Lass mich in Ruhe, Fernsehen!

Die crossmediale Welt kennt keine Grenzen: Statt einfach nur entspannt fernzusehen, sollen wir mit den Protagonisten in Kontakt treten und über Doku-Themen online abstimmen. Das nervt.
feline-gerstenberg

Vor einigen Tagen habe ich auf Facebook Kate Harff abonniert. Täglich postet die Ende 20-Jährige Bilder wie einen abgehackten Fuß, der sich in einer Bügel-Schlagfalle verfangen hat oder triste Gemälde wie das eines Mädchens mit Nasenbluten von Gerard Dubois. Kate existiert aber nicht wirklich. Sie ist die Erfindung des Fernsehsenders Arte. Am 27.4. startet die Serie „About:Kate“, in der die Schauspielerin Natalia Belitskisie eine junge Frau verkörpert, die sich in eine Nervenklinik einweist. Sie kommt mit der digitalen Welt nicht mehr zurecht und schon gar nicht mit Facebook. Einerseits möchte sie sich dem sozialen Netzwerk entziehen, andererseits kann sie ohne die täglichen Posts nicht leben.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Fernsehproduzenten denken neuerdings, dass sie junges Publikum mit Facebook unc Co. anlocken können

Um das deutsche Fernsehen aufzufrischen, hat sich der Sender überlegt, aus der Serie ein crossmediales Projekt zu machen. Für Kate wurde ein eigenes Facebook-Profil angelegt, damit man sich mit ihr austauschen kann. Während des Klinik-Aufenthaltes hat sie den Laptop und ihr Handy immer dabei. Die Zuschauer werden dazu aufgerufen, auf der Website zur Serie Aufgaben zu erledigen, wie beispielsweise Schnappschüsse zu dem Thema „Untervögelt“ hochzuladen. Sie können aber auch willkürlich Videos und Bilder mit Bezug zur Serie im sogenannten Gruppenraum einstellen. Egal was, Hauptsache die Zuschauer fühlen sich am Geschehen beteiligt. Und wer weiß, vielleicht tauchen ihre Beiträge in irgendeiner Form in der Serie oder auf Kates Facebook-Seite wieder auf. Außerdem gibt es die Möglichkeit, parallel zur Sendung das digitales Handeln Kates in Echtzeit mit zu verfolgen. Das passiert mit Hilfe einer App, die alles, was sie anklickt, gleichzeitig an das Smartphone des Zuschauers schickt. Statt einfach nur fernzusehen, sollen wir nebenbei also auch noch unser Smartphone oder Tablet in den Händen halten. Das Fernsehen denkt: Die modernen Menschen da draußen wollen es nicht anders. Ich denke: Reizüberflutung olé!

Statt das Projekt erfrischend zu finden, ekeln mich Kates Posts auf Facebook an. Sie lösen in mir Verwirrung aus, ich frage mich: Was soll das Ganze? Warum sollte ich mit meinem Tablet-PC vor dem Fernseher sitzen und Bilder von abstrusen Gemälden in einen sogenannten "Gruppenraum" hochladen? Warum sollte ich während des Fernsehschauens einen Psychotest machen, um herauszufinden, wie verrückt ich möglicherweise selber bin? Fernsehen bedeutet für mich in erster Linie Entspannung und Unterhaltung, in zweiter Linie schaue ich es, um mich zu informieren. Ob ich nebenbei im Internet unterwegs bin, etwas nachschlage oder hochlade, ist meine Entscheidung, ich möchte das, wenn überhaupt, unabhängig von der Sendung tun.

Wie gesagt, eine Sendung über eine junge Frau, die mit der digitalen Welt nicht klar kommt, empfinde ich eher als abstoßend. Ich frage mich, warum genau dieses Thema ausgewählt wurde, um junge Leute zu erreichen. Denn einerseits steckt Kate selber in einer Krise, weil sie zwischen Realität und Fiktion nicht mehr unterscheiden kann, andererseits wird genau dieses Gefühl beim Zuschauer kreiert: nicht mehr zu wissen, was real ist und was nicht. Gehen die Produzenten davon aus, dass wir alle psychisch instabil sind, weil wir täglich vor dem Laptop und unseren Smartphones sitzen und deshalb gut mitreden können? Wer wirklich nervenkrank ist oder Freunde hat, die es sind, wird vermutlich keine verstörten Bilder hochladen, nur weil Arte das irgendwie für „hip“ und „jung“ erklärt.

Das Projekt wirkt wie ein Spiel, bei dem es darum geht, eine junge Frau in einem Schaukasten zu beobachten. Wie einem Tier kann man Kate „Kunststücke“ beibringen, nur eben, indem sie mit den hochgeladenen Beiträgen in Resonanz geht und sie in irgendeiner Art ihrem Bewusstseinsstrom zuordnet. Wer die besten, einfallsreichsten Beiträge hochlädt, hat gewonnen. Wie ernst die Themen Nervenkrankheit und digitale Überforderung eigentlich sind, wird dabei außen vor gelassen. Hauptsache die Quoten stimmen.

Ich will schon allein deshalb nicht am Social-TV-"Angebot" des Senders Arte mitwirken, weil ich mich dadurch instrumentalisiert fühle. Jeder aktive Zuschauer dient als Werbung für den Sender. Jedes hochgeladene Foto steigert den Bekanntheitsgrad der Sendung, denn alles ist schließlich mit Facebook vernetzt. Jeder kann sehen, was ich auf Kates Pinnwand schreibe und welchen Kommentar ich unter ihren Videos lasse. Ich möchte das nicht.

Es gibt unzählige Beispiele für die zugegebenermaßen nicht mehr ganz neue Masche des Fernsehens, den "jungen, netzaffinen Zuschauer" zu erreichen. Auch der 34-Jährige TV-Schönling Daniel Bröckerhoffer findet, dass bloßes Fernsehen nicht mehr ausreicht. Er hat Anfang April ein Projekt mit dem Namen „st_ry“ gestartet, bei dem die Zuschauer selber mitbestimmen können, über welches Thema sie eine Dokumentation sehen wollen, die anschließend im Netz ausgestrahlt wird. Ganz innovativ, transparent und frei von irgendwelchen Interessen- und Auftraggebern. Aber warum müssen Facebook und Twitter da wieder mit im Spiel sein? Während der Dreharbeiten hält Daniel die Zuschauer nämlich mit Hilfe der sozialen Netzwerke über den aktuellen Stand der Dokumentation auf dem Laufenden. Leider klingen die Themenvorschläge ungefähr so relevant und aktuell, wie die Frage nach der Einführung von Schuluniformen: ob digitale Liebe die bessere sei oder ob das Netz die Heilung für Politik sei, stehen beispielsweise zur Auswahl.

Anscheinend lautet die Devise vieler TV-Produzenten also gerade: Arbeite crossmedial und die jungen Zuschauer liegen dir zu Füßen. Statt einfach nur einen Film anzusehen, werden wir aufgefordert, uns in das Geschehen einzumischen und am besten noch mehr Zeit vor Facebook und Twitter zu verbringen. Das Bild, das die Produktionsfirmen von uns haben, sieht also wie folgt aus: alles, was mit sozialen Netzwerken zu tun hat, macht uns Spaß und interessiert uns. Wann immer wir die Aufforderung bekommen, Bilder oder Videos hochzuladen, sind wir direkt dabei.

Obwohl ich Kate Harff bei Facebook abonniert habe, finde ich das Projekt alles andere als „hip“. Ihre depressiven Bilder möchte ich nicht sehen und ich frage mich andauernd, welcher Mensch die Sachen eigentlich ständig postet. Ist es die Schauspielerin Natalia, die Kate verkörpert oder irgendein Mitarbeiter von Arte? Und werden sie dafür bezahlt, die Bilder und Musikvideos hochzuladen? Es gehört ja schließlich zum Projekt. 



Zwar finde ich die Idee gut, dass sich das Fernsehprogramm näher an den Interessen des Publikums orientieren möchte, aber das muss ja nicht gleichzeitig heißen, alle Medien einmal in einen Pott zu werfen und dann zu sehen, was dabei raus kommt. Nur, weil es um Facebook geht, heißt es noch lange nicht, dass ein Projekt für junge Leute interessant ist. 



Denn genau wie Kate, versuche auch ich, dem digitalen Wirrwarr zu entkommen, statt immer mehr Zeit mit meinem Smartphone zu verbringen. Mir Filme online anzusehen, weil ich sie im Fernsehen verpasst habe oder Videos auf meinem Handy anzusehen, finde ich super. Aber da hört meine Liebe zur crossmedialen Welt auch schon auf.



Text: feline-gerstenberg - Illustration: marie-claire nun

  • teilen
  • schließen