Liebe Linke

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Liebe Linke, wer behauptet, er könne seine politische Einstellung frei wählen, der lügt. Ob wir konservativ, rechts, links oder grün sind, wird meist durch unser Elternhaus bestimmt – und wenn es den Pol festsetzt, gegen den man rebelliert. Ich wuchs auf mit einem Opa, der als Bierbrauer sieben Kinder ernährte und 40 Jahre lang die SPD wählte. Mein Vater verehrte Willy Brandt und hatte Verständnis für Oskar Lafontaine, als dieser 1999 sein Amt als Finanzminister hinwarf, weil die Partei Brandts keine deutschen Soldaten ins Ausland schicken sollte. Ich fand es tragisch, dass es ausgerechnet die SPD sein musste, die mit den Hartz-Reformen die größten Einschnitte ins soziale Netz vornahm. Ich hatte Verständnis für deren Notwendigkeit, aber ich hatte mindestens ebenso viel Verständnis für Menschen, die in der SPD nun keine Heimat mehr sehen konnten und daraufhin die WASG gründeten. Mir kam Oskar Lafontaine zwar immer eitel und machtfixiert vor, aber ich gestand ihm auch Konsequenz und Geradlinigkeit zu. Ich verstehe, dass ein wirtschaftlich so vernetztes Land wie Deutschland eine internationale Verantwortung trägt und dass dies – so traurig es ist – auch manchmal Krieg bedeuten kann (oder „kriegsähnliche Zustände“). Noch besser verstehe ich aber Menschen, die der Meinung sind, deutsche Soldaten haben in den letzten 100 Jahren genug Leid verursacht. Es ist naiv und dumm, „gegen die Globalisierung“ zu sein, aber ich verstehe jeden, dem die wachsende Macht von wenigen internationalen Großkonzernen unheimlich ist. Ich weiß, dass Che Guevara ein Mörder und kein Popstar war, aber mir ist sein Gesicht auf T-Shirts immer noch lieber als Eiserne Kreuze und chauvinistische Deutschtümelei. Es ist schwierig geworden, zu definieren, was heute „links“ bedeutet, aber im Zweifel war mir das schwammige Attribut immer lieber, als mich "rechts" einzuordnen. Manchmal kamst du, liebe Linke, mir mit deinen Positionen ein bisschen nostalgisch und weltfremd vor; als gäbe es noch gute, ehrliche Arbeiter die gegen Kapitalisten mit schwarzen Zylinder kämpften. Es war, als träumtest du einen alten Traum, den andere längst aufgegeben hatten. Aber Träumer sind nicht unsympathisch und mit Gregor Gysi hast du einen der charismatischsten und klügsten Politiker dieses Landes in deinen Reihen. Ich kann mich an einige Male erinnern, an denen ich die Fragen des Wahl-O-Mats beantwortete und am Ende hatte ich nicht die meisten Übereinstimmungen mit der Partei, die ich immer wähle, sondern mit dir. Warum ich dich dann trotzdem nicht wählte, lag daran, dass ich meine Stimme nicht ehemaligen Stasi-Spitzeln und Parteibonzen geben wollte. Ich weiß, irgendwann muss man auch vergessen können und nach vorne blicken. Mit Kiesinger war ja in den Sechzigern auch ein ehemaliges NSDAP-Mitglied Bundeskanzler der BRD. Und schließlich gibt es in Deutschland seit Jahren eine Mehrheit links der Mitte und die kann nicht ewig von einer Minderheit rechts der Mitte regiert werden. Unter den Patt-Situationen in Hessen und Nordrhein-Westfalen leiden alle, am meisten aber die Wähler. Früher oder später müsste und würde es wohl eine rot-rot-grüne Koalition im Bund geben. Und diese neue Verantwortung würde die letzten Irren aus deinen Reihen realistischer werden lassen. Vorher aber wäre eine deutliche Distanzierung von Mauerschützen, Stasi-Spitzeltum, Antisemitismus und Kommunismus gut und notwendig gewesen. Was du am Mittwochabend bei der Wahl des Bundespräsidenten getan hast, war jedoch genau das Gegenteil. Joachim Gauck stand für Aufarbeitung und Neuanfang, Luc Jochimsen für Trotz und Immer-Dagegensein. Gauck ist Ostdeutscher und er steht für all die Menschen, die 1989 das Wunder vollbracht haben, den Unrechtsstaat DDR friedlich kollabieren zu lassen. Nachdem du im dritten Wahlgang darauf verzichtet hast, die Kandidatin Luc Jochimsen nochmals antreten zu lassen, stimmtest du trotzdem nicht für Joachim Gauck, sondern enthieltest dich der Stimmen. Besser hättest du dein ewiges Dagegensein nicht ausdrücken können: Deutschland hat jetzt einen konservativen Bundespräsidenten namens Christian Wulff, den niemand haben will. Anstatt endlich das notwendige Zeichen zu setzen – für ein neues, modernes Linkssein, das sich von den Betonköpfen der Vergangenheit emanzipiert hat – hast du gezeigt, wie sehr du in Ostalgie, DDR-Verklärung und Stasi-Beschönigung verhaftet bist. Du hast all den Leuten, die lange Hoffnung auf eine junge, linke Partei gesetzt hatten, gezeigt, dass du noch immer mit einem Bein in der DDR stehst und deine gesellschaftsliberalen Positionen politische Kosmetik sind. Mir wäre es am liebsten, wenn du von nun an dorthin verschwindest, wo du hingehörst: In den Sumpf unterhalb der Fünf-Prozent-Hürde. Viele Grüße noch

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