der amerikanische Aluminiumkonzern Alcoa gerade ein neues Aluminiumwerk, für dessen Stromversorgung ein eigenes Wasserkraftwerk benötigt wird. Abgesehen davon, dass Aluminiumwerke an sich schon als fieseste Umweltbedrohung gelten, muss für das neue Alcoa-Werk obendrein der größte Steinschüttdamm Europas, der Kárahnjúkardamm, errichtet werden. Für seinen Bau wurden drastische Einschnitte in die sensible Landschaft vorgenommen – mit schwer absehbaren Folgen.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Islands Fassade bröckelt bedenklich. Da hilft auch Sigur Rós’ verwirrte Traumsprache nicht, kein Wal- und kein Björkgesang. Die Elfen vielleicht, aber verlassen würde ich mich darauf auch nicht. Fotos: Maria Riesenhuber, Markus Goeres

  • teilen
  • schließen