Meine Theorie: Fußball-begeisterte Mädchen sind keine richtigen Mädchen mehr

Mädchen und Fußball - nie war dieses Verhältnis besser als in diesen Tagen, kurz vor dem WM. Und das ist eigentlich schade.
florian-kaindl

Zur Zeit geschehen Dinge um mich herum, die ich nicht richtig einordnen kann. Sie haben mit Mädchen und jenem Ballsport zu tun, der in den nächsten vier Wochen das große Ding sein wird. Fußball war einst ein Männersport. Auf dem Platz wie vor dem Fernseher. Damit ist es jetzt vorbei. Man könnte sagen, die Vorzeichen haben sich gedreht: Letztens zum Beispiel hat eine Freundin bitter beklagt, sie könne sich das Champions-League-Finale gar nicht ansehen. Sie habe leider schon etwas Anderes vor. So etwas hatte ich vorher noch nie aus einem weiblichen Mund gehört. Eine andere Freundin von mir redet momentan nur noch davon, wie sie die WM live im Garten übertragen wird, und dass sich ein bis Juli auf Weltreise befindlicher Kumpel besser beeilen sollte - „sonst verpasst er etwas“. Claudia Schiffer beschreibt stolz, wie sie ab Anpfiff Fähnlein wedelnd vor dem Fernseher sitzen wird, Heidi Klum bemüht sich, die Abseitsregel - wenn auch falsch - zu erklären. Und Angela Merkel sieht unterwürfig zu Oliver Kahn auf mit einem Blick, der fordert, er solle sie doch auch mal zwischen seine großen Pranken nehmen.

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Illustration: Julia Schubert

Frauen, so scheint es, sind nach Jahren der Dauerbeschallung mit Vollspan, Hacke und derben Fachsimpeleien, doch noch weich geworden. Die Imagekampagnen haben ihr Ziel erfüllt: Das, worüber man sich im Geschlechterkampf spaßhaft in die Haare gekriegt hatte - die pure Opposition zu unserem ballverliebten Grölinstinkt - gibt es nicht mehr. Es wirkt so, als sei den Mädchen das bisherige Desinteresse schlagartig peinlich geworden. Als suchten sie aus aktuellem Anlass eine Gesprächsbasis, um sich auch vorbildlich und gut informiert für das liebste Hobby der Nation zu interessieren. Dabei wird diese Forderung von männlicher Seite doch gar nicht gestellt. Ich gebe zu, die aktuelle Entwicklung ist mir nicht ganz geheuer. Ich sehne mich zurück nach einem „Mit euch kann man sich ja gar nicht unterhalten“, während des Elfmeterschießens, nach einem „Gegen wen spielen wir denn eigentlich?“ zur Mitte des Vorrundenspiels. Nach der berechtigten Frage „Warum ist der Ballack eigentlich so gut?“. Wenn Mädchen sich jetzt vorurteilsfrei entscheiden, mitzufiebern und sich grämen, weil die Vorbesprechung zu einem Referat auf den Zeitpunkt des Eröffnungsspiels fällt - dann geht etwas verloren: Ihr unverstellter Blick für das Wesentliche, das Selbstbewusstsein und die Überzeugung, nicht jedem Ball nachzulaufen. Foto: dpa

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