Keine neuen Freunde mehr, bitte!

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Wollte man das Vokabular für romantische Beschnupperungs-Prozesse auf Freundschaften übertragen, dann ließ ich Anna wohl abblitzen. Wobei es anfangs gut für uns aussah. Das erste Mal begegneten wir uns orientierungslos vor unserer Fakultät. Wir waren beide zu spät für die Einführungsveranstaltung zu unserem Studiengang. Zusammen suchten wir den Raum, schlichen uns in die letzte Reihe und schrieben eifrig jedes Wort des Dozenten mit. Als verunsicherte, kontakthungrige „Erstis“, die wir waren, reichte dieses Erlebnis, um uns zu Verbündeten zu machen. Abends schrieben wir uns SMS, in denen wir unsere Freude über die Begegnung mit der jeweilig anderen bekundeten. In Gedanken verglich ich Anna und mich bereits mit meiner Patentante und meiner Mutter, die sich auch bei der Orientierungswoche ihres Studiums kennengelernt hatten.

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Illustration: Julia Schubert

Das Freunde-Reservoir ist voll. 

Das war wohl der erste Hinweis, dass ich nur krampfhaft nach einer Bezugsperson in meinem neuen Leben suchte und deshalb den individuellen Charakter der Person vernachlässigte.

Denn als mein Kontaktheißhunger abklang und wir die Smalltalk-Ebene verließen, merkte ich, dass ich Anna als Person gar nicht besonders spannend fand. Zunehmend langweilten mich unsere Gespräche, in denen sie so gut wie allem, was ich sagte, bedingungslos beipflichtete. In Vorlesungen nervte es mich, wenn sie versuchte, eine Unterhaltung zu beginnen, während ich zuhören wollte. Ich empfand sie mehr und mehr als zu anhänglich und uneigenständig. Die Freundschaft mit Anna gab mir keinen Input, sie wurde für mich unattraktiv.

Als ich das realisierte, hatte sie mich allerdings schon unter „Bezugsperson“ abgespeichert. Das passte ja auch zu den Signalen, die ich ihr anfangs vermittelt hatte. Ich begann, mich zu entziehen und ließ unseren Kontakt ausplätschern. Irgendwann wechselte Anna den Studiengang und damit erledigte sich das Thema Freundschaft endgültig.

Ich dachte eigentlich, ich sei eine Menschenfreundin

Allerdings rüttelte dieses Erlebnis an meinem Selbstverständnis: Eigentlich gehöre ich zu der Sorte Mensch, die melancholisch wird, wenn sie sich von ihrem Sitznachbarn im Flugzeug verabschiedet. Es gibt einen Teil in mir, der möchte, dass alle Menschen, mit denen ich je schöne Begegnungen hatte, mich auf ewig durch mein Leben begleiten. Deshalb dachte ich stets, dass ich jeden Menschen, sofern er Interesse daran hätte, in mein Leben lassen würde. Ich hielt mich für eine Menschenfreundin - bis ich auf Anna traf und merkte, dass mir meine Zeit und Energie zu wertvoll ist, um sie in eine Beziehung zu investieren, von der ich mir nichts verspreche.

Seitdem fällt es mir öfter auf, dass ich genau abwäge, ob ich jemand neues in meinem Leben haben will. Bei der Kommilitonin, die ich „ganz nett“ finde, beim Typen, der nach einem funkenlosen Date mit mir befreundet sein will oder bei meiner alten Mitbewohnerin – ich merke, dass ich nicht mehr bereit bin, für diese Menschen meine Abende zu opfern. Denn ich habe mich eingerichtet in diesem Studium, in dieser Stadt. Meine Wochen und Wochenenden sind vollgestopft. Die freie Zeit gewinnt an Wert. Ich habe bereits tolle Freunde, mit denen ich viel rede. In meinem Studium denke ich viel. Da erscheint es mir zu mühsam, die Dinge zu tun, die nötig sind um aus einer Bekanntschaft eine Freundschaft zu machen. Mich in weitere Menschen hineinzuversetzen, ihre Geschichten zu hören und meine zu erzählen. Der Gedanke, in das Leben einer weiteren Person verwoben zu werden, und diese Person auch in mein Leben einzubinden, bedeutet für mich  momentan eher Sozialstress als Spaß.

Ich würde es nicht kategorisch ausschließen noch neue Freundschaften zu knüpfen, denn träfe ich jemanden, mit dem ich „voll auf einer Welle“ wäre, dann würde ich ja doch die Zeit finden. Aber man könnte sagen, dass ich meine Standards erhöht habe. Ich wohne nicht mehr in einem 3000 Seelen-Kaff, bin nicht mehr Austauschschülerin oder Erstsemester – ich befinde mich also nicht mehr in einer Phase, in der man mit Menschen abhängt, nur weil sie Menschen sind.

Manchmal meldet sich dann trotzdem der Toleranz-Imperativ bei mir und sagt, dass ich weltverschlossen und kapitalistisch bin – weil ich instinktiv überlege, was ich aus einer Freundschaft ziehen kann, bevor ich sie eingehe. Anderseits: Ist es nicht besser, wenige intensive Beziehungen pflegen, als zig Leute nur zu streifen? Es ist ja auch ein sehr befreiendes Gefühl, nicht mehr auf neue Freunde angewiesen zu sein. Meine Begegnung mit Anna lehrte mich zumindest, dass ich womöglich sogar offener anderen Menschen gegenüber bin, wenn ich nicht krampfhaft nach Freunden suche. Dann fallen einem auch schneller deren Eigenheiten auf – und man kann die Freundschaft beenden, bevor sie richtig losgegangen ist.

Text: mariel-mclaughlin - Collage: Daniela Rudolf

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