Macht es nicht selbst!

Angeblich steigt der emotionale Wert eines Geschenks, wenn es von eigener Hand gefertigt wurde. So ein Unsinn, findet unsere Autorin und fordert: Schluss mit dem Dilettantentum!
juliane-frisse

Die Selbermacher-Portale Etsy und Dawanda gehören zu den Orten, an denen man tief in die Abgründe menschlicher Kreativität blicken kann. Tatsächlich kann man dort einiges zauberhaftes Handgemachtes erwerben - wenn man es denn zwischen den vielen Scheußlichkeiten entdeckt, die dort hauptsächlich feilgeboten werden. Mit Serviettentechnik bearbeitete Aufbewahrungsboxen, Ohrringe mit Filz-Applikationen: Über manche Dinge mag man vielleicht noch urteilen: Hmmm. Interessant! Oder: Geschmackssache.

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Illustration: Julia Schubert



Doch auf den DIY-Marktplätzen gibt es Hässlichkeiten, über deren Schöpfer man spontan Strafen für Erregung öffentlichen Ärgernisses verhängen möchte. Und ganz offenbar glauben die Selbermacher, dass sogar jemand bereit sein könnte, für ihre ästhetisch fragwürdigen Kreationen Geld auszugeben.



Anscheinend denken Menschen automatisch, etwas sei einzigartig, wunderschön und an sich wertvoll, weil es durch ihre eigenen Mühen entstanden ist. Es ist ein bisschen wie wenn Menschen Eltern werden: Dieses Geschöpf, das mit ihrem Chromosomensatz ausgestattet und aus ihrem Bauch gepresst wurde, muss einfach etwas ganz Besonderes sein. Der verklärte Blick auf die Marke Eigenbau mag evolutionär vorteilhaft sein. Ziemlich problematisch wird er allerdings, wenn es um DIY-Produkte geht, die entstehen, um anderen Menschen eine Freude zu machen. Weihnachtsgeschenke etwa.



Selbstgemacht versus selbstgekauft: Ersteres gilt den allermeisten als die emotional höherstehendere, persönlichere Gabe. Die Idee, dass dem Selbstgefertigten ein zusätzlicher immaterieller Wert zueigen ist, hat noch viel mehr selbermachende Fans bekommen, seit Basteln DIY heißt und T-Shirts Bedrucken Customizen und in den hippen Vierteln deutscher Großstädte Nähcafés wie Unkraut aus dem Boden schießen. Also doityourselfen und customizen sie für ihre Liebsten, um ihnen zu zeigen, wie viel sie ihnen bedeuten. Und zeigen damit auch, dass sie sich selbst und ihre eigenen Talente am allermeisten lieben.  
         


Wer sich nun angesprochen fühlt und sich gleichzeitig aber nicht hundertprozentig sicher ist, Profi in Sachen Handarbeit und Gestaltung zu sein: Schluss mit dem Dilettantentum! Denn weil Eigenschöpfungen eben nicht nur von den anderen, den Etsy-Verkäufern und Eltern dieser Welt, überbewertet werden, bringt ihr Verschenker der selbstgenähten Kissenbezüge und Laptoptaschen die Beschenkten in arge Bedrängnis.

Mit recht hoher Wahrscheinlichkeit ist das Geschenk nicht allzu schön anzusehen und, bei Gebrauchsgegenständen, unpraktisch, weil mit laienhaften Methoden angefertigt. Es mag hart klingen, aber irgendwer muss es euch ja sagen. Der Beschenkte wird es nämlich wohl nicht tun. Er oder sie möchte euer Geschenk wahrscheinlich weder anziehen noch zu Dekorationszwecken aufs Sideboard stellen. Er wird sich aber täglich darüber ärgern, dass der Reißverschluss seiner Laptoptasche dauernd klemmt. Denn er wird sich gezwungen fühlen, euer Geschenk zu benutzen.

Es ist noch relativ einfach, über ein gekauftes, aber doch auch selbst ausgesuchtes Geschenk zu sagen, dass es einem nicht so gut gefällt, dass man es vielleicht gerne umtauschen würde. Das Nicht-Gefallen lässt sich dann diplomatisch auf die eigene Mäkeligkeit schieben und der Schenker ist meist nicht allzu gekränkt. Wenn man aber bei einer DIY-Gabe nicht völlig ausflippt vor Begeisterung und dies auch nur vorsichtig andeutet, kann man dem Selbermacher-Ego schwere Schäden zufügen. Allzu schnell fühlt sich der Bastler auch als Person kritisiert. Obwohl die Kritik nur dem gilt, was seinen Laien-Händen entsprungen ist.

Selbstgemachte Geschenke schneiden aber nicht nur in den Kategorien Ästhetik und Alltagstauglichkeit schlecht ab. Auch die gern beschworene Mühe, die sich der Schenker machen muss, ist eine seltsame Bewertungsgrundlage: Wenn man meint, ein Geschenk steige im Wert, weil jemand beim Basteln viel Zeit und Mühe investiert, ignoriert man zum einen, dass auch das Aussuchen des perfekten Geschenks viel Schweiß erfordern kann. Zum anderen hat die Idee, dass sich für ein ganz besonderes Geschenk jemand stundenlang in gekrümmter Haltung in seiner Bastelecke abmühen muss, auch eine recht sadistische Komponente: Warum soll es einem bitte zusätzliche Freude bereiten, wenn die liebsten Menschen sich quälen? Viel Lebenszeit dafür opfern, nur um uns ein Geschenk zu machen? Und wäre es nicht ein viel schöneres Geschenk, die Zeit gemeinsam statt allein in der Bastelecke zu verbringen?

Man könnte es doch auch andersherum sehen: Wenn jemandem in Sekundenbruchteilen ein passendes Präsent einfällt, zeigt es, wie gut uns dieser Mensch kennt, wie nahe wir uns stehen.

Wer jetzt trotzdem beharrt, selbstgemachte Geschenke seien auch unperfekt super, weil der Gedanke hinter dem Geschenk zähle, dem sei mit aller Deutlichkeit erwidert: Sorry, Dilettantentum ist nur bei Kindern niedlich.

Und wer gar mit Joseph Beuys kommt, dass jeder Mensch ein Künstler sei: Nun, ich zumindest möchte keine Fettecke geschenkt bekommen.



Text: juliane-frisse - Foto: Miss X / photocase.com

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