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Meine Theorie: Einsamkeit sucks

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Mal eine Weile für sich sein ist das Beste, bildet den Charakter und ist auch sonst gut für den Menschen. Überhaupt: Einsamkeit habe ein zu schlechtes Image und müsse viel öfter zelebriert werden und aus der Schmuddelecke der Gefühle rausgeholt werden. Kann sein, dass das stimmt, was man gerade so über die Einsamkeit liest, ich glaube aber vielmehr, da hat jemand den Unterschied zwischen „alleine sein“ und „einsam sein“ nicht kapiert. Denn alleine sein, das kann gut sein, auch notwendig, damit man mal Zeit hat für sich, Gedanken sortieren kann, dringend nötige Erledigungen tätigen, oder einfach nur mal sich und die Wohnung putzen. Einsamkeit dagegen ist ein Zustand, und kein selbstgewählter. Einsamkeit ist schrecklich. Wer einsam ist oder schon einmal war, der weiß, wie schlimm das ist. Einsamkeit macht hässlich, weil man sich nicht mehr um sich selbst kümmert. Sie macht komisch, weil man asozial wird und mit sich selbst spricht, um nicht verrückt zu werden. Und sie macht einen zu einem anstrengenden Menschen, der anderen Leuten auf die Nerven fällt. Denn der Einsame will nichts lieber, als seine Einsamkeit so schnell wie möglich zu beenden. Und das ist schwer, auch wenn man nicht aufgrund der schwierigen Persönlichkeit einsam ist, sondern nur in eine fremde Stadt gezogen ist, in der man wenige Menschen kennt. Schon tritt man in Einsamkeitsfalle Nr.1: man nervt. Statt die sonst üblichen zwischenmenschlichen Regeln brav einzuhalten, heißt: nicht öfter als drei Mal anrufen, ohne dass man zurückgerufen wurde, oder nicht um eine Verabredung zu bitten, tut man genau das. Man ruft zu oft an, man bittet um Verabredungen und ignoriert die Unwilligkeit in der Stimme des Anderen und erzwingt ein Treffen. Und wenn man dann realisiert, was man getan hat – und die Ernüchterung kommt spätestens nach dem zähen Treffen – schämt man sich. Dann fängt man an, Seitenlange Briefe an alte Freunde zu schreiben. Man erzählt von sich, was man zu Mittag gegessen hat und wie gerne man sich jetzt treffen würde. Wenn man Glück hat, kommt eine Postkarte mit „herzlichen Grüßen“ zurück. Fast immer aber: nichts. Denn, und das ist noch mal besonders fies an der Einsamkeit: die hat man eben immer nur alleine, während scheinbar alle anderen gerade Volksfeste feiern oder Kleinfamilien basteln. Das kostet Zeit, das versteht man ja normalerweise auch. Aber Einsamkeit führt eben auch zu gesteigertem Selbstmitleid und Ich-Zentrierung. Und all diese eigentlich normalen Reaktionen der Außenwelt nimmt man persönlich und als stetig einlaufende Beweise für das Elend, in dem man sich befindet.

Gleichzeitig weiß man eigentlich, dass man diesen Zustand aushalten muss und dass er normalerweise irgendwann vorübergeht. Aber da ist diese fiese Stimme im Kopf, die einem sagt: „Wenn du dich einsam fühlst, dann bist du daran selbst schuld. Du hast keine Freunde, bist komisch und kannst dich selbst nicht aushalten.“ Diese Stimme lügt und verwechselt ebenso wie manche Sportwagen fahrenden Publizisten die Zustände. Also macht man weiter mit komischen und verzweifelten Aktionen: Plötzlich findet man sich in einem Sportverein wieder, nur weil man irgendwo gelesen hat, dass man beim gemeinsamen Schwitzen nette Leute kennen lernen kann. Natürlich klappt das nicht, die schwitzenden Menschen sind entweder blöd oder sie kennen sich schon seit dem Kindergarten und schüchtern einen vor lauter Zusammengehörigkeitsgefühl so sehr ein, dass man sofort wieder austritt. Denn immer, wenn man solche verzweifelten Taten begeht, wird man auf sich selbst zurückgeworfen. Und hatte es nicht einen Grund, dass man bisher nie Mitglied in einem Verein war? Einsamkeit kann und wird jeden einmal im Leben treffen – sei es, weil man einen neuen Job in einer Stadt antritt, oder sukzessive der Freundeskreis ausdünnt, einfach, weil so etwas im Laufe des Lebens passiert. Und für jeden ist die Einsamkeit vermutlich am allerschlimmsten. Aber niemand redet gerne über diesen Zustand. Vielleicht sollte man offener damit umgehen und kapieren, dass man nicht schuld daran ist. Und beim nächsten Mal, wenn verzweifelte Neubekannte um ein Treffen bitten, sollte man sich vielleicht daran erinnern, wie ätzend man sich gefühlt hat und freudig die Einladung auf das Bier annehmen. Wer weiß, vielleicht wird es ja nett.

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