Krieg in Springfield: Wie Simpsons-Fans zu harten Kritikern werden

Diese Woche wurde der erste Trailer zum Simpsons-Film veröffentlicht. Anstatt sich zu freuen, schimpfen die meisten Fans über das Filmprojekt und wollen "das Studio in die Luft jagen". Warum die größten Fans manchmal zu den härtesten Kritikern werden: Ein Erklärungsverusch am Beispiel der Simpsons.
tobias-moorstedt

Wahrscheinlich ist Matt Groening selbst Schuld. Der Erfinder der Simpsons hatte in mehreren Interviews gesagt, dass es einen Kinofilm mit der gelben All American Family erst geben werde, „wenn die Show ausgelaufen“ ist. Kein Wunder, dass die Fans das Filmprojekt lange Zeit wie einen Feind gehasst haben. 90 Minuten Unterhaltung gegen die Lieblingsserie - kein echter Fan würde auf diesen Handel eingehen. Und vielleicht hat sich diese Angst so tief in die Gehirne der Simpson-Community eingegraben, dass sie nun trotz Weiterlebens der Serie auf die ersten Bilder des Kinofilms nur negativ reagieren konnten: „Eine Zeitverschwendung“, heißt es in einem Forum. Oder: „Ich erwarte mir Nichts.“ Und nur manchmal traut sich einer anzumerken, dass da doch ein Traum dabei sei, wahr zu werden. 90 Minuten lang Simpsons > drei Episoden = drei Mal so viel Spaß? Als ob es so einfach wäre. Wie bei einer Filmpremiere Am 27. Juli 2007 läuft der Film in den Kinos auf der ganzen Welt an. Vor einigen Tagen bereits wurde der erste offizielle Trailer veröffentlicht, begleitet von einem Medienrummel wie bei einer Filmpremiere. Der Simpsons-Haussender Fox lies einen Countdown bis Mitternacht auf dem Bildschirm laufen. Tageszeitungen in den USA druckten die URL, unter der man den Clip ansehen konnte. Zu sehen bekam die Gemeinde einen 1:25 Minuten langen Clip, der wenig Rückschlüsse auf den Plot erlaubt: eine computeranimierte, quietschbunte Wald- und Wiesen-Welt, ein kleines Häschen führt zusammen mit Gänseblümchen eine Steptanz-Revue auf, während eine Stimme aus dem Off die neue Animationsfilm-Sensation ankündigt: dann fallen die Buchstaben „2D“ wie ein schwerer Stein auf das süße Tierchen. Und wirklich könnte der Simpsons-Film ja der erste Zeichentrickfilm seit Jahren sein, der die Alleinherrschaft von PIXAR und CGI bricht. Danach folgt eine Sequenz, in der Homer an einer Abrissbirne hängt, und zwischen einem Granitfelsen und einem Restaurant hin und her geschleudert wird. Der Name der Kneipe: „A Hard Place“.

Ta-Da! Der offizielle Trailer zum Film. Der Clip heizte die Diskussion in den Fan-Foren wieder an. Auf alt.tv.simpsons, simpsonschanell.com oder nohomers.net fanden sich binnen Stunden viele Tausend Einträge. „Mehr fällt ihnen nicht ein?“, hieß es da zum Beispiel, „abstoßend und scheußlich“, oder: „Ich werde das verdammte Studio in die Luft jagen, damit sie sich nicht versündigen.“ Nur manchmal traute sich jemand anzumerken, dass man da doch einem Traum wieder einen Schritt näher gekommen sei. Slapstick und die Redundanz des Schmerzes sind alte Stilmittel der Serie. Eine berühmte Szene aus der Episode „Cape Fear“ zeigt die Figur Sideshow Bob, die ein Hausboot verlässt. Auf dem Steg liegen – selbstverständlich ohne Grund – ein paar Dutzend Laub-Rechen. Natürlich tritt Bob auf einen Rechen. Und nicht ein oder zwei Mal, sondern genau neun Mal schlägt der Holzstiel unter seiner gelben Nasenwurzel ein. Spätestens ab der sechsten Wiederholung ist das unglaublich komisch. Eigentlich ist der Filmtrailer also ein Zeichen für Kontinuität. Es macht die Hardcore-Fans verrückt, dass so wenig Material zur Verfügung steht. Neben dem Trailer existieren nur noch zwei schwarz-weiße Animations-Skizzen, die im Sommer auf der Konferenz „Comic Con“ gezeigt werden. In der ersten greift ein wütender Mob das Simpsons-Haus an, wie eine Horde Orks die Burgen bei „Herr der Ringe“. In der zweiten wird Homer von Schlittenhunden angegriffen und in der Eiswüste zurück gelassen. „Nein!“, der Schmerzenschrei und Trademark-Slogan von Homer ist in den ersten Clips oft zu hören. „Sie übertreiben es ein bisschen mit den Homer-Schmerzen-Gags”, meint ein Simpsons-Fan. Ein anderer vermutet, dass „der Slapstick und die Unfälle in dem Trailer nur das Mainstream-Publikum anlocken sollen.“

Eine der beiden Animations-Skizzen, die im Sommer vorgestellt wurden. Der Trailer ist „auf dem Niveau der letzten Folgen“, heißt es oft. Das ist kein Kompliment. Die Serie läuft im achtzehnten Jahr, und es gilt in der Szene als ausgemacht, dass das Niveau spätestens seit 1999 stark nachgelassen hat, dass sie Probleme mit dem Timing der Gags haben, oder, wie Chris Turner in dem sehr empfehlenswerten Buch „Planet Simpson“ schreibt, „dass schrulliger Stil und kinetische Handlung über solide Charaktere und satirische Texte triumphieren.“ Die Zeit zwischen 1992 und 1997 gilt als „golden age“ oder „classic era“. In letzter Zeit aber zeigten die Autoren „keinen Respekt für die Figuren, die Institution und das Erbe der Simpsons“, wie sich der Nutzer „veteran“ auf alt.tv.simpsons beschwert. Die Fans fühlen sich integrer und leidenschaftlicher als die Werk-Schöpfer, als die Hüter der reinen Lehre. Aus Liebe wird Hass In Springfield gibt es sogar eine Figur, die diesen manischen Fans gewidmet scheint. Der „Comic Book Guy“ - ein dicker, popsüchtiger Nerd, der nur vor dem Computer hängt, keine Freunde hat und Star Wars-Kostüme und Plastikpuppen sammelt - und sich in einer Folge mal von einem Autoren-Alter Ego anschreien lassen muss: Warum tragen Sie denn ein ‚Genius at work’-T-Shirt, wenn Sie den ganzen Tag damit verbringen, eine Kindersendung zu gucken.“ Es ist eine Mischung aus Kameraderie und Antipathie, die die Autoren und Hardcore-Fans verbindet. Und gerade bei den Fans wandelt sich die Zuneigung schnell in beißende Kritik. Kein Wunder, nur was man liebt, kann einen auch verletzen. Und echte Zuneigung verwandelt sich schneller in Hass, als dass aus Indifferenz ein echtes Gefühl werden könnte. „Ich bin besorgt“, heißt es also in den Foren. „Ich habe Angst.“ Oder: “Ich bete, dass der Film nicht allzu schlecht wird.“ Hier wird eine Verletzlichkeit spürbar, die viele Fans hinter den rüden Worten nur verstecken möchten. Die Mutterfirma von FOX, Rupert Murdochs Newscorp, kündigte bereits an, mit ihren Zeitungen, Internet-Portalen und TV-Sendern einen der größten Marketing-Feldzüge der Geschichte zu unternehmen und rechnet am Ende mit vielen Hundert Millionen Dollar Gewinn. Dass der Film ein kommerzieller Erfolg wird, steht außer Frage: Die Simpsons sind die am längsten laufende Serie in der US-Geschichte, haben 23 Emmys gewonnen und einen Stern auf dem Hollywood-Boulevard. Die Gerüchteküche brodelt weiter: Vor kurzem hieß es, dass der Allstar-Organist Hans Zimmer für den Soundtrack verpflichtet wurde. Prompt wurde in den Foren eine Online-Kampagne gestartet, welche den eigentlichen Komponisten der Serie, Danny Elfman, zurück holen sollte. Der Kampf zwischen Autoren und Fans geht weiter. Es geht schließlich um alles. „Der Film wird die Show entweder total erneuern oder umbringen“, meinte Matt Groening vor kurzem in einem Interview. Es ist ja auch ein heikles Projekt. Der Transfer von Kulturprodukten in ein neues Medium ist schon oft gescheitert und hat die Fanbasis verärgert. „Hulk“, „Fantastic Four“ oder „Scooby Doo“ sind nur ein paar Beispiele. Auch der Produzent James L. Brooks gab kürzlich zu, dass es schwierig sei, aus einem 30-Minuten-Format ein 90-Minuten-Feature zu machen: „Wir haben lange und hart gearbeitet, als wir merkten, dass ‚Snakes on a Plane’ den gleichen Plot hatte“. Zwar kann man sich Homer mit wild gewordenen Schlangen in einem Flugzeug ganz gut als Slapstick-Szene vorstellen, viel wahrscheinlicher ist aber, das Brooks in der Aussage keine Interna preis gab, sondern auf die Produktionsweise von „Snakes“ anspielte. Der wurde nämlich in enger Kommunikation mit der Blogosphäre und B-Movie-Newsgroups gedreht – und floppte. Das soll uns nicht passieren, meint Brooks bestimmt. Also haltet die Klappe, Fans. Und genießt die Show. Clips: foxmovies

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