Kommunikation über Bande: Warum das Internet uns fertig macht

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Obwohl ich seit über einem Jahr nicht mehr mit ihm gesprochen habe und obwohl er vor einem halben Jahr in eine andere Stadt gezogen ist, weiß ich ziemlich genau, was mein Exfreund so macht. Ich gestehe, ich stalke ihn – Cyberstalking nennt man das und es ist eine der schwierigsten Nebenwirkungen, die uns das Internet bisher beschert hat. Nicht, dass ich ihn mit Post oder Mails nerven würde, das wäre mir viel zu peinlich. Ich schaue nur immer wieder auf die Websites, auf denen er sich tummelt, ich besuche sein Gästebuch, die Gästebücher derer, die sich mit ihm unterhalten, ab und zu googel ich ihn und ganz, ganz selten schaue ich auch auf der Homepage seiner Arbeitsstelle vorbei.

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Illustration: Julia Schubert

Was ich dabei herausgefunden habe? Ich weiß, dass er vor kurzem befördert wurde, ich weiß, dass er viel ausgeht in der neuen Stadt und offensichtlich hatte er seit unserer Trennung zwei eher ernste Beziehungen (oder doch nur Affären?) mit anderen Mädchen. Was ich nicht weiß: ob er noch an mich denkt, ob ihm sein Job Spaß macht, wie die Beziehungen mit den anderen Mädchen gelaufen sind und ob er gerne in dieser neuen Stadt lebt. Ich weiß nur, was er aus Versehen in der Öffentlichkeit preis gibt und den Rest denke ich mir dann dazu. Ich bin eine so gute Kombiniererin geworden, ich könnte Sherlock Holmes Konkurrenz machen. Nur: Das alles bringt mir überhaupt nichts. Im Gegenteil: Dadurch, dass ich mich immer noch fast zwanghaft mit ihm beschäftige, ihm hinterherspioniere, kann ich ihn nicht vergessen und komme mir darüber hinaus auch noch dumm, gemein und irgendwie fast kriminell vor. Das einzig Tröstliche daran ist: Ich befinde mich in guter Gesellschaft. Jeder, den ich kenne und der das Internet regelmäßig nutzt, hat schon Freunde und Exfreunde gegoogelt, ich weiß von zwischenmenschlichen Dramen, die sich abspielen, weil Gästebuch-Einträge missverstanden werden, weil nicht rechtzeitig auf Botschaften und Mails reagiert wird, ach, weil überhaupt der andere sich mehr mit jenem User als mit einem selbst unterhalten hat. Ich kenne ein Paar, das sich online kennen lernte, dann auch offline zusammen war und wegen eines Online-Streits nun gar nicht mehr miteinander spricht – weder online noch in der echten Welt. Eine andere Hürde der modernen Welt sind die Selbstauskünfte, die man in Social Network-Seiten wie myspace, jetzt.de oder StudiVZ ausgibt. Klar ist es praktisch, wenn man ankreuzen kann, dass man gerade verliebt ist, so wird man von Flirtversuchen verschont und kann anderen sehr leicht klarmachen, worauf es einem selbst ankommt. Nur bekommt dieser Status, den man sich selbst gegeben hat, eine extrem wichtige Bedeutung, wenn man sich in einer Beziehung ändert. Wie lange sollte man nach einer Trennung warten, bis man seinen Beziehungsstatus wieder auf Single klickt? Warum verletzt das den anderen so sehr, wenn man nur den realen Zustand auch Online abbildet? Und wer bekommt das eigentlich außer uns beiden noch mit? Im Zweifelsfall eine Menge.

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Illustration: Julia Schubert

Als der Wrestler Chris Benoit vor einigen Wochen seine Frau und seinen siebenjährigen Sohn tötete und sich im Anschluss das Leben nahm, wurde kurz nach den Morden sein Wikipedia-Eintrag durch die Meldung, dass Benoit seine Frau ermordet habe, verändert – vierzehn Stunden, bevor die Polizei die Leichen entdeckte. Der anonyme User meldete sich später und gab an, dass er Gerüchte gehört hätte und daraufhin den Eintrag änderte. Dass er tatsächlich Recht hatte, sei ein großer Zufall und er sei zutiefst betrübt darüber. In einem ähnlichen, aber sehr viel weniger schlimmen Fall, wurde Anfang des Monats der Wikipedia-Eintrag des semi-bekannte Bloggers Trent Vanegas verändert. Der hatte sich kurzzeitig von seinem Freund getrennt, woraufhin sein Eintrag sofort aktualisiert wurde und der genaue Trennungs-Zeitpunkt eingetragen wurde. Kurze Zeit später kamen die beiden wieder zusammen und auch der Eintrag wurde gelöscht. Im Falle des Wrestlers kann es sich um einen sehr großen Zufall handeln, im Falle Trents ist es sehr viel wahrscheinlicher, dass die Informationen über ihn von ihm oder einem anderen Menschen als – wenn nicht Druckmittel – so dennoch als Selbstauskunft und möglicherweise als Abgrenzungsmittel in einer sehr persönlichen Auseinandersetzung genutzt wird. All das können wir tun und wir machen es auch. Immer wieder, weil es so einfach ist und einem vermeintlich hilft, das eigene Sozialleben organisiert zu halten. Aber ich bin davon überzeugt, dass wir emotional und geistig hinter diesen technischen Errungenschaften Jahrzehnte hinterherhinken. Und dass uns all diese technischen Möglichkeiten immer nur Verdruss bringen, anstatt uns zu helfen. Und deshalb werde ich ab morgen, Versprochen!, auch aufhören, meine Kommunikation über die Bande des Netzes laufen zulassen und nur noch von Angesicht zu Angesicht mit den Menschen sprechen, an denen mir etwas liegt. Nur heute muss ich unbedingt noch mal in das Gästebuch meines Exfreundes schauen. Anscheinend hat er sich mit einem neuen User unbekannten Geschlechts angefreundet. Und das passt mir, ganz ehrlich, überhaupt nicht. Mach den Test: welcher Eintrag gehört zu welchem Gästebuch? Illustrationen: katharina-bitzl

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